LONDON (IT BOLTWISE) – Infektionserkrankungen wirken im Alltag oft harmlos, doch in der Summe verursachen Atemwegsinfekte, RSV, COVID-19 und Influenza jedes Jahr viele Klinikeinweisungen und Todesfälle. Michael Osterholm vom CIDRAP ordnet diese Risiken als Top-Themen ein und betont dabei den Unterschied zwischen „krank werden“ und „schwer erkranken“. Zusätzlich verweist er auf Antibiotikaresistenzen als langsame Dauerkrise, die durch Übernutzung weiter angeheizt wird. Impfungen bleiben laut ihm der wirksamste Hebel, um schwere Verläufe zu verhindern.

Halloween liefert zwar reichlich Stoff für imaginäre Ängste, Michael Osterholm nimmt im Gespräch aber eine deutlich nüchternere Perspektive ein: Für ihn sind es nicht primär seltene Erreger, die Menschen am stärksten gefährden, sondern jene Krankheiten, die im Alltag so vertraut geworden sind, dass ihre Wirkung unterschätzt wird. Der Direktor des Center for Infectious Disease Research and Policy (CIDRAP) arbeitet dabei mit einer klaren Unterscheidung, die in der öffentlichen Debatte oft verschwimmt: Was „tötet“, was „schadet“, was „beunruhigt“ und was „panikartig“ wahrgenommen wird. Genau hier sieht er eine Lücke zwischen dem, was Schlagzeilen erzeugen, und dem, was am Ende die größten gesundheitlichen Schäden verursacht.
Sein erstes Top-Risiko sind Atemwegserkrankungen – und zwar gleich in mehreren Ausprägungen. Influenza zählt für viele bereits zur Jahresroutine und COVID-19 wirkt nach der Pandemie in der Wahrnehmung vieler Menschen wie „nur noch eine weitere Infektion“. Dass das trügerisch ist, zeigt Osterholm anhand konkreter Zahlen der CDC für die Saison 2025–2026: Es habe bis zu 57 Millionen Grippe-Infektionen gegeben, 390.000 grippebedingte Hospitalisierungen und 81.000 Todesfälle. Noch deutlicher sei die Bandbreite, wenn man die 2024–2025er Saison betrachtet: Sie sei die höchst-„schwere“ Grippesaison seit mehr als einem Jahrzehnt gewesen, mit bis zu 2,8-mal höheren Hospitalisierungsraten als dem historischen Median und 280 pädiatrischen Todesfällen – damit die höchste Zahl in jeder Nicht-Pandemie-Saison seit 2004, als Todesfälle bei Kindern meldepflichtig wurden.
Auch bei COVID-19 und RSV argumentiert Osterholm gegen das Verdrängen des Risikos. In der Saison 2025–2026 verknüpft er die Krankheitslast mit einer Spanne von 5,2 bis 14,6 Millionen geschätzten COVID-19-Erkrankungen sowie bis zu 2,7 Millionen ambulanten Arztbesuchen, 270.000 Hospitalisierungen und 48.000 Todesfällen. RSV wiederum treffe vor allem Säuglinge und ältere Menschen; in derselben Saison habe RSV zwischen 2,8 und 5,8 Millionen ambulante Besuche, 170.000 bis 340.000 Hospitalisierungen und bis zu 25.000 Todesfälle verursacht. Für Betroffene seien die Verläufe nicht selten „alltagsnah“ genug, um später erst als schwerer Verlauf erkannt zu werden, daher rückt er besonders die Risikogruppen in den Fokus: Wer zu den besonders gefährdeten Personen gehört, müsse Impf- und Schutzempfehlungen ernst nehmen.
