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MELBOURNE / LONDON (IT BOLTWISE) – Eine neue Studie deutet darauf hin, dass ein erheblicher Teil der bei Kleinkindern diagnostizierten Erdnussallergien nicht dauerhaft bestehen bleibt. Das Team um Tim Brettig setzte bei 778 Säuglingen nach früherer Diagnose auf einen kontrollierten oralen Provokationstest mit steigenden Mengen Erdnussbutter. Etwa 35 % zeigten dabei keine Reaktion und gelten damit als „delabeled“. Entscheidend bleibt: Die Tests sollten in spezialisierten Settings erfolgen, weil bei rund 12 % dennoch eine Anaphylaxie auftrat.

Studie: Viele als „dauerhaft“ erkannte Erdnussallergien sind bei Kindern offenbar wieder verschwunden
Studie: Viele als „dauerhaft“ erkannte Erdnussallergien sind bei Kindern offenbar wieder verschwunden (Foto: IT BOLTWISE)
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Erdnüsse und Erdnussbutter gehören in vielen Familien zu den vertrauten Lebensmitteln, weshalb eine Erdnussallergie schon im Alltag eine besondere Belastung darstellt. Wer einen positiven Befund hatte, soll im Zweifel möglichst konsequent meiden – das betrifft Lunchboxen, Spielkameraden, Sportvereine und auch die Kommunikation mit Schule oder Kita. Genau hier setzt die aktuelle Neubewertung an: Für Kinder, die lange Zeit als „lebenslang allergisch“ galten, könnte ein geplanter Re-Test den Status vieler Betroffener deutlich verändern. Die Studie wurde am 4. November im Journal of Allergy and Clinical Immunology: In Practice veröffentlicht und fokussiert auf die Frage, wie stabil solche Diagnosen in der frühen Kindheit tatsächlich sind.

Technisch und methodisch entscheidend ist dabei nicht nur die Diagnose selbst, sondern die Art der Überprüfung. Das Forschungsteam rekrutierte nahezu 800 australische Säuglinge, rund um das 13. Lebensmonatsalter. Alle waren zuvor als erdnussallergisch eingestuft worden – basierend auf einer Reaktion zu Hause und anschließendem Haut- oder Bluttest, meist im Zeitraum von 7 bis 10 Monaten. Unter dieser historischen Logik bedeutete ein solcher Befund häufig: Eltern sollten Erdnuss strikt vermeiden und das Risiko lebenslang annehmen. In der neuen Studie erhielten die Kinder jedoch eine zweite Chance, um ihre tatsächliche Verträglichkeit in einem kontrollierten Prozess zu prüfen.

Die „zweite Chance“ bestand aus einem sogenannten oralen Nahrungsmittelprovokationstest („oral food challenge“). Dabei bekommen die Kinder in festen Intervallen steigende Dosen Erdnussbutter. Der Ablauf beginnt mit einer sehr kleinen Menge – etwa 1/64 Teelöffel – und wird innerhalb von rund 90 Minuten auf eine letzte Dosis von einem vollen Teelöffel hochskaliert, mit 15-Minuten-Schritten dazwischen. Für die Beurteilung zählt, ob während des Tests eine Reaktion auftritt. Bei 271 der 778 getesteten Babys blieb eine Reaktion aus; das entspricht ungefähr 35 %. Die Forscherinnen und Forscher beschrieben diese Quote als überraschend hoch, weil die Erwartung zwar bestand, dass manche Kinder den Test bestehen könnten, aber nicht in dieser Größenordnung.

Die klinische Konsequenz ist nicht, Diagnosen „einfach zu kippen“, sondern die Entscheidung über langfristige Meidung besser zu begründen. Tim Brettig, pädiatrischer Allergologe und Immunologe am Murdoch Children’s Research Institute in Melbourne, stellte heraus, dass Eltern, die eine lebenslange Erdnussallergie bei ihrem Kind annehmen, die Diagnose erneut sorgfältig prüfen lassen sollten. Er argumentiert dabei für eine stärkere Rolle von Food Challenges in der Allergiebeurteilung: In einem spezialisierten Setting sollen Kinder zeigen können, dass sie tatsächlich keine Allergie mehr haben. Gleichzeitig macht die Studie die Grenzen der Sicherheit klar: Etwa 12 % der Kinder erlebten während der Provokation eine Anaphylaxie – also die schwerste allergische Systemreaktion. Der wichtige Punkt aus Studiensicht ist jedoch, dass das Team die Tests in einer Umgebung mit medizinischem Fachpersonal durchgeführt hat; so kam es laut Bericht zu keinem langfristigen Schaden.

