LONDON (IT BOLTWISE) – Die Bundesarchitektenkammer warnt, dass das geplante Gebäude­modernisierungs­gesetz (GModG) aus mehr Wahlmöglichkeiten schnell neue Unsicherheiten macht. Insbesondere bei der Entscheidung für neue Heizungen müssten Eigentümerinnen und Eigentümer langfristige Kosten-, Infrastruktur- und Klimarisiken zuverlässig einschätzen können. Der Entwurf sieht den Weiterbetrieb von Gas-, Öl- und Flusssig­heizungen bis in die Zeit klimafreundlicher Brennstoffe vor, doch Details zu Verfügbarkeit, Qualität und Anrechenbarkeit fehlen. Damit rückt die Frage in den Mittelpunkt, wie verbindliche Planung, Beratung und faire Kostenmechanismen in der Praxis funktionieren.

GModG: Bundesarchitektenkammer warnt vor Risiko-Falle bei Heizungsentscheidungen
GModG: Bundesarchitektenkammer warnt vor Risiko-Falle bei Heizungsentscheidungen (Foto: IT BOLTWISE)
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Der Referentenentwurf zum Gebäude­modernisierungs­gesetz (GModG) soll Eigentümerinnen und Eigentümern mehr Optionen bei Heizungsmodernisierungen eröffnen – doch genau diese neue Flexibilität birgt nach Auffassung der Bundesarchitektenkammer (BAK) das Risiko, dass Entscheidungen unter erheblicher Unklarheit getroffen werden. Heizsysteme prägen Betriebskosten, Sanierungszyklen und die Klimabilanz eines Gebäudes typischerweise über Jahrzehnte. Wenn zentrale Rahmenbedingungen erst später präzisiert werden oder in der Praxis nicht belastbar nachweisbar sind, verschiebt sich das Risiko faktisch vom Gesetzgeber auf die Bauherren. Für die BAK ist daher entscheidend, dass Wahlfreiheit nicht zur Risikoabwälzung wird.

Im Kern adressiert die BAK den Mechanismus, wonach Gas-, Öl- und Flüssiggasheizungen auch nach 2029 weiter möglich bleiben sollen, dann aber schrittweise mit sogenannten klimafreundlichen Brennstoffen betrieben werden. Technisch und energiewirtschaftlich ist das eine anspruchsvolle Übergangslogik: Die Heizungsanlage selbst ist nur ein Teil des Systems, denn entscheidend sind Brennstoffqualität, Lieferketten, messbare Emissionsziele und die Integrationsfähigkeit in Netze und Versorgungsstrukturen. Ohne belastbare Vorgaben zu Verfügbarkeit, Kostenentwicklung, Herkunft, Qualität und Anrechenbarkeit dieser Brennstoffe entsteht ein Planungsloch, das selbst gute energetische Konzepte aushebeln kann.

Die Bundesarchitektenkammer verbindet diese fachliche Einschätzung mit einem ordnungspolitischen Punkt: Das Gesetz dürfe „erlaubt ist nicht automatisch sinnvoll“ nicht nur rhetorisch meinen, sondern regulatorisch absichern. Eine Heizung wird in der Regel als langfristige Investition betrachtet, bei der neben dem Wärmeertrag auch Aspekte wie Wartungsfähigkeit, Umbauoptionen und der zukünftige Betrieb im Kontext kommunaler Wärmeplanung relevant werden. Darum verlangt die BAK, die bestehende Beratungspflicht nicht zu streichen, sondern in eine praxistaugliche, gebäudebezogene Form weiterzuentwickeln. Entscheidend ist, dass vor der verbindlichen Kauf- oder Umbauentscheidung eine qualifizierte, unabhängige Beratung erfolgt.

Damit berührt das Vorhaben auch den „Wettbewerb“ im regulatorischen Sinne: In der Gebäudepolitik konkurrieren unterschiedliche Leitplanken miteinander, historisch etwa zwischen dem früheren Energieeinsparrecht und dem heute maßgeblichen Gebäudeenergiegesetz (GEG). GModG wird in diesem Gefüge schnell als zweite Spur wahrgenommen, die parallel zur Energiegesetzgebung neue Pfade eröffnet oder Konflikte erzeugt. Für den Markt bedeutet das: Anbieter von Wärmetechnik, Sanierungsdienstleister und Finanzierungspartner richten ihre Kalkulationen auf die erwartete Wirksamkeit der Regeln aus. Wenn der Pfad zur Klimaneutralität 2045 nicht ausreichend verbindlich und nachvollziehbar ist, kann sich die Preisspanne zwischen heute notwendigen Investitionen und späterem Betrieb deutlich ausweiten.

Als besonders kritisch bewertet die BAK, dass im Entwurf das bisherige fossile Betriebsende gestrichen werden soll. Die vorgesehene „Bio-Treppe“ erreicht bis 2040 lediglich einen Anteil von 60 Prozent klimafreundlicher Brennstoffe. Für Eigentümerinnen und Eigentümer ist jedoch die Frage entscheidend, wie gas- und ölbetriebene Heizungen im Jahr 2045 klimaneutral betrieben werden sollen, wenn keine weitere verbindliche Regelung vorliegt. Aus Marktsicht ist das ein zeitlicher Engpass: Je näher die Zieljahre rücken, desto stärker steigen die Anforderungen an Nachweise und desto geringer wird die Bereitschaft, operative Risiken zu tragen. Ohne klare Enddaten und Übergangsbedingungen verschieben sich Unsicherheiten in die Zukunft, in der die Investitionsentscheidung längst gefallen ist.

