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LISBON / LONDON (IT BOLTWISE) – Menschen unterschätzen laut einer neuen Studie deutlich, wie offen politische Gegner für andere Ansichten sind. Forschende um André Mata an der University of Lisbon zeigen, dass genau diese Fehleinschätzung dazu führt, dass Gespräche über Politik als frustrierend und stressig erwartet werden. In Experimenten korrigiert schon ein kurzer Feedback-Mechanismus die Wahrnehmung und steigert die Bereitschaft zu Dialogen. Damit liefert die Arbeit eine konkrete psychologische Stellschraube gegen Polarisierung.

Studie zeigt: Zu pessimistische Annahmen über politische Gegner bremsen Gespräche
Studie zeigt: Zu pessimistische Annahmen über politische Gegner bremsen Gespräche (Foto: IT BOLTWISE)
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Polarisierung entsteht nicht nur durch unterschiedliche Werte, sondern auch durch eine kognitive Abkürzung im Kopf: Viele Menschen gehen davon aus, dass der politische Gegner grundsätzlich nicht zu Kompromissen bereit ist. Genau diese Erwartung wirkt wie ein Selbstschutz, der Gespräche im Keim erstickt. Im Kern zeigt die Arbeit in einem Satz, wie Wahrnehmungsverzerrungen über die Offenheit anderer eine tatsächliche Gesprächsbereitschaft untergraben können.

Die Ergebnisse wurden im Journal of Experimental Social Psychology veröffentlicht. Durchgeführt wurde die Untersuchung von einem Forschungsteam um André Mata an der University of Lisbon zusammen mit Kolleginnen und Kollegen von der Linköping University. Methodisch zielt die Studie auf einen psychologischen Mechanismus: Wenn jemand glaubt, dass die Gegenseite komplett „geschlossen“ gegenüber neuen Ideen ist, vermeidet er Kontakt – nicht zwingend aus Überzeugung, sondern weil die erwartete Interaktion als unangenehm eingeordnet wird.

Im ersten Teil der Arbeit wurden in Portugal 198 und in Schweden 402 Teilnehmende befragt. Sie sollten ihre eigene Bereitschaft einschätzen, gegenteilige Meinungen anzuhören, und zwar auf einer standardisierten psychologischen Skala. Danach beantworteten sie die gleichen Fragen aus der Perspektive einer Person, die entweder ihre am meisten geschätzte Partei unterstützt oder die am wenigsten geliebte Partei. Auf dieser Grundlage zeigte sich ein wiederkehrendes Muster: Die Teilnehmenden stuften sich selbst als offener ein als „der Durchschnitt“, und sie bewerteten Sympathisierende der eigenen Partei als deutlich empfänglicher. Entscheidend war jedoch die Differenz zwischen dem, was die Befragten über die ungeliebte Seite annahmen, und den tatsächlich selbstberichteten Werten dieser Gruppe: Die Offenheit der politischen Gegner wurde systematisch unterschätzt.

Diese negative Annahme hatte messbare Konsequenzen für das Sozialverhalten. Je stärker die Befragten die Gegenseite als unnachgiebig einordneten, desto eher erwarteten sie, dass politische Gespräche frustrierend, stressig und insgesamt unangenehm verlaufen würden. In den Daten korrelierte diese pessimistische Erwartung mit einer geringeren Intention, überhaupt mit politischen Gegnern in Kontakt zu treten. Anders formuliert: Die Vorstellung von einem „harten Gegenüber“ fungiert als abschreckendes Signal, das die Wahrscheinlichkeit verringert, die erste Gesprächsschwelle zu überschreiten.

Um nicht nur Annahmen über Zusammenhänge, sondern kausale Effekte zu testen, folgt die Studie mit kontrollierten Experimenten. In einem Experiment mit 600 Teilnehmenden in Schweden lasen die Personen kurze Beschreibungen fiktiver Figuren, die die am wenigsten geliebte Partei unterstützten. Variiert wurde dabei genau ein Detail: In der Hälfte der Fälle beschrieben Arbeitskollegen diese Figuren als sehr offen für unterschiedliche Werte, in der anderen Hälfte als vollständig unempfänglich. Sobald die Gegenseite als offen dargestellt wurde, stiegen die positiven Erwartungen an ein politisches Gespräch. Gleichzeitig nahm die Bereitschaft zu, nicht nur über Politik zu sprechen, sondern auch beiläufige nichtpolitische Kontakte einzugehen – etwa Hobbys zu besprechen oder gebrauchte Möbel von der Person zu kaufen. Sogar in der Bewertung als Arbeitskollegen und als Vertretungen in einer Interessenvertretung schnitt die als offen beschriebene Figur besser ab.

Ein dritter Ansatz prüfte, ob sich Fehlwahrnehmungen in Echtzeit korrigieren lassen. Dafür nahmen 120 Studierende aus Portugal an einem weiteren Test teil: Sie sollten raten, wie Anhänger der am wenigsten geliebten Partei auf die gleichen Fragen zur Offenheit geantwortet hatten. Die Hälfte erhielt nach jeder Frage sofort Feedback mit den tatsächlichen Durchschnittswerten aus dem ersten Studienteil; die Kontrollgruppe blieb bei ihren Vermutungen. Mit dem faktischen Zwischenschritt verschob sich die Wahrnehmung: Wer echtes Feedback erhielt, bewertete die Gegenseite danach als empfänglicher. Diese Neubewertung zog Folgewirkungen nach sich – Gespräche wurden weniger stressig erwartet und zugleich informativer. Parallel erhöhte sich auch die Offenheit für nichtpolitische Unterhaltungen mit Menschen aus der gegnerischen Partei.

Interessant ist dabei nicht nur der „Yes-Effekt“ von mehr Offenheit in der Wahrnehmung, sondern auch die methodische Vorsicht, die die Studie selbst indirekt aufwirft: In der Realität können Prozesse in beide Richtungen laufen. Wer bereits Abstand will, könnte sich die Gegenseite als geschlossener zurechtlegen, um die eigene Entscheidung zu rechtfertigen – und dann wird die Annahme zum Werkzeug der Selbstkonsistenz. Zudem betonen die Forschenden, dass politische Dynamiken stark vom Wahl- und Kultursystem abhängen. Die untersuchten Länder in Europa sind durch Mehrparteiensysteme geprägt; das lässt sich nicht 1:1 auf Zweiparteikonstellationen wie in den USA übertragen. In den europäischen Stichproben zeigten sich zudem Unterschiede zwischen rechts- und linksorientierten Teilnehmenden in der Einschätzung der Gruppen, was nahelegt, dass Interventionsdesigns lokalen Kontext mitdenken müssen.

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