FRANKFURT / LONDON (IT BOLTWISE) – Die EU lässt das belgische Startup Aerospacelab als Zulieferer ins Iris2-Projekt. Das SpaceRISE-Konsortium holt damit neben etablierten Raumfahrtkonzernen auch einen jungen Player in die Umsetzung. Aerospacelab soll am Aufbau und Betrieb mitarbeiten und in einer Fabrik in Charleroi künftig bis zu 500 Satelliten pro Jahr fertigen. Zusätzlich wird das Iris2-Netzwerk in der LEO-Klasse erweitert, während die Projektkosten laut Angaben auf über 15,6 Mrd. Euro steigen.

Die Entscheidung für Aerospacelab zeigt vor allem eines: Bei Iris2 geht es nicht nur um größere Satellitenzahlen, sondern auch um eine breitere Industriebasis in Europa. Laut EU-Kommission wurde das belgische Startup als einer von mehreren Zulieferern für das geplante europäische Satelliten-Netzwerk ausgewählt. Damit kommt zum bisherigen Kreis aus etablierten Raumfahrtakteuren eine neue Kategorie hinzu – ein Unternehmen, das seine Position mit eigenen Satellitenprojekten in Telekommunikation und Erdbeobachtung aufgebaut hat.
Technisch steht bei Iris2 die Frage im Mittelpunkt, wie die Netze der Staaten künftig mit ausreichend Kapazität versorgt werden, ohne dauerhaft von ausländischen Anbietern abhängig zu sein. Der Hintergrund ist in der Vorlage klar benannt: Das Iris2-Satellitennetz soll den Staatenverbund unabhängiger machen, unter anderem von Anbietern wie Starlink. Organisatorisch läuft das Vorhaben über das SpaceRISE-Konsortium, das drei Satellitenbetreiber zusammenführt: SES aus Luxemburg, Eutelsat aus Frankreich und Hispasat aus Spanien. Diese Betreiber hatten Ende 2024 einen zwölf Jahre laufenden Konzessionsvertrag mit der EU-Kommission unterzeichnet, der die Entwicklung sowie den Betrieb des Netzwerks abdeckt.
Für die Lieferkette ist entscheidend, dass Aerospacelab in die Kategorie der Subunternehmen fällt, die die nötige Infrastruktur für das Vorhaben bereitstellen. Die Kommission betonte dabei, dass nicht nur „Dickschiffe“ berücksichtigt werden sollten, sondern auch kleinere und jüngere Unternehmen bei Unteraufträgen. Zum bisherigen Set gehören dabei bereits bekannte Namen wie Airbus Defence and Space, Thales Alenia Space und OHB, außerdem waren nach Angaben aus dem Kontext auch Telekom-Akteure wie die Deutsche Telekom Teil der Pläne für Unteraufträge. Aerospacelab wurde im Jahr 2018 in Mont-Saint-Guibert gegründet und entwickelt sowie betreibt Satelliten; finanziell stützt sich das Wachstum auf mehrere Runden, inklusive einer Series B im August 2025, bei der 94 Mill. Euro eingesammelt wurden.
Besonders greifbar wird das Vorhaben in Belgien: Aerospacelab baut in Charleroi eine Fabrik, in der künftig bis zu 500 Satelliten pro Jahr gefertigt werden sollen. Der geplante Zeithorizont ist ambitioniert, denn die Anlage soll noch in diesem Jahr den Betrieb aufnehmen. Für die Iris2-Architektur heißt das: Das Startup wird LEO-Satelliten („Low Earth Orbit“) für die Konstellation entwickeln. Diese Satelliten umkreisen die Erde in relativ geringer Höhe – meist deutlich unter 1.000 Kilometer – und bilden damit das Rückgrat für Dienste, die mit geringeren Laufzeiten als bei weiter entfernten Umlaufbahnen arbeiten. In der Vorlage wird zudem eine Erweiterung der ursprünglichen Planung sichtbar: Waren ursprünglich 290 LEO-Satelliten vorgesehen, so sollen nun 330 LEO-Satelliten und zusätzlich 18 Satelliten für den mittleren Erdorbit (bis zu 36.000 Kilometer Höhe) in die Planung einfließen.
Mit dem Ausbau verändert sich auch der wirtschaftliche Maßstab. Laut Hispasat liegen die Gesamtkosten mittlerweile bei über 15,6 Mrd. Euro; das SpaceRISE-Konsortium will sich daran mit bis zu 4 Mrd. Euro beteiligen. Den Rest steuern EU-Kommission sowie die Europäische Weltraumorganisation ESA bei. Zum Vergleich: Ende 2024 hatte die ESA die Gesamtkosten des Projekts noch auf 10,6 Mrd. Euro beziffert. Das deutet darauf hin, dass Umfang, Systemkomplexität oder Kostenannahmen im Projektverlauf nach oben angepasst wurden – ein Muster, das man bei großen Satellitenkonstellationen häufig sieht, sobald Fertigung, Frequenz- und Betriebsplanung sowie Integrationsanforderungen detaillierter werden.
Für den Markt dürfte vor allem die Kombination aus LEO-Fokus und industrieller Skalierung relevant sein. Wenn Aerospacelab tatsächlich mehrere hundert Satelliten pro Jahr fertigen kann, sinkt die Hürde für eine zügige Konstellationsausweitung, denn die Kette aus Komponenten, Tests, Integration und Qualitätssicherung muss dafür konsistent funktionieren. Gleichzeitig profitieren auch andere europäische Anbieter: Aerospacelab wird als Zulieferer in ein Konsortium eingebunden, das mehrere Satellitenbetreiber vereint, wodurch Schnittstellen zur Betriebsarchitektur früh festgezurrt werden können. Ob die Fabrik in Charleroi im geplanten Zeitfenster hochfährt und wie stabil die Serienfertigung über die Mission-Lebenszyklen hinweg bleibt, wird sich in den nächsten Monaten entscheiden – und damit auch, wie schnell Iris2 das strategische Ziel erreicht, europäische Telekommunikations- und Erdbeobachtungsfähigkeiten aus eigener Hand mit hoher Verfügbarkeit zu unterstützen.
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