TANEGASHIMA / LONDON (IT BOLTWISE) – Die japanische Raumfahrtbehörde JAXA plant den Start der Mission „Martian Moons Exploration“ (MMX) am 19. Oktober 2026. Die Sonde mit Rakete vom Typ H3 soll auf Phobos erstmals Bodenproben vom Marsmond zur Erde bringen. Damit kann Japan beim Rücktransport potenziell früher liefern als die USA und China, deren Programme zeitlich anders getaktet sind. Gleichzeitig zeigt die Mission, wie stark diesmal Lande- und Sammeltechnik die Erfolgswahrscheinlichkeit bestimmt.

Japan verschiebt den Zeitplan für den Marsmond-Probenrücktransport spürbar nach vorn: Laut JAXA soll die Raumsonde „Martian Moons Exploration“ (MMX) am 19. Oktober 2026 um 21:41 Uhr MESZ vom Raumfahrtzentrum Tanegashima auf der gleichnamigen Insel starten. An Bord ist ein aus drei Modulen bestehendes Raumfahrzeug, das mit der Trägerrakete H3 eine etwa fünftägige? (gemeint: fünfeinhalbjährige) Reisezeit von fünf Jahren anpeilt, um Material vom Marsmond Phobos einzusammeln. Für den Mars-Wettlauf ist das Timing nicht nur symbolisch, sondern strategisch: Wer die Proben als erstes auf der Erde analysieren kann, bestimmt häufig auch, welche Hypothesen zuerst „gewinnen“ – etwa ob Phobos aus eingefangenen Asteroiden stammt oder sich nach einer frühen Kollision aus Marsmaterial gebildet hat.
Der politische und programmatische Hintergrund liefert dabei den Markt- und Wettbewerbsrahmen. Die US-Seite hat ihr eigenes Rückführprogramm Anfang 2026 aus Kostengründen gestrichen; gleichzeitig visiert China für seinen Marsmond-Ansatz den Zeitraum 2028 an. Genau hier setzt MMX an: Wenn das Startfenster tatsächlich eingehalten wird, rückt Japan beim Rücktransport in eine Position, die den bisherigen Vorsprung anderer Programme konterkarieren könnte. Gleichzeitig bleibt das Vorhaben anspruchsvoll, weil MMX ursprünglich deutlich früher starten sollte und mehrere Verzögerungen überstanden hat. Besonders deutlich wird das an der Trägerrakete H3: Nachdem es im März 2023 beim Erstflug einen Fehlschlag gab, brauchte die Industrie Zeit, um die Zuverlässigkeit im Betrieb zu stabilisieren – einzelne spätere Missionen dienten dabei als Taktgeber, bis auch im Dezember 2025 ein Triebwerksproblem bei einer anderen Aufgabe wieder die Frage nach der langfristigen Robustheit stellte.
Technisch betrachtet setzt MMX auf eine clevere „Abkürzung“: Statt direkt vom Marsboden zu landen und Proben von der Oberfläche zu bohren, zielt die Mission auf Phobos. Der Grund ist energetisch. Auf dem Mars sind Rückflüge von der Oberfläche wegen der hohen Schwerkraft mit eigenem Aufstiegs- und Startaufwand verbunden; ein Rücktransport ist daher deutlich aufwendiger als bei einem kleinen Mond. Phobos umkreist den Mars etwa dreimal täglich und liegt dabei rund 6.000 Kilometer entfernt. Diese Nähe sorgt dafür, dass der Mond regelmäßig Auswurfmaterial sammelt: Gesteinsfragmente, die bei Einschlägen von der Marsoberfläche ins All geschleudert werden. Nach Schätzungen der JAXA soll dieser Anteil etwa 0,1 Prozent der oberen Bodenschicht ausmachen – der größere Rest (99,9 Prozent) bleibt damit ein Schlüssel, um die Herkunft von Phobos selbst zu bestimmen.
