BOCHUM / LONDON (IT BOLTWISE) – Vonovia hält Vergesellschaftungspläne für eine mögliche rot-grün-rote Regierung in Berlin weiterhin für untauglich. Der Vorstandschef Luka Mucic argumentiert, eine Vergesellschaftung schaffe keine zusätzliche Wohnung und schwäche Vertrauen in Eigentum, Investitionen und den Standort Deutschland. Zugleich nennt das Unternehmen konkrete Mietniveaus in Berlin sowie den Hinweis, dass nach einer möglichen Übernahme dauerhaft Kapital für Instandhaltung und Modernisierung nötig wäre.

Beim Blick auf die Berliner Wohnungspolitik wird aus einer Debatte über Eigentum schnell eine Diskussion über Geschwindigkeit: Wie viele zusätzliche Wohnungen entstehen in der Praxis, wenn der Staat beziehungsweise das Gemeinwesen bestehende Bestände übernimmt? Genau an dieser Stelle setzt Vonovia an. Der Wohnimmobilienkonzern bekräftigt nach Angaben aus dem Umfeld der Quartalsvorstellung in Bochum, dass er Vergesellschaftungspläne im Kontext einer möglichen rot-grün-roten Regierungskoalition weiterhin für nicht geeignet hält, um die Wohnraumknappheit zu adressieren.
Vonovia-Vorstandschef Luka Mucic verwies dabei auf ein zentrales Wirkversprechen, das der Konzern bezweifelt: Eine Vergesellschaftung schaffe demnach „keine einzige zusätzliche Wohnung“. Die Aussage zielt nicht nur auf den unmittelbaren Bestand, sondern auch auf die Folgewirkungen für Marktmechanismen. Mucic argumentiert, die öffentliche Auseinandersetzung schwäche das Vertrauen in Eigentum, in Investitionen und damit indirekt auch in den Standort Deutschland insgesamt. Als politischen Bezugspunkt nennt Vonovia zudem Aussagen von Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU), wonach der Schutz des Eigentums und das Vertrauen in funktionierende Märkte das Fundament der marktwirtschaftlichen Ordnung seien.
Technisch und wirtschaftlich betrachtet verschiebt sich der Streit damit von der Frage „ob“ man Bestände umwidmen könnte zu „wie“ man dauerhaft mehr Wohnraum schafft. Vonovia stellt dieser Eigentumsdebatte das Argument entgegen, dass in Deutschland rund 1,4 Millionen Wohnungen fehlten. Daraus leitet der Konzern eine Priorität ab: „Mehr bauen und investieren“ statt eine Überführung in Gemeineigentum. In dieser Logik ist die Vergesellschaftung weniger ein Hebel zur Angebotsausweitung, sondern eher eine Umverteilung von Risiken und Renditeerwartungen zwischen Investoren und dem öffentlichen Sektor.
Konkreter wird Vonovia bei den Berliner Mietniveaus. Nach Unternehmensangaben bietet der Konzern Wohnungen in Berlin zu durchschnittlich 8,40 Euro pro Quadratmeter an; die Mieter zahlten damit im Schnitt nur knapp über 500 Euro Kaltmiete. Bei Neuvermietungen nennt Vonovia dagegen rund 670 Euro im Durchschnitt. Diese Vergleichszahlen werden im politischen Diskurs häufig als Argumentationslinie genutzt, um entweder eine Entspannung oder aber einen „Umfang“ der Problemlage zu belegen. Vonovia versucht hier, den Handlungsbedarf in Richtung Investitions- und Neubaupolitik zu drehen: Eine Vergesellschaftung verursache zwar Kosten für die Übernahme der Wohnungen, anschließend müssten die Bestände jedoch ebenso dauerhaft instand gehalten und modernisiert werden. Dafür brauche es Kapital, Personal und Erfahrung.
Der politische Kern des Konflikts liegt in den Verhandlungs- beziehungsweise Koalitionspapieren, die eine mögliche Vergesellschaftung als Instrument gegen „Mietabzocke“ vorsehen. In einem Sondierungspapier vor Beginn der Koalitionsverhandlungen wird dabei vereinbart, etwa 160.000 Wohnungen aus dem Besitz von fünf Konzernen zu vergesellschaften. Dass eine solche Überführung in Gemeineigentum gegen Entschädigung im Grundgesetz vorgesehen ist, aber bislang in Deutschland einmalig wäre, wird in der Debatte als juristischer und politischer Bruchpunkt gelesen. Genau deshalb reagieren Wirtschaftsverbände besonders sensibel: Die schwarz-rote Bundesregierung wolle die Pläne nach Angaben aus dem Bericht über ein Gesetz stoppen, womit das Projekt nicht nur im Rathaus, sondern auch im Gesetzgebungsprozess um seine Durchsetzbarkeit ringt.
Für Unternehmen und den Mittelstand außerhalb der Immobilienbranche ist die Relevanz dieser Auseinandersetzung spürbar, auch wenn sie auf den ersten Blick wie ein Branchenstreit wirkt. Immobilieninvestitionen beeinflussen Bauwirtschaft, Instandhaltung, Modernisierung und damit ganze Wertschöpfungsketten. Wenn die Debatte um Vergesellschaftung dominiert, verschiebt sich zudem das Kalkül für langfristige Finanzierung und Planungssicherheit. In der Praxis heißt das: Selbst wenn am Ende politisch nicht umgesetzt wird, prägt die Unsicherheit die Bewertung von Projekten. Umgekehrt versucht Vonovia, die Diskussion auf das umzuleiten, was laut Konzern kurzfristig Wirkung entfalten würde – private Investitionen und den Ausbau des Angebots.
Gleichzeitig bleibt die Frage offen, wie ein tragfähiges Gesamtpaket für bezahlbaren Wohnraum aussieht, wenn knappe Bestände, steigende Kosten und unterschiedliche Mietniveaus aufeinander treffen. Die von Vonovia genannten Zahlen zu Berliner Mieten liefern einen Ansatzpunkt für die Bewertung, sind aber nur ein Teil der Realität: Entscheidend ist, ob politische Instrumente zusätzlich zu Neubau und Modernisierung wirken oder vor allem eine Verteilung zwischen Eigentümern verändern. In dieser Hinsicht wird die nächste Phase vor allem zeigen, ob die Gesetzgebung und die Koalitionsentscheidungen tatsächlich zu einem klaren Pfad führen – oder ob die Debatte den Markt weiterhin eher ausbremst als beschleunigt.
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