HAMBURG / LONDON (IT BOLTWISE) – Die exist Startup Factories sollen den Transfer von Spitzenforschung in marktfähige Unternehmen beschleunigen und dabei Forschung und Gründung stärker verzahnen. Im Hamburger Beispiel „Impossible Founders“ zeigt sich nach rund acht Monaten, wie sich ein System statt Zufall aufbauen lässt: rund 800 Bewerbungen, über 200 gesichtete Ideen und die ersten zehn Teams auf dem Weg in die Gründung. Entscheidend sind dabei frühe Industrieeinbindung, standardisierte IP-Regeln und ein Public-Private-Ansatz, der privates Kapital in die Geschwindigkeit übersetzt. Der zehnjährige Plan zielt auf ein reproduzierbares Schutzwall-Modell statt auf einzelne „Unicorn“-Zufallstreffer.

exist Startup Factories: Deeptech-Transfer nach Hamburg bringt Tempo
exist Startup Factories: Deeptech-Transfer nach Hamburg bringt Tempo (Foto: IT BOLTWISE)
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Deutschland steht bei der Übersetzung von wissenschaftlicher Exzellenz in marktfähige, skalierbare Unternehmen unter Zugzwang: Während viele Forschungsdisziplinen international führend sind, bleiben Start-up-Pipelines im Deeptech häufig zu dünn oder zu langsam. Genau an dieser Stelle setzt die vom Bundesministerium für Wirtschaft und Energie initiierte exist-Maßnahme „Startup Factories“ an. Im Kern soll ein nationaler Förderansatz von klassischer Forschungsfinanzierung zu einem unternehmerischen Beschleuniger wechseln, der Teams schneller zum Markt führt – ohne die wissenschaftliche Qualität zu opfern.

Die Architektur folgt dabei einem Public-Private-Partnership-Modell, das in Deutschland noch immer nicht überall selbstverständlich ist: Unter der Dachmarke „Startup Germany“ entstehen zehn „Startup Factories“ als eigenständige, unternehmerisch geführte Einheiten, die mindestens zu 50% privat kofinanziert werden müssen. Ziel sind europaweit sichtbare Knotenpunkte, in denen Wissenschaft, Industrie und Kapital nicht nacheinander, sondern parallel zusammenarbeiten. Damit wird ein kultureller Shift eingeführt: Förderlogik soll weniger „Exzellenz messen“ und stärker „Marktexzellenz reproduzierbar machen“, also Prozesse, die über einzelne Projekte hinaus wirken.

Dass dieser Ansatz funktionieren kann, zeigt „Impossible Founders“ als Hamburger exist Startup Factory. Rund acht Monate nach dem operativen Start wird nicht nur eine Vision formuliert, sondern sichtbar skizziert, wo Transfers haken. Die Initiative richtet ihr technologisches Profil interdisziplinär auf Felder wie KI-Entwicklung, Quantum Computing, Novel Materials, Greentech und Life Sciences aus – also auf Märkte, die ohne belastbare Infrastruktur kaum schnell skalieren. Als Zielbild steht die Metropolregion Hamburg als Deeptech-Hub, wobei der Name „Programm ist Programm“: Es sollen systematisch Unternehmen entstehen, die nach klassischen Fördermustern oft zu spät oder zu selten gegründet würden.

Technisch und organisatorisch entsteht der Hebel aus einem ungewöhnlich dichten Bündnis: Die gemeinnützige GmbH verknüpft die Universität Hamburg, die Technische Universität Hamburg und das Deutsche Elektronen-Synchrotron (DESY) mit finanzstarken Stiftungen wie der Michael Otto Stiftung und der Joachim Herz Stiftung. Ergänzt wird das Fundament durch Corporate-Partner wie die Otto Group und die Hamburger Sparkasse (Haspa). In der Ausführung verantworten CEO Dr. Arik Willner und CFO/COO Lena Sofie Gericke die operative Umsetzung. Branchenbeobachter ordnen das Modell als pragmatisches Gegenstück zu stärker produktgetriebenen Accelerator-Programmen ein, bei denen Unternehmenskonstruktion häufig schneller startet, aber an Forschungs- und IP-Reife scheitern kann.

In den ersten acht Monaten lässt sich ein messbarer Durchsatz erkennen: Über 800 Bewerbungen, mehr als 250 Teilnehmende in Programmen, rund 200 gesichtete Ideen und Pitchdecks sowie zehn Teams, die bereits konkret in Richtung Gründung arbeiten. Dieses Tempo ist nicht nur Marketing, sondern eine Folge von Prozessdesign: Die Factory verhindert Parallelstrukturen, indem sie eng mit der Investitions- und Förderbank (IFB) Hamburg koordiniert. Die eigentliche Bruchstelle zwischen Forschung und Startup wird dabei offen adressiert, etwa indem „Fail fast“ nicht als zeitliche Vermischung missverstanden wird: Wissenschaft braucht Präzision, Unternehmertum braucht Handlungsfähigkeit unter Unsicherheit.

Besonders relevant für die praktische Unternehmensbildung ist die frühe Industrienähe. Statt erst nach dem „fertigen Produkt“ mit potenziellen Kunden zu sprechen, bindet die Factory Industriepartner bereits in eine frühe Prototyp-Phase ein. Diese Kopplung reduziert Entwicklungszyklen erheblich, weil Beschaffungsbedarf, Anwendungsszenarien und Markt-Feedback nicht nachgelagert werden. Auf technischer Ebene ist das auch ein Vergleich zu klassischen Inkubatoren wie Y Combinator: Dort wird stark auf schnellen Customer-Zugang gesetzt, während im Deeptech-Umfeld die Hürde häufig die IP- und Infrastrukturseite ist. Genau diese Hürde adressieren die Impossible Founders über standardisierte Vereinbarungen und eine frühphasige IP-Klärung.

Der IP-Ansatz zielt auf Vorhersehbarkeit: Wenn Transferstellen, Gründerteams und Investoren eine gemeinsame Grundlage haben, sinkt das Risiko von „Spätkosten“ durch Rechteklärung. Willner formuliert den Punkt als Wechsel vom reinen Mut-Narrativ hin zu Infrastruktur: Wissenschaftler werden nicht zu Unternehmern, indem man sie zu schnelleren Scheitern drängt, sondern indem man ihnen ein System baut, das den Weg zum Markt verkürzt. Zusätzlich wird die Factory bewusst nicht als isolierte Förderblase betrieben. In manchen Fällen wird sogar der direkte Weg von wissenschaftlichen Ergebnissen in die Verprobung mit Unternehmen gesucht – ein Ansatz, der wie ein Schutzwall gegen isolierte Lab-Pipelines wirkt.

Für den Markt ist der Zehnjahresplan ambitioniert: mehr als 170 Start-ups und 1,8 Mrd. EUR Investitionsvolumen. Auf die Frage nach einzelnen „Unicorns“ antwortet Willner sinngemäß, dass das Modell falsch herum bewertet würde, wenn man es an Zufallserfolgen misst. Stattdessen soll ein reproduzierbares System entstehen, das sich nicht einfach kopieren lässt: Wettbewerber können ein Software-Produkt duplizieren, aber nicht die gebündelte Forschungsinfrastruktur und jahrzehntelange wissenschaftliche Exzellenz von Verbünden wie