PARIS / LONDON (IT BOLTWISE) – Die Schweiz verengt die Auswahl für ihr zweites System der Langstrecken-Luftabwehr auf Israel Barak MX oder das französisch-italienische SAMP/T NG. Parallel bleibt der Kauf des US-Systems Patriot weiterhin Bestandteil des Gesamtplans, dessen Zeitplan sich wegen Produktions- und Lieferverzögerungen verschoben hat. Die Regierung begründet die Entscheidung mit der Notwendigkeit, die Abdeckung zu erweitern, Bedrohungen auch aus Distanz wie ballistische Ziele besser abzuwehren und Abhängigkeiten von nur einem Lieferweg zu reduzieren. Bis zur finalen Mittelentscheidung im Parlament rechnet die Schweiz laut Plan mit dem Zeitraum Anfang 2027.

Die Schweiz macht beim Ausbau ihrer Langstrecken-Luftabwehr ernst: Nach einer ersten Evaluierungsphase hat der Bundesrat die Optionen für das zweite zukünftige System auf zwei konkrete Angebote reduziert – Israels Barak MX und das französisch-italienische SAMP/T NG. Parallel hält die Landesregierung an ihrer Linie fest, zusätzlich zum bereits geplanten US-System Patriot auch eine zweite Lösung an Land zu ziehen. Genau diese Kombination wirkt in der Praxis wie ein Risiko- und Zeitpuffer: Wenn ein Lieferprogramm stockt oder sich die Interoperabilität in der konkreten Beschaffungsumgebung herausfordernd zeigt, soll die Verteidigung trotzdem fortlaufend handlungsfähig bleiben.
Für die Abwägung hat der Bundesrat das Verteidigungsministerium angewiesen, Barak MX durch Israel Aerospace Industries und SAMP/T NG der Eurosam-Schiene aus MBDA und Thales weiter technisch, militärisch und waffenspezifisch zu bewerten. Damit stellt die Schweiz nicht nur reine Leistungsdaten in den Mittelpunkt, sondern auch Faktoren wie Integrationsaufwand in die bestehende Gefechtsführung, die Auslegung der Abschuss- und Feuerleitschnittstellen sowie die reale Einsatzfähigkeit im Zusammenspiel mit Kurz- und Mittelstreckenkomponenten. Wichtig ist zudem, dass der Beschluss nicht ausschließlich als „Hardware-Frage“ betrachtet wird: Der Bundesrat nennt ausdrücklich auch außen- und wirtschaftspolitische Überlegungen, was bei Langstreckensystemen in Europa fast immer mit Lieferketten, Wartungslogik und Regenerationsfähigkeit der Munitionsversorgung zusammenhängt.
Der zeitliche Hintergrund ist dabei entscheidend. Im Mai hatte die Schweiz angekündigt, Langstrecken-Luftverteidigungssysteme bei Herstellern aus Deutschland, Frankreich, Israel und Südkorea zu prüfen. Der Wechsel von „breit prüfen“ zu „eng auswählen“ hängt erkennbar mit der Verzögerung beim Patriot-Kauf zusammen – der Bericht beschreibt eine mehrjährige Verzögerung. Gleichzeitig nimmt die Regierung die politische Lage als Treiber: Die Verschlechterung der geopolitischen Sicherheitslage zwinge zu einer Stärkung der Luftverteidigung. In diesem Rahmen betrachtet die Schweiz Langstrecken-Boden-Luft-Abwehrsysteme inklusive passender Munitionsversorgung als Voraussetzung, um Schutzräume nicht nur punktuell, sondern über relevante Zeitfenster hinweg aufrechtzuerhalten.
Technisch folgt daraus ein klarer Auftrag: Langstrecken-Systeme sollen zusammen mit Kurz- und Mittelstrecken-Lösungen sowie mit Kampfflugzeugen Ziele auch aus Distanz bekämpfen, explizit bis hin zu ballistischen Bedrohungen. Für die Systemarchitektur bedeutet das meist mehr als „ein weiteres Feuerleitgerät“ – es geht um die Gesamtkette aus Sensorik, Zielzuweisung, Kommunikations- und Datenfusion, bis hin zur Wirkungskette am Abschuss. Auch für die operative Planung spielt das eine Rolle: Wer Schutzgebiete erweitern und die Abhängigkeit von einem einzigen Lieferanten oder einer einzelnen Versorgungskette reduzieren will, braucht eine zweite Lösung, die in der Einsatzlogik zusätzliche Freiheitsgrade liefert. Genau diesen Punkt hebt der Bundesrat als Ziel hervor – schnell nachrüsten können, ohne die Gesamtfähigkeit an einer einzigen Beschaffungsroute zu koppeln.
Ein weiterer Engpass liegt nicht in der technischen Bewertungsarbeit, sondern in der internationalen Lieferkette rund um Patriot. Laut Darstellung priorisieren die USA die Patriot-Übergabe an Staaten, die eigene Systeme für die Ukraine bereitgestellt haben; das macht eine vollständige Ablösung des Patriot-Programms ohne Ersatz im aktuellen Lagebild für die Schweiz nicht realistisch. Dennoch laufen die Gespräche über die Lieferung weiter. Für die Schweiz entsteht daraus eine Doppelstrategie: Sie plant finanziell sowohl die zweite Langstreckenkomponente als auch zusätzliche Kostenanteile für Patriot ein, statt das Projekt politisch zu „stoppen“ und damit die Schutzfähigkeit über den Zeitraum der Verschiebungen zu riskieren.
Finanziell soll der parlamentarische Prozess in den kommenden Monaten auf den Weg gebracht werden: Während der Wintersession ist eine Prüfung eines Regierungsantrags für zusätzliche 24 Milliarden Schweizer Franken für Verteidigung und Sicherheit vorgesehen. Darin sind 6 Milliarden Franken zur Finanzierung der zweiten Langstrecken-Luftabwehr sowie ein Teil der Mehrkosten für Patriot enthalten. Erst wenn die Evaluierungen abgeschlossen sind und das Parlament die Finanzierung für die Streitkräfte beschlossen hat – erwartet wird dafür der frühe Zeitraum 2027 – will der Bundesrat über weitere Mittelzuweisungen für Patriot und die nächsten Schritte für das zweite Langstrecken-System entscheiden. Gleichzeitig verweist die Regierung auf weitere bereits vereinbarte Beschaffungen: Für die mittlere Reichweite steht das IRIS-T SLM-System von Diehl Defence, für die kurze Reichweite das Skynex-System von Rheinmetall. Damit entsteht ein mehrschichtiges Luftverteidigungsportfolio, dessen Wirksamkeit vor allem aus dem Zusammenspiel der Schichten resultiert.
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