BONN/DÜSSELDORF / LONDON (IT BOLTWISE) – Eine Vergleichsstudie des CASSIS zeigt: Europas digitale Abhängigkeit steigt trotz Fortschritten in den USA und China weiter. Der Digital Dependence Index (DDI) liegt für Europa 2010 bis 2023 im Mittel bei 0,69 und damit höher als noch vor rund einem Jahrzehnt. Für Plattformen wie Betriebssysteme, Suchmaschinen und Cloud-Dienste erreicht Deutschland nahezu Vollabhängigkeit mit einem DDI-Wert von 0,98. Gleichzeitig warnen die Autoren vor dem „Irland-Effekt“ durch den Sitz vieler US-Konzerne und leiten daraus Folgerungen für die digitale Leistungsbilanz ab.

Europa rutscht bei digitalen Schlüsseltechnologien nach Einschätzung einer aktuellen Vergleichsstudie spürbar in eine ungünstigere Position: Während die USA und China ihre Abhängigkeiten bei mehreren Technologiekategorien offenbar abbauen konnten, bleibt Europa stärker von ausländischen Digitaltechnologien abhängig als noch Anfang der 2010er Jahre. Die Untersuchung stammt vom Center for Advanced Security, Strategic and Integration Studies (CASSIS) der Universität Bonn, durchgeführt in Kooperation mit dem Vodafone Institute for Society and Communication. Im Zentrum steht dabei ein eigens entwickelter Kennwert, der nicht nur einzelne Produkte betrachtet, sondern die Abhängigkeit über Jahre hinweg vergleichbar machen soll.
Gemessen wird das über den „Digital Dependence Index“ (DDI), in den 51 Industrie- und Schwellenländer über einen Zeitraum von 2010 bis 2023 eingeordnet wurden. Der Index reicht auf einer Skala von 0 (vollkommene Unabhängigkeit) bis 1 (vollständige Abhängigkeit) und verteilt sich auf vier Kernbereiche: Hardware-Handel, IT-Dienstleistungen, Software-Plattformen sowie Technologiepatente. In der Gesamtschau steigt die durchschnittliche digitale Abhängigkeit europäischer Staaten zwischen 2010 und 2023 leicht um 0,5 Prozentpunkte auf 0,69. China senkt seinen Wert im gleichen Zeitraum um 10,8 Prozentpunkte auf 0,43, die USA verbessern sich um 6,0 Prozentpunkte auf 0,38 und liegen damit im globalen Ranking vorn.
Für Deutschland ergibt sich im weltweiten Vergleich ein Mittelplatz: Mit einem DDI-Wert von 0,73 belegt das Land Rang 25 und teilt sich damit das mittlere Feld mit unter anderem Österreich und Thailand. Entscheidend ist jedoch nicht nur die absolute Position, sondern die Dynamik über die Zeit. Die Autoren berichten, dass sich die digitale Verwundbarkeit Deutschlands zwischen 2010 und 2023 um 2,4 Prozentpunkte verschärft hat. Als Haupttreiber nennen sie eine wachsende Abhängigkeit bei Software und IT-Dienstleistungen, also genau den Bereichen, in denen sich moderne Wertschöpfungsketten zunehmend in Richtung Plattform-Ökosysteme verlagern.
Beim Blick auf die einzelnen Kategorien zeigt sich ein differenziertes Bild, das sich in der Logik vieler europäischer Volkswirtschaften wiederfindet: In der Patentdimension hat Deutschland laut Studie innerhalb der untersuchten europäischen Staaten die geringste Abhängigkeit bei Informations- und Kommunikationstechnologie-Patenten. Gleichzeitig reicht das als Ausgleich bei weitem nicht, weil der Rückstand in den anderen Technologiefeldern gegenüber mehreren Konkurrenten deutlich bleibt. Die Studie beziffert den Abstand zu den USA auf 26 Prozent, zu China auf 20 Prozent und zu Südkorea auf 12 Prozent. Hier wird ein typisches Muster sichtbar: Patente und Forschungsergebnisse können zwar Innovation signalisieren, liefern aber allein noch keine robuste technologische Souveränität in der täglichen Bereitstellung von Systemen, Schnittstellen und Betriebssoftware.
Besonders scharf fällt die Abhängigkeit bei Plattformen aus. Deutschland sei bei Plattformen wie Betriebssystemen, Suchmaschinen und Cloud-Diensten praktisch vollständig von ausländischen Anbietern abhängig, und damit ordne es sich in ein Cluster sogenannter postindustrieller Staaten ein, die industriell und forschungsstark sind, jedoch bei Plattform-Ökosystemen erhebliche Lücken aufweisen. Im europäischen Gesamtschnitt ist diese Zweiteilung besonders ausgeprägt: Dienstleistungen liegen demnach bei einem DDI-Wert von 0,42 und Hardware bei 0,59 im vergleichsweise moderaten Bereich, während Plattformen mit 0,98 und Patente mit 0,99 nahezu vollständig von Drittstaaten dominiert sind. Für Unternehmen bedeutet das vor allem eine erhöhte Austausch- und Betriebsabhängigkeit: Wenn Betriebssysteme, zentrale Cloud-Bausteine oder Such- und Indexierungsdienste aus externen Ökosystemen kommen, verschieben sich Kosten-, Sicherheits- und Lieferkettenrisiken in die „Middleware-Schicht“ des Digitalbetriebs.
Zugleich machen die Autoren auf eine mögliche statistische Verzerrung aufmerksam: der sogenannte „Irland-Effekt“. Irlands scheinbar hervorragender Unabhängigkeitswert von 0,40 beruhe demnach vor allem darauf, dass viele US-amerikanische Großkonzerne dort ihren Sitz haben, teilweise aus Steuergründen. Entfernt man Irland aus der Betrachtung, kippt die europäische Handelsbilanz bei digitalen Dienstleistungen für die Jahre 2022 bis 2024 dem Bericht zufolge von einem Überschuss in ein Defizit von rund 350 Milliarden US-Dollar. Für die Interpretation der Kennzahlen ist das relevant, weil Standortlogik oft nicht 1:1 abbildet, wo Software tatsächlich entwickelt, betrieben und aktualisiert wird.
Unterm Strich liefert die Studie damit weniger eine Momentaufnahme als einen Hinweis auf strukturelle Engpässe: Europa baut zwar bei einzelnen Technologiebausteinen auf und verbessert Teilbereiche, doch die Dominanz externer Plattformen bleibt hoch. Gerade für Künstliche Intelligenz und datenintensive Workloads spielt das indirekt hinein, weil Trainings- und Deploymentschritte häufig auf genau jenen Software- und Plattformschichten basieren, die in der Studie als nahezu vollständig ausgelagert beschrieben werden. Aus Sicht von CIOs und Digitalverantwortlichen verschiebt sich die Diskussion daher von „Welche Tools nutzen wir?“ hin zu „Wie austauschbar sind unsere Plattformabhängigkeiten?“, zumal sich Risiken nicht nur in der Lieferfähigkeit, sondern auch in der Zukunftsfähigkeit von APIs, Integrationen und Sicherheitsupdates zeigen.
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