Die Messstrategie folgt aber nicht nur der Geologie, sondern auch der Realität der Masse. Die Mission ist laut Quelle auf mindestens rund zehn Gramm locker liegenden Oberflächengesteins (Regolith) ausgelegt. Rechnerisch entspricht das für den Mars selbst nur etwa zehn Milligramm Staub, der nicht einer exakt definierten Region auf dem Planeten zugeordnet werden kann wie bei einer direkten Bohrung. Genau darin liegt die Kehrseite: Phobos liefert Materialmischungen, die eher eine zeitlich und räumlich integrierte „Probe des Systems“ sind. Dafür ermöglicht die Analyse dann zwei konkurrierende Narrative zu testen: eingefangene Asteroiden versus Materialreste aus einer frühen Kollision. Um das Risiko zusätzlicher Unschärfe abzufedern, setzt die Mission auf präzise Probenentnahmeverfahren und eine Kombination aus Vor-Ort-Charakterisierung und späterer Laboranalyse auf der Erde.
Auf dem Flugplan steht zunächst der Aufbau eines Quasi-Satelliten-Orbits: Nach einer Strecke von 500 bis 600 Millionen Kilometern soll MMX im August 2027 den Mars erreichen und im September 2027 in eine Flugbahn einschwenken, die den Raumsondenverbund dauerhaft in der Nähe von Phobos hält. Der Begriff „Quasi-Satellit“ beschreibt dabei den Kernmechanismus: Die Anziehung des Mondes allein reicht nicht aus, um eine stabile Umlaufbahn zu halten. Die Sonde bleibt daher weiterhin Mars-gebunden, wird aber durch ihre Flugbahn so positioniert, dass Phobos für Landungen und Sammelmanöver praktisch „im Blickfeld“ bleibt. Für die Entnahme der Proben sind im Jahr 2030 zwei unterschiedliche Sammelwege vorgesehen – einer für die Oberfläche und einer für Material aus etwa zwei Zentimetern Tiefe. Ein Bohrarm soll dabei Untergrundproben holen, während ein zweites System der NASA Druckgas nutzt, um Staub aufzuwirbeln und in einen Behälter zu leiten.
Besonders risikobehaftet wird der Abwurf eines weiteren Roboters: Anfang 2029 setzt das Mutterschiff den 25 Kilogramm schweren Erkundungsrover Idefix aus rund 40 Metern Höhe im freien Fall ab. Der entscheidende Faktor ist die geringe Schwerkraft auf Phobos: Sie beträgt nur etwa ein Zweitausendstel des irdischen Werts, was Idefix effektiv auf rund 15 Gramm Gewicht reduziert. Diese „Milligravitationsbedingungen“ machen Landungen zu einem Kontrollproblem, weil Landegeräte beim Aufsetzen unkontrolliert zurückprallen können – und weil frühere Phobos-Landeversuche bereits an diesem Punkt gescheitert sind. Genau deshalb besitzt Idefix vier einzeln steuerbare Beine, die sich nach dem Aufprall selbstständig aufrichten sollen. Danach soll der Rover über hundert Tage die Bodenfestigkeit prüfen, um die Probenentnahme und die Geländeeinschätzung besser zu verankern.
Für die in-situ Untersuchung kombiniert Idefix Sensorik mit Materialproben. Unter anderem kommt ein Raman-Spektrometer zum Einsatz: Gebündeltes Licht bestrahlt die Oberfläche, und aus den reflektierten Wellenlängen wird die mineralogische Zusammensetzung abgeleitet. Das verbaute Lasermodul wiegt laut Quelle rund 50 Gramm und wurde vom Fraunhofer-Institut für Angewandte Optik und Feinmechanik (IOF) in Jena entwickelt; es sollte ursprünglich für ein europäisch-russisches Missionskonzept dienen, wechselte nach dem Abbruch der Kooperation über weitere Partnerwege in das japanische Projekt. Wenn die Probenentnahme durch die Hauptsonde später wie geplant läuft, soll das Rückkehrmodul die hitzegeschützte Kapsel nach einem Vorbeiflug am Nachbarmond Deimos im Jahr 2031 über Australien abwerfen. Bis dahin überwacht zudem ein Strahlenmonitor an Bord die kosmische Strahlung kontinuierlich, damit Forscher besser beurteilen können, ob Phobos perspektivisch als Stützpunkt für Astronaut: innen taugt oder ob die Strahlenbelastung im Marssystem dagegen spricht.
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