SINGAPUR / LONDON (IT BOLTWISE) – Bitwise-Chef Hunter Horsley erklärt den Kryptowinter für beendet und verweist auf ausgedünnte Verkäufer sowie mehr institutionelle Aktivität. Ethereum-Mitgründer Joseph Lubin sieht das „Tauwetter“ schon länger und ordnet Ether als zensurresistente Abwicklungsschicht für Smart Contracts ein. Gleichzeitig bleiben Zinswende und Regulierungsdetails in den USA die größten Bremsklötze für den nächsten Aufschwung. Für Anleger entsteht damit ein neuer Bewertungsanlass – besonders mit Blick auf den Abstand zum alten Bitcoin-Rekordhoch.

Auf der TOKEN2049 in Singapur lieferten zwei prominente Stimmen aus der Krypto-Landschaft einen für viele Anleger wichtigen Stimmungswechsel: Bitwise-Chef Hunter Horsley sagte, der Kryptowinter sei vorbei. Joseph Lubin, Mitgründer von Ethereum und Chef des MetaMask-Entwicklers Consensys, ging in einem separaten Interview noch weiter und deutete an, dass je nach Blickwinkel der Winter bereits länger überwunden sei. Das Signal ist weniger ein reines Bauchgefühl als eine Argumentationskette, die vor allem auf Marktbereinigung, institutionelle Nachfrage und messbare Aktivitätsindikatoren im Ökosystem setzt.
Horsley begründete seine Einschätzung mit dem Verlauf der Baisse, die Ende 2025 einsetzte. Nach seiner Darstellung hat diese Phase viele Verkäufer weitgehend aus dem Markt gedrängt, während gleichzeitig die „Substanz“ der Branche gewachsen sei. In diese Kategorie fallen aus seiner Sicht unter anderem stärkere Nutzungs- und Umsatzzahlen einzelner Kryptoplattformen sowie ein breiter gewordener Zugang über börsengehandelte Produkte wie ETFs und ETPs. Interessant ist dabei, dass er nicht nur auf Kursbewegungen schaut, sondern auf die Marktmechanik: Wenn sich das Verhältnis aus potenziellen Verkäufern und echten Käufern strukturell verschiebt, wird aus einem vorübergehenden Rebound leichter ein nachhaltigerer Aufbau.
Auch bei der Frage, wie schnell es wieder nach oben gehen könnte, setzt Horsley eher auf Timing als auf absolute Gewissheit. Er hält es laut eigener Einschätzung für möglich, dass Bitcoin 2027 ein neues Rekordhoch erreicht – betont aber zugleich, dass dies nicht die offizielle Hausmeinung von Bitwise sei. Neben dem Ausblick spielt außerdem die Überlegung hinein, dass Institutionen in einer Phase steigender Liquidität eher Positionen aufbauen können, ohne dass jeder einzelne Kauf sofort die Kurve „durchdrehen“ muss. Genau dieses Zeitfenster ist für Vermögensverwalter entscheidend: Zu schnelles Steigen könnte kurzfristig die Risikoaufschläge verändern, zu langsames Steigen lässt dagegen die Gelegenheit zur strukturierten Allokation ungenutzt.
Lubin lenkt den Blick stärker auf die technologische und funktionale Rolle von Ethereum. Er argumentiert, dass Ether im institutionellen Umfeld zunehmend als glaubwürdige, neutrale und zensurresistente Abwicklungsschicht wahrgenommen werde. Zugleich sieht er das Netzwerk als Plattform, auf der Smart Contracts für die „nächste Wirtschaftsgeneration“ bereits ihre Kategorie gewonnen hätten. Bei der Substanzdiagnose verknüpft Lubin außerdem Entwicklungen bei Stablecoins und tokenisierten Realwerten mit dem Fortschritt in Richtung DeFi: Digitale Vermögenswerte würden damit schrittweise von einzelnen Inseln in breitere Anwendungsfälle übergehen.
Für die mögliche Rallye nennen beide jedoch klare Bremsklötze. Zum einen geht es um regulatorische Detailfragen in den USA: Der im Text genannte CLARITY Act scheiterte Mitte September im US-Senat an einer Verfahrensabstimmung, bei der 49 zu 50 Stimmen nötig waren, um den nächsten Schritt zu erreichen – notwendig gewesen wären 60 Stimmen. Horsley und Lubin zeigen sich davon relativ unbeeindruckt: Die Argumentation lautet, dass weder Partner noch Kunden auf ein konkretes Gesetz als Voraussetzung warten, und dass Börsen- und Terminaufsicht mit eigener Regelsetzung sowie sogenannten No-Action-Letters für mehr Klarheit sorgen könnten. Gleichzeitig bleibt der praktische Unterschied zwischen Kongressgesetz und behördlicher Auslegung: Letztere kann sich unter neuer Führung oder bei veränderten Prioritäten wieder ändern.
Zum anderen verschiebt die Geldpolitik die Prioritäten an den Märkten. Die US-Notenbank Fed hat den Leitzins am 16. September um 25 Basispunkte auf eine Spanne von 3,75 bis 4,00 Prozent angehoben – laut Quelle die erste Erhöhung seit Juli 2023. Steigende Zinsen erhöhen die Opportunitätskosten für Anlagen ohne laufenden Ertrag wie Bitcoin, was gerade den Positionsaufbau institutioneller Investoren bremsen kann. Wenn gleichzeitig die Kurse noch spürbar unter dem alten Höchststand liegen, wird die Dynamik anspruchsvoller: Das bisherige Bitcoin-Rekordhoch stammt aus Oktober 2025 bei über 126.000 US-Dollar; aktuell liegt Bitcoin bei rund 81.000 US-Dollar, also etwa 35,6 Prozent darunter. Genau hier treffen sich die beiden Narrative – Marktbereinigung und wachsende Nachfrage versus Zinsumfeld und offene Regulierungsfragen – und entscheiden darüber, ob aus „Tauwetter“ eine neue, belastbarere Trendphase wird.
Für Unternehmen und Investoren ergibt sich daraus ein pragmatischer Ansatz: Nicht nur die Schlagzeile „Kryptowinter vorbei“ ist relevant, sondern ob sich die infrastrukturellen Voraussetzungen für größere Kapitalzuflüsse weiter stabilisieren. Der Ausbau institutioneller Kanäle über ETFs und ETPs, die zunehmende Nutzung von Ethereum als Abwicklungsschicht und die Verbreitung von Stablecoins und tokenisierten Realwerten schaffen konkrete Anknüpfungspunkte für Produktentwicklung, Treasury-Strategien und Datenintegrationen. Gleichzeitig sollten Risiko-Teams die Zins- und Regulierungsvariable eng überwachen, weil beide kurzfristig die Bewertungslogik von Krypto-Assets stark beeinflussen können. Die zentrale Botschaft bleibt dennoch: Die Branche argumentiert gerade nicht primär über Hoffnung, sondern über einen gemanagten Übergang von Überlebensmodus zu strukturellem Wachstum.
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