LONDON (IT BOLTWISE) – Die Heart Failure Society of America (HFSA) will die Rechtsherzinsuffizienz künftig als eigenständiges klinisches Syndrom behandeln. In einer Stellungnahme betonen die Autoren um Manreet K. Kanwar und Ryan J. Tedford, dass strukturierte, multiparametrische Diagnostik frühe und verlässliche Entscheidungen ermöglichen soll. Für das Akutmanagement auf der Intensivstation empfehlen sie ein 3-Säulen-Konzept zur Stabilisierung von Vorlast, Nachlast und Kontraktilität. Gleichzeitig warnen sie vor einer unkritischen Übertragung von Therapien, die eigentlich für andere Formen der pulmonalen Hypertonie gedacht sind.

Rechtsherzinsuffizienz galt in der klinischen Praxis lange Zeit zu oft als Randnotiz: als Begleiterscheinung oder als spätere Folge linksseitiger Herzerkrankungen. Genau diese Sichtweise rückt die Heart Failure Society of America (HFSA) nun in den Mittelpunkt einer wissenschaftlichen Stellungnahme, die im Journal of Cardiac Failure veröffentlicht wurde und über die am 27. Oktober 2026 berichtet worden ist. Die Botschaft ist dabei nicht nur semantisch: Wenn die rechte Herzkammer als „Mitläufer“ verstanden wird, geraten Verlaufskomplexität, typische Komplikationen und die daraus entstehenden Versorgungsfolgen leicht aus dem Blick.
Hinter der Neubewertung steht laut Statement vor allem die klinische und versorgungsökonomische Relevanz des Phänotyps. Rechtsherzinsuffizienz soll demnach mit verlängerten Hospitalisierungen einhergehen, mit einer höheren Auslastung von Betten auf Intensivstationen und zudem mit einer hohen Rate an erneuten Krankenhausaufnahmen. Diese Muster sind in der Praxis entscheidend, weil sie zeigen, dass das Problem häufig nicht „automatisch“ im Schatten einer linksseitigen Störung mit abklingt. Stattdessen braucht es offenbar einen eigenständigen diagnostischen Zugriff, der das Zusammenspiel aus rechtsventrikulärer Pumpfunktion, Kreislaufdynamik und zugrunde liegender Ursache sauber trennt.
Für die frühzeitige Erfassung empfehlen die HFSA-Autoren einen strukturierten, multiparametrischen Diagnoseweg, der vier Bausteine zusammenführt. Gemeint ist zuerst die eingehende klinische Untersuchung, die Hinweise auf Volumenstatus, Perfusionslage und Symptomkonstellationen liefert. Ergänzend sollen spezifische kardiale Biomarker bestimmt werden, um die Belastung des Herzmuskels und mögliche Gewebeschäden messbar einzuordnen. Der dritte Pfeiler ist eine gezielte echokardiographische Beurteilung, weil damit die rechtsventrikuläre Funktion und relevante hämodynamische Hinweise im Bild verankert werden können. Den vierten Baustein stellen invasive Messungen mittels Rechtsherzkatheteruntersuchung dar, mit denen sich funktionelle und hämodymamische Einschränkungen differenzierter beurteilen lassen – insbesondere dann, wenn nicht-invasive Verfahren allein keine ausreichende Klarheit liefern.
Auch therapeutisch versucht die Stellungnahme, die Logik der Entscheidungen näher an die Physiologie heranzuführen. Für Patienten mit akuter Rechtsherzinsuffizienz, die auf der Intensivstation behandelt werden müssen, definiert die HFSA ein klares 3-Säulen-Konzept zur Stabilisierung der Hämodynamik: die Optimierung der rechtsventrikulären Vorlast (Preload), die Senkung der Nachlast des rechten Ventrikels (RV-Afterload) sowie die gezielte Unterstützung der Kontraktilität bei gleichzeitiger Sicherung einer ausreichenden Organperfusion. Entscheidend ist dabei die Reihenfolge im Denken: Zuerst die Belastungslage beherrschbar machen, dann die Pumpkraft adressieren und erst aus dieser stabilen Basis heraus die weitere Strategie festlegen. Genau hier setzt die Fachgesellschaft auch eine Warnung: Eine Therapie, die für pulmonal-arterielle Hypertonie (PAH) spezifisch entwickelt wurde, die aber im Kontext einer pulmonalen Hypertonie entstanden ist, die wiederum aus einer Linksherzerkrankung resultiert, soll nicht routinemäßig „extrapoliert“ werden.
Für fortgeschrittene und refraktäre Krankheitsstadien erweitert das Statement den Blick auf mechanische und interventionelle Optionen. Als temporäre mechanische Kreislaufunterstützung werden perkutane rechtsventrikuläre Unterstützungssysteme (perkutane RVADs) sowie chirurgisch implantierte RVADs genannt. Daneben kommt die venoarterielle extrakorporale Membranoxygenierung (VA-ECMO) in Betracht. In der Logik solcher Systeme geht es vor allem um eine Überbrückungsstrategie: Der Kreislauf wird für eine definierte Zeit stabilisiert, während weitere Behandlungsentscheidungen getroffen werden oder bis sich die zugrunde liegende Situation weiterentwickelt. Parallel beleuchtet die Stellungnahme interventionelle Klappentherapie: Bei hochgradiger Trikuspidalregurgitation kann eine Transkatheter-Trikuspidalintervention Symptome lindern – ob daraus jedoch auch ein klarer Vorteil beim Gesamtüberleben resultiert, bleibt nach heutigem wissenschaftlichen Stand offen.
Für Krankenhäuser und Intensivstationen hat die HFSA-Empfehlung damit mehrere praktische Konsequenzen. Wer Rechtsherzinsuffizienz künftig als eigenständiges Syndrom behandelt, muss Diagnosepfade in der Routine verankern: vom Biomarker-Workflow über koordinierte Echo-Befunde bis hin zu klaren Triggern, wann ein Rechtsherzkatheter sinnvoll ist. Ebenso rückt die Therapieentscheidung stärker in Richtung „rechtsventrikuläre Hämodynamik zuerst“ – statt symptomatische Effekte oder medikamentöse Standardansätze aus verwandten Indikationen unkritisch zu übertragen. Für Kliniken bedeutet das organisatorischen Aufwand, aber auch die Chance, die hohen Rehospitalisierungsraten besser anzugehen, indem frühe Fehlklassifikationen reduziert werden. Gleichzeitig bleibt die evidenzbasierte Lücke bei Überlebensergebnissen nach Klappeneingriffen bestehen – ein Signal, dass zukünftige Studien genau dort ansetzen sollten, wo heute noch Unsicherheit herrscht.
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