LONDON (IT BOLTWISE) – Readwise bringt mit „Readwise Books“ eine neue App an den Start, die E-Books nicht nur verkauft, sondern auch das Leseverhalten mit deutlich granulareren Kennzahlen auswertet. Die Plattform kombiniert ein Goodreads-ähnliches Tracking mit Funktionen wie Sitzungsanalysen, Tempo, Tiefe und Immersion. Zusätzlich will Readwise offen bleiben: Mit öffentlicher API und einem MCP-Server lassen sich Daten und Workflows für eigene Apps und KI-Agenten verbinden. In der Beta ist die App derzeit einladungsbasiert oder an bestehende Readwise-Abos gekoppelt.

Mit „Readwise Books“ versucht der Startup-Hintergrund hinter der bestehenden Read-it-later- und Highlight-Software, einen neuen Angriffspunkt in der Buch-App-Welt zu setzen: nicht nur das Sammeln und Verwalten von Lesezeichen, sondern der komplette Zyklus aus Kauf, Lesen und Auswertung. Die App positioniert sich damit sichtbar als Gegenentwurf zu Amazon-orientierten Lese-Ökosystemen, ohne selbst eigene E-Reader-Hardware zu vertreiben. Stattdessen setzt Readwise auf die Idee, dass ein Teil der Nutzermotivation nicht aus „mehr Features“ entsteht, sondern aus besserer Messbarkeit des bereits stattfindenden Lesens.
Technisch betrachtet ist das Modell weniger eine klassische E-Book-Vertriebsplattform als eine Datenplattform rund um Lesesessions. Die App verspricht laut Beschreibung Metriken wie die Anzahl gelesener Wörter, das Tempo, Konzepte rund um „Depth“ und „Immersion“ sowie die Darstellung von Sitzungsverläufen. Im Kern geht es darum, dass das System nicht nur ablegt, wann ein Buch gestartet oder beendet wurde, sondern diese Zeitachse durch Ereignis- und Textdaten ergänzt. Gerade wenn Nutzerinnen und Nutzer bisher vor allem über Status („gelesen“, „abgeschlossen“) nachdenken, kann eine feingranulare Kurve psychologisch eine andere Wirkung entfalten – weniger „Willenskraft“, mehr „Beobachtbarkeit“.
Marktseitig kommt Readwise Books zu einer Zeit, in der bereits zahlreiche Lese-Tracker und Lesebegleiter um Aufmerksamkeit kämpfen. In der Quelle wird eine breite Welle neuer Apps genannt, die Goodreads herausfordern wollen – etwa durch Buchclubs, Widgets, bessere Such- und Entdeckungsmechanismen, Zielsysteme, Listen-Verbesserungen oder Habit-Tracking. Gleichzeitig wird das dominante Ökosystem mit einem sehr großen Marktanteil hervorgehoben, zumindest wenn man Kindle und Kindle Unlimited zusammen betrachtet. Für Readwise ergibt sich daraus eine klare strategische Entscheidung: Der Einstieg erfolgt nicht durch Hardware-Kontinuität, sondern über Zusatznutzen rund um Analytics, Datenexport und „Cross-Service“-Logik, also dort, wo Nutzer ihre Lesehistorie ohnehin als persönlichen Wissens- und Lernkontext verstehen.
Der Store-Teil startet zunächst mit „millions“ E-Books großer Verlage und weiterer Anbieter und ist laut Angaben zunächst auf die USA fokussiert, bevor weitere Länder folgen. Neben digitalen Titeln kommen auch Print-Bücher über den Distributor von Bookshop.org sowie einige Hörbücher dazu. Für die Praxis bedeutet das: Wer nur als Käuferin oder Käufer kommt, findet trotzdem eine Logik vor, die über Kaufhistorie hinausgeht. Entscheidender Hebel ist dabei die Aufzeichnungsfähigkeit über mehrere Pfade hinweg: Sitzungs-Tracking lässt sich über den browserbasierten Cloud Reader von Kindle ergänzen, außerdem soll das System Fortschritt markieren können, indem Nutzerinnen und Nutzer Fotos gedruckter Bücher aufnehmen. Dazu kommt die Möglichkeit, DRM-freie EPUBs hochzuladen, die App auch per Text-to-Speech vorlesen zu lassen und so das Lesen unabhängig vom ursprünglichen Store in ein konsistentes Datenmodell zu überführen.
Besonders relevant für KI- und Automationsszenarien ist, dass Readwise Books offene Schnittstellen anbietet. Laut Beschreibung gibt es eine öffentliche API und zusätzlich einen MCP-Server, der AI Agents unterstützen soll. Gedacht ist das unter anderem für Recherche zu Empfehlungen, für die Erstellung einer „Books“-Seite auf einer persönlichen Website anhand der Readwise-Daten oder sogar für die Kopplung eines „hackable e-reader“, um Lese-Sessions automatisch zu protokollieren. Genau hier wird der Unterschied zu geschlossenen Plattformen greifbar: Wer eigene Workflows bauen will, kann die Lesedaten als Grundlage für Recherche- und Lernumgebungen nutzen, statt alles in einem proprietären UI zu „parken“.
Auch im Feature-Set ist Künstliche Intelligenz als Schicht geplant, allerdings nicht als komplettes Alleinstellungsmerkmal. Mit Genehmigung der Verlage soll die App später KI-gestützte Funktionen wie Session-Recaps, Definitionen und Term-Lookups, Wort- und Phrasenübersetzungen sowie eine orts- bzw. kontextnahe Fragenfunktion rund um die gerade gelesene Textstelle anbieten. Bislang signalisiert die Quelle nur die Opt-in-Unterstützung eines konkreten Verlags, was aus Produkt- und Rechte-Sicht nachvollziehbar ist. Finanziell bleibt die App vorerst kostenlos; allerdings sollen bestimmte KI-Funktionen später hinter eine Paywall wandern. Bereits existierende Readwise-Apps werden aktuell als Abo-Modelle pro Monat verkauft, während „Readwise Books“ sich in Beta befindet und eine Einladung erfordert – außer man ist bereits Abonnent.
Für Unternehmen und Entwickler, die den Markt beobachten, liegt die Substanz weniger in der reinen Existenz eines weiteren Buch-Shops, sondern in der Datenlogik, die sich daraus ableiten lässt. Wenn das Tracking wirklich so granular ist wie beschrieben, entsteht ein Datensatz, der sich für Lern- und Produktivitätsanwendungen eignen kann – von personalisierten Zusammenfassungen bis zu besserer Themen-Progress-Transparenz. Entscheidend wird allerdings sein, wie zuverlässig die Metriken unter unterschiedlichen Quellen funktionieren (gekaufte Inhalte, hochgeladene EPUBs, browserbasiertes Tracking, Foto-gestützter Status) und wie gut die Schnittstellen die Daten in eigene Anwendungen überführen. Genau diese Integrationsfähigkeit entscheidet darüber, ob sich „Readwise Books“ als reine Konsumenten-App etabliert oder als Baustein in breiteren KI-gestützten Lese- und Wissensworkflows wahrgenommen wird.
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