Auch bei den Anforderungen an klimafreundliche Brennstoffe sieht die BAK ein Vollzugsrisiko. Entscheidend ist nicht nur, dass Vorgaben „formal“ existieren, sondern ob sie rechtssicher belegt, in der Praxis bezogen und über Liefer- und Nachweisregeln verlässlich operationalisiert werden können. Damit hängt die Wirtschaftlichkeit direkt an der Frage, ob Art, Menge, Qualität, Kosten und Anrechenbarkeit der Brennstoffe nachvollziehbar dokumentiert werden. Hier wird ein typischer Unterschied zwischen Technologie- und Governance-Themen sichtbar: Die Heiztechnik ist relativ klar, die Beschaffungs- und Nachweiskette dagegen ist ein komplexes Zusammenspiel aus Lieferlogistik, Messmethodik und regulatorischer Anerkennung. Wenn diese Kette reißt, verliert Wahlfreiheit ihren Nutzen.

Zusätzlich richtet sich der Blick auf den geplanten Kostenmechanismus zwischen Vermietenden und Mietenden. Die BAK befürchtet, dass der Kostenausgleich keine „Holschuld“ der Mieterinnen und Mieter werden darf. Wenn Ansprüche erst erkannt, berechnet und aktiv durchgesetzt werden müssen, droht der Mechanismus besonders bei dezentralem Brennstoffbezug ins Leere zu laufen. In der Unternehmenspraxis ist das vergleichbar mit einem Prozessdesign, das nur dann funktioniert, wenn alle Beteiligten über Daten, Zeit und Rechtsverständnis verfügen. Für Wohnkonstellationen bedeutet das: Ohne klare, automatisch nutzbare Nachweis- und Abrechnungslogik werden Konflikte wahrscheinlicher, während Investoren gleichzeitig höhere Transaktionskosten einpreisen.

Vor diesem Hintergrund betont die BAK die Rolle von Planung und Beratung als Risikoschutz und nicht als bürokratische Zusatzschleife. Heizungsentscheidungen lassen sich nicht isoliert treffen, weil Faktoren wie Gebäudehülle, Wärmebedarf, Sanierungszustand, mögliche Einbindung in Wärmenetze, Förderkulissen und künftige CO₂- und Brennstoffrisiken zusammenwirken. Eine fachkundige Planung entscheidet also nicht nur über die Dimensionierung der Anlage, sondern über die Frage, welche Sanierungsschritte zeitlich sinnvoll sind und wie flexibel das Gebäude für spätere Betriebsarten bleibt. In einem Umfeld, in dem rechtliche Rahmenbedingungen schwanken können, wird die Qualität der Vorprüfung zum zentralen Hebel für die Vermeidung teurer Fehlinvestitionen.

Mit der Stellungnahme, die die BAK am 11. Mai 2026 beim Bundesministerium für Wirtschaft und Energie sowie beim Bundesministerium für Wohnen, Stadtentwicklung und Bauwesen eingereicht hat, geht es nun in die Phase der politischen Nachsteuerung. Die Kernforderung lässt sich auf drei Elemente verdichten: erstens verlässliche Beratungs- und Entscheidungsgrundlagen, zweitens ein verbindlicheres Konzept für das fossile Betriebsende oder eine gleichwertige Regelung, und drittens praktisch funktionierende Nachweis- und Kostenmechanismen. Für die weitere Gesetzgebung wird damit ein Maßstab gesetzt: Mehr Optionen sind nur dann politisch verantwortbar, wenn sie sich in robuste Planungssicherheit übersetzen lassen. Andernfalls verlagert sich das Risiko in die Hände der Eigentümerinnen und Eigentümer – und damit in die nächste Sanierungswelle.

Ausblickend dürfte die Debatte auch die Entwicklung am Markt beschleunigen. Wenn klare Nachweis- und Abrechnungsregeln fehlen, gewinnen Anbieter, die „End-to-End“-Kompetenz über Beratung, Technik, Nachweisführung und Dokumentationsprozesse bieten. Gleichzeitig rückt ein Vergleich mit bestehenden Pfaden wie dem GEG stärker in den Fokus: Betreiber und Investoren werden prüfen, welche Regelwerke verlässlichere Signale geben. Für Entwickler von Tools zur Sanierungsplanung und für Integratoren von Gebäudemanagement entsteht damit ein Nachfrageschub nach strukturierter Datenbasis und belastbaren Compliance-Flows. Bis zur finalen Verabschiedung bleibt jedoch die wichtigste Implikation: Ohne verbindliche Ziel- und Nachweispolitik wird die Wirtschaftlichkeit vieler Heizungswechsel schwerer zu prognostizieren sein – und genau das spricht die BAK im Kern an.


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