Auch über den einzelnen Test hinaus ordnet die Arbeit die Ergebnisse in eine Entwicklung ein, die sich in den letzten Jahren spürbar gewandelt hat. Mehrere frühere Untersuchungen gingen davon aus, dass ein Teil der Kinder im Alter von etwa 4 bis 5 Jahren aus der Allergie herauswachsen könnte, typischerweise in der Größenordnung von 10 bis 20 %. Der Konsens lautet heute zudem: Wer Erdnussprodukte später wieder verträgt, tut das häufig, weil das Immunsystem in frühen Lebensphasen durch Exposition lernen kann, Erdnüsse nicht mehr als gefährlich einzustufen. Für Familien, deren Kinder einen Food Challenge bestehen, lautet die praktische Empfehlung entsprechend: nach dem erfolgreichen Test zu Hause weiterhin Erdnussprodukte in die Ernährung integrieren – ohne pauschale „Menge X“, aber mit dem Ziel, die Verträglichkeit im Alltag zu normalisieren. Brettig betont dabei explizit, dass ein solcher Schritt nicht als kommunale Selbsthilfe gedacht ist, sondern als kontrollierte, fachlich begleitete Neubewertung.

Für die Markt- und Versorgungsperspektive ist besonders interessant, dass „delabeling“ nicht nur medizinisch relevant ist, sondern potenziell auch ökonomische Effekte hat. Maria Garcia-Lloret, pädiatrische Allergie- und Immunologie-Professorin an der University of California in Los Angeles und Mitbegründerin des dortigen Food-Allergy-Programms, sieht in den Daten ein günstiges Verhältnis aus Nutzen und Risiko – sie war nicht an der Studie beteiligt. In derselben Argumentationslinie verknüpft sie die Neubewertung mit konkreten Versorgungslasten: Kinder, die nach erfolgreichem Test als nicht mehr allergisch eingestuft werden, müssten weniger häufig Notfallmedikation wie Adrenalin-Autoinjektoren beschaffen; außerdem würden Arztbesuche entlastet. Daneben verweist sie auf eine zweite, breitere Entwicklung: Bereits vor dieser aktuellen Studie wurden in den USA Leitlinien angepasst – nachdem größere Daten 2015 die frühere Annahme widerlegt hatten, dass eine frühe Einführung von Erdnussprodukten zwangsläufig zu lebenslangen Allergien führt. Bis 2017 empfahlen die US-amerikanischen Gesundheitsbehörden Eltern, Erdnusssprodukte bei jungen Kindern möglichst früh auszuprobieren. Laut einer weiteren peer-reviewten Veröffentlichung in Pediatrics ist in den USA die Häufigkeit von Erdnussallergien bis 2025 um 43 % zurückgegangen.

Damit stellt sich die nächste Frage: Wann lohnt sich ein breiterer Einsatz von Food Challenges, und wie lässt sich der organisatorische Aufwand gegen die möglichen Einsparungen aufrechnen? Brettig kündigt als Folgestufe an, die Kosten der initialen Provokationsdiagnostik mit dem späteren Verlauf zu vergleichen – etwa im Hinblick darauf, dass Betroffene nach dem „delabeling“ seltener erneut in der Praxis vorstellig werden und nicht wiederholt alle paar Jahre kontrolliert werden müssen, sobald die Allergie als überwunden gilt. Für Gesundheitssysteme heißt das: Nicht jede vermeintliche Allergie muss automatisch als lebenslange Diagnose verwaltet werden. Gleichzeitig bleibt die Studie klar bei ihrem Kern: Der Test ist kein Alltags-Experiment, sondern ein medizinisch abgesichertes Verfahren, das nur unter entsprechender Expertise sinnvoll ist. Entscheidend ist am Ende die Kombination aus früher Entscheidung, kontrollierter Durchführung und konsequenter Ernährung nach dem erfolgreichen Test – denn die ersten Lebensjahre gelten auch außerhalb der Allergologie als besonders prägend.

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