BERLIN / LONDON (IT BOLTWISE) – Vor 50 Jahren begann die Berliner Phase von David Bowie, die bis etwa 1979 als Dreh- und Angelpunkt seiner Biografie gilt. Im Mittelpunkt stehen nicht nur persönliche Umbrüche, sondern auch konkrete Orte wie die Hansa Studios, in denen „Heroes“ entstand. Gleichzeitig wirft der Rückblick auf Drogen-Mythen und musikalische Einflüsse ein techniknahes Licht auf die Produktionswege der damaligen Popmusik. Der Artikel verbindet damit Erinnerungsorte, Studiohistorie und die Frage, wie sehr Berlin Bowies Klang prägte.

Wer sich heute durch Berlin bewegt, begegnet dem Namen David Bowie an vielen Stellen – aber die Gründe, warum die „Berliner Zeit“ damals überhaupt begann, liegen tiefer als bei einer bloßen Tour-Station. Laut dem vorliegenden Bericht verlegte Bowie im August 1976 seinen Lebensmittelpunkt nach West-Berlin. Ausschlaggebend war demnach auch die gewünschte Anonymität in einer Stadt, die damals noch viele Ruinen trug und in der „Osten“ und „Westen“ räumlich und mental eng beieinanderlagen. Besonders interessant ist die Mischung aus Zuflucht und kreativer Neuausrichtung: Berlin wurde zugleich als Rückzugsort beschrieben und als Ort, an dem Bowie sich für Kunstgeschichte und moderne Musikproduktion öffnen konnte.
Für die Einordnung ist wichtig, dass Bowie die neue Phase nicht im luftleeren Raum startete. Zwischen Sommer 1973 und Sommer 1976 wird er als „rastlos“ beschrieben: Er verabschiedete die Kunstfigur Ziggy Stardust, produzierte mehrere Alben in kurzer Taktung und ging danach in Film- und Tour-Arbeitsphasen über. Die Berlinale-Premiere seines Science-Fiction-Films fand 1976 statt, während parallel ein weiteres Album in Los Angeles entstand und anschließend eine Tournee mit mehr als 60 Konzerten folgte. Diese Detailkette erklärt, warum der Schritt nach Berlin als Versuch „zur Ruhe“ wirkt: Im Spätsommer 1976 wohnte Bowie laut Bericht zunächst wenige Wochen in der Schwäbischen Straße in Berlin-Schöneberg, später in einer Sieben-Zimmer-Altbauwohnung in der Hauptstraße 155, die noch nicht vollständig renoviert war.
Dass persönliche Entscheidungen sofort in kreative Arbeitsweise münden, zeigt der Bericht auch an den Menschen und Studios im Umfeld. Bowie wurde dabei mehrfach mit der Band- und Produktionswelt verknüpft, etwa mit Edgar Froese von Tangerine Dream. In einem Interview wird Bowies Dank zitiert: „Edgar und seine Frau haben mir wirklich geholfen, als ich in Berlin lebte“, sagte Bowie 2002. „Ich ging damals durch eine schwierige Phase, hatte ungeheure Schmerzen. Und sie haben mich unterstützt, vom Kokain wegzukommen. Ja, die beiden waren sehr lieb zu mir.“ Parallel wird seine Beschäftigung mit Berliner (Kunst-)Geschichte der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts betont: Er mochte unter anderem Bert Brecht und Kurt Weill, die expressionistische Künstlergruppe Brücke und die Berlin-Storys von Christopher Isherwood, aus denen später das Filmmusical „Cabaret“ hervorging. Damit wird verständlich, warum „Berlin“ bei Bowie nicht nur Kulisse ist, sondern Material für Haltung, Bildsprache und Klangentscheidungen liefert.
Technisch betrachtet gewinnt die „Berliner Zeit“ aber besonders durch die Hansa Studios als Produktionsumgebung an Kontur. Der Bericht stellt sie als eines der bekanntesten Musikstudios der Popgeschichte neben den Abbey Road Studios dar und nennt Thilo Schmied, der seit mehr als 20 Jahren Musikfans zu den Studios und zu anderen Bowie-Orten führt. Schmied beschreibt die Historie des Gebäudes: errichtet 1910 bis 1913 als Verbandshaus der Berliner Innung des Bauhandwerks, mit einem Meistersaal als Kernstück – einem Festsaal mit Bühne, der unter anderem für die Meisterbriefe genutzt wurde. In den 1940er-Jahren wurde zwar große Teile der Umgebung zerstört, der Meistersaal blieb aber verschont. Später wurde das Gebäude unter anderem als Ballhaus genutzt; ab dem Bau der Mauer geriet es jedoch stärker ins Abseits. Für die Klangästhetik relevant ist, dass die Plattenfirma Ariola die ruhige Lage und die Akustik der Holzkassettendecke schätzte und das Studio ab 1961 für klassische Musik und Schlager einsetzte.
