YUNNAN / LONDON (IT BOLTWISE) – In der Bianfu-Höhle in Südwestchina haben Forschende erstmals einen bestätigten Denisovan-Unterarm gefunden. Entscheidend war eine Kombi aus morphologischer Vorauswahl und ZooMS, um aus über 60.000 Knochenfragmenten gezielt hominin-nahe Stücke herauszufiltern. Proteinanalyse identifizierte dabei eine Denisovan-spezifische Variante von COL1A2. Die Datierung in den späten Mittelpleistozän rückt zudem Lücken im bekannten Verbreitungsgebiet dieser Menschenform nach vorn.

Dass ausgerechnet ein Unterarmfragment die bislang klarste Bestätigung für Denisovanische Überreste in Südwestchina liefert, wirkt auf den ersten Blick fast zufällig. Die Ausgangslage war aber alles andere als „glückstrefferfreundlich“: In der Bianfu-Höhle wurden mehr als 60.000 Knochenfragmente geborgen, und genau dort begann die eigentliche Forschungsarbeit. Denn bei Denisovaner-Funden ist das Problem nicht nur der Fundmangel insgesamt, sondern speziell die spärliche Überlieferung von Knochen unterhalb des Schädelbereichs. Genau diese Lücke wollte das Team schließen, indem es die Suche nicht bei großen, sofort erkennbaren Fossilien ansetzt, sondern systematisch bei Fragmenten.
Technisch basiert der Ansatz auf einem Screening-Workflow, der in vielen großen Sammlungen inzwischen praktikabel geworden ist: Zooarchäologie per Massenspektrometrie (ZooMS). Die Methode nutzt Protein-Signaturen in Knochen, um ohne „klassische“ morphologische Diagnose hominin-nahe Stücke herauszufiltern. Sie ist dabei zwar schonender und vergleichsweise schnell, aber bei einer Sammlung in der Größenordnung von Bianfu trotzdem teuer, wenn man jedes Fragment vollständig untersuchen würde. Aus diesem Grund kombinierten die Forschenden eine morphologische Vorauswahl mit ZooMS. Dabei entstanden 22 Kandidaten, bei denen ZooMS schließlich drei als hominin bestätigt hat – darunter zwei parietale Fragmente und eben der Radius-Fragment-Teil.
Die eigentliche Bestätigung für Denisovans kam anschließend nicht aus der Knochenform allein, sondern aus Proteinen, die im Knochen und zusätzlich in Zähnen konserviert waren. Für die Zuordnung werteten die Forschenden mehrere Proben aus, darunter drei Knochenkörper und zwei Zähne. Aus jedem dieser Objekte wurden 6 bis 16 Proteine rekonstruierbar, also genug Information, um Varianten für eine Gruppenidentifikation heranzuziehen. Bei den Zähnen lieferten die Analysen über das Proteinprofil in der Zahnschmelzschicht sogar Geschlechtsindikatoren: Die Proteinfragmente zeigten, dass beide Zähne männlichen Individuen zuzuordnen sind. Damit entsteht ein deutlich besseres Bild als bei reinen morphologischen Einordnungen, die bei Fragmenten schnell an Grenzen stoßen.
Für die Denisovan-Identifikation ist dabei vor allem eine bestimmte Proteinsignatur zentral: In allen fünf Fossilien fanden die Forschenden die Denisovan-spezifische Variante COL1A2 R996K. Zusätzlich halfen Varianten in den Zähnen, die Funde von anderen frühen Menschenformen abzugrenzen, einschließlich Homo erectus. Um die Einordnung auch rechnerisch zu untermauern, bauten die Forschenden phylogenetische Bäume aus den rekonstruierten Proteinsequenzen. Diese Gruppierung führte alle fünf Proben mit dem Denisovan-Fund Denisova 3 zusammen, und zwar mit einer 100% Posterior-Wahrscheinlichkeit. Das ist insofern bemerkenswert, als es die Proteindaten nicht nur als „Marker“ behandelt, sondern auch als robuste Grundlage für eine statistische Verwandtschaftsschätzung.
Auch die stratigrafische Einbettung macht die Funde wertvoll. Der Radius (BFD771) sowie ein Schädelfragment (BFD767) stammen aus Schicht 7, die auf etwa 148.000 bis 134.000 Jahre datiert wird. Diese Schicht enthielt zudem vier Homininen-Zähne, darunter zwei, die ins Studiendesign aufgenommen wurden: ein unterer vierter Prämolar (YHB3518) und ein unterer zweiter Molar (YHB3075). Das zweite Schädelfragment (BFD769) kam aus einer älteren Schicht 9, datiert auf etwa 167.000 bis 150.000 Jahre. Damit decken die Ergebnisse einen Zeitraum ab, in dem in der Region klimatische Schwankungen eine Rolle spielten – relevant, weil Denisovans nach bisherigem Forschungsstand offenbar in verschiedenen Habitaten auftreten konnten, deren Fossilnachweise aber regional stark variieren.
Der Radius selbst liefert zusätzlich eine anatomische Brücke zwischen „altbekannten“ Linien und neuen Daten. Das Fragment bewahrt das distale Ende nahe dem Ellbogen, und seine Maße erinnern an Radii von Neandertalern. Auch die vermutlich nach innen orientierte Radialtuberositas – die knöcherne Projektion als Ansatzpunkt des Bizepsmuskels – passt in diese Richtung. Gleichzeitig zeigt die Gesamterstreckung des äußeren Knochenprofils eher Affinität zu modernen Menschen, ebenso die Geometrie des Querschnitts im Bereich des verengten Halses nahe dem Ellbogenende. Die Forschenden interpretieren diese Mischung als Hinweis auf spezifische mechanische Anforderungen und Verhaltensanpassungen bei Denisovans, die weder vollständig mit Neandertalern noch vollständig mit heutigen Menschen vergleichbar sind.
Mit den zwei Schädelbruchstücken aus parietalem Knochenmaterial ergibt sich eine weitere Vergleichsebene. Die Muster der Schichtdicke im Schädelgewölbe ähneln laut den Analysen am ehesten Homo heidelbergensis sowie späten archaischen Homo-Varianten aus dem ostasiatischen Mittelpleistozän. Zusammengenommen macht die Bianfu-Höhle damit – bei aller Vorsicht gegenüber einer einzelnen Fundstelle – den derzeit reichsten bekannten Zugang zu Denisovan-Fossilien außerhalb von Denisova Cave. Die Alterslage korrespondiert mit einem glazial geprägten Abschnitt, der als Marine Isotope Stage 6 beschrieben wird. Wenn die Studie außerdem die eher warme Situation auf dem Yunnan-Guizhou-Plateau und die dortigen Nahrungsressourcen als förderlich diskutiert, passt das zur übergeordneten Idee, dass die Fossilüberlieferung nur dann „lesbar“ wird, wenn man sowohl methodisch als auch stratigrafisch gezielt sucht.
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