Der zentrale Praxishebel aus seiner Sicht sind Impfungen – aber mit der richtigen Erwartung. Saisonale Impfungen gegen Influenza und COVID-19 nennt Osterholm als „beste“ Möglichkeit, schwere Verläufe zu verhindern; für RSV verweist er auf Immunisierungen für die jeweils berechtigten Gruppen. Für konkrete Hinweise nennt er als Orientierung die Empfehlungen auf der Website der American Medical Association, die nach Alter und medizinischem Status differenzieren. Wichtig ist ihm zudem die unterschiedliche Schutzwirkung: Für Atemwegsinfektionen seien Impfungen stärker darin, schwere Erkrankungen, Klinikaufenthalte und Todesfälle zu reduzieren als darin, eine Ansteckung vollständig zu verhindern. Gerade bei COVID-19 und Influenza könne die Wahrscheinlichkeit, sich zu infizieren, trotz Impfung relativ hoch bleiben; entscheidend sei jedoch, dass die Impfung die gravierenden Endpunkte deutlich senke. Genau dieser Unterschied – weniger schwere Verläufe statt „null Infektionen“ – soll als Erwartungsrahmen dienen.
Als zweites großes Thema führt Osterholm Antibiotikaresistenz (AMR) an. Dass dies weniger Schlagzeilen mache, liege auch daran, dass Resistenzen oft als diffuse, „zukünftige“ oder „eher andere“ Gefahr wahrgenommen würden. Osterholm stellt dem eine harte Gegenrechnung entgegen: Laut ihm vergessen viele, wie viele Menschen täglich an antimykrobiell resistenten Infektionen sterben. Er nennt dafür Zahlen aus dem Antimicrobial Resistance Threats Report der CDC: Demnach würden in den USA jährlich rund 9,7 Millionen Infektionen durch gegen Medikamente resistente Bakterien und Pilze auftreten, verglichen mit geschätzten 2,8 Millionen im Jahr 2019. Eine Studie aus 2022 habe AMR zudem mit 1,27 Millionen direkten Todesfällen weltweit im Jahr 2019 in Verbindung gebracht und gleichzeitig einen breiteren Zusammenhang mit 4,95 Millionen Todesfällen gezeigt; neuere Forschung mit Daten aus über 100 Ländern komme außerdem zu dem Befund, dass 2023 jeder sechste laborbestätigte bakterielle Infektionsfall antibiotikaresistent gewesen sei.
Damit AMR nicht als abstraktes Prinzip hängen bleibt, beschreibt Osterholm auch den Mechanismus des Beschleunigers: Wenn Resistenz sich ausbreitet, wird die Behandlung oft schwieriger und erfordert häufiger weitere oder stärkere Antibiotika. Gleichzeitig könne Übernutzung das Problem verschärfen, weil sie das schützende Mikrobiom im Darm aus dem Gleichgewicht bringt. In der Folge würden gefährliche Erreger leichter Fuß fassen; als Beispiel nennt er Clostridioides difficile (C.-diff), das eine potenziell lebensbedrohliche Darminfektion auslösen kann. Schwere Durchfälle – im Extremfall auch tödlich – seien dabei ein Kernproblem. Osterholm ordnet C.-diff mit der Einschätzung ein, dass es in den USA etwa eine halbe Million Infektionen pro Jahr verursache; außerdem würden viele Fälle während oder kurz nach der Einnahme von Antibiotika auftreten. In Summe beschreibt er AMR damit als „Slow-Motion-Krise“: nicht laut genug, um sofort Panik auszulösen, aber konstant genug, um sich in der Versorgungsrealität dauerhaft auszuwirken.
Für Entscheider und Gesundheitsverantwortliche ergibt sich daraus eine Management-Frage, die über die reine Medizin hinausgeht: Wie organisiert man Prävention so, dass „bekannte“ Risiken trotzdem konsequent adressiert werden? Osterholms Argumentation legt nahe, dass der öffentliche Fokus nicht vollständig den Extremen überlassen werden sollte, sondern sich stärker an der tatsächlichen Krankheitslast orientieren muss. Gleichzeitig zeigt die AMR-Perspektive, dass Antibiotika-Strategien und Impfprogramme nicht getrennt gedacht werden dürfen: Wenn weniger schwere Verläufe entstehen, sinkt auch die Wahrscheinlichkeit für Folgebehandlungen, und damit indirekt auch der Druck, Antibiotika unnötig einzusetzen. Genau diese Verknüpfung von Impfprävention, rationalem Antibiotikaeinsatz und klarer Risikokommunikation könnte helfen, das „Unter-schätzen“ von Alltagsgefahren in der nächsten Saison systematisch zu verkleinern.
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