Entscheidend für Bowies „Heroes“ ist dann die Umrüstung in den 1970er-Jahren: Meisel-Musikverlage richteten dem Bericht zufolge die „Hansa Tonstudios“ ein, der Meistersaal wurde dabei zu Studio 2. Schmied nennt auch die typische Arbeitsumgebung: „Als Bowie hier arbeitete, waren die heute wieder offenen Saal-Fenster zugemauert, es gab also noch kein Tageslicht.“ Genau diese Art von Studiogeometrie und Abschirmung beeinflusst praktisch spürbar, wie Musiker performen und wie Aufnahmen in der Raumantwort wirken – selbst wenn man die heutige Technik (digitale Signalverarbeitung, virtuelle Nachhallräume) nicht mit der damaligen Kette gleichsetzt. Ergänzend wird beschrieben, dass Depeche Mode Mitte der 80er im Meistersaal unter anderem an „Some Great Reward“ mitwirkte und auch andere Künstler dort aufnahmen. Für das Verständnis des Ortes ist zudem die spätere Restaurierung relevant: 1993/94 wurde der Meistersaal erneuert, 2009 nach weiteren Umbauten wiedereröffnet, danach vor allem als Eventlocation genutzt – „doch vermehrt finden auch wieder Aufnahmen wegen der besonderen Akustik statt“, heißt es im Bericht.
Wie stark Berlin auch inhaltlich in die Musik hineinwirkt, zeigt der Bericht schließlich an „Heroes“. Laut Schmied wurde das Lied eines der bekanntesten von Bowie an einem Tag im Juli 1977 aufgenommen. Es gibt demnach mehrere Versionen, unter anderem als mehrsprachige Fassungen, die aber in der Schweiz eingesungen wurden. Inhaltlich geht es um Liebende an einer Mauer – das „Heldentum“ zweier Menschen, die sich an einem feindseligen Ort für einen Moment zärtlich sein trauen. Die Mutmaßung, Bowie habe dabei konkret die Berliner Mauer gemeint, wirkt naheliegend, weil er vom Kontrollraum aus Mauer und DDR-Wachposten in ihren Wachtürmen hätte sehen können. Gleichzeitig wird eine konkrete Kontroverse angesprochen: Thilo Schmied äußert Skepsis gegenüber einer Behauptung von Bowies Produzenten Tony Visconti, Bowie habe dessen Kuss mit der Background-Sängerin Antonia Maaß beobachtet und beschrieben. „Tony hat öfter erzählt, dass sie das Paar seien, Antonia streitet es ab. Wahrscheinlich geht es auch um eine von Bowies eigenen Affären namens Clare in dem Song und um die Kunst – es darf spekuliert werden“, so Schmied. Hier zeigt sich: Berlin liefert nicht nur einen Ort, sondern auch Konfliktlinien, die sich in Text- und Bilddeutung spiegeln.
Für den Blick über das Jubiläum hinaus lohnt sich dann auch ein zweiter Gedankengang: Berlin spielte laut Bericht in Bowies Biografie zwar nur zwischen 1976 und etwa 1979 besonders oft eine Rolle, aber genau diese Phase wird als „sehr wichtig“ bezeichnet. Bowie habe 2002 gesagt: „Das waren sehr wichtige Jahre“, und weiter: „Es war in so vielen Hinsicht sehr befreiend für mich, in Berlin zu leben.“ Legendär ist zudem sein Auftritt am 6. Juni 1987 am Reichstagsgebäude, bei dem er die Band vorstellte und final auf Deutsch äußerte: „Wir schicken unsere besten Wünsche zu all unseren Freunden, die auf der anderen Seite der Mauer sind.“ Später wird das Comeback mit „Where Are We Now?“ beschrieben, samt Zitat aus dem Buch eines Autors aus 2025, in dem Bowie Zeilen zu Stationen von „drei glücklichen Jahren“ singt und damit erneut Berlin als Erinnerungsknoten nutzt. Am Ende bleibt deshalb weniger die Frage, ob Berlin „die“ Lösung war, sondern wie ein Ort mit klarer Raumantwort – von Studioakustik bis Stadtsilhouette – aus einer Phase des Umbruchs wieder ein präzises künstlerisches Signal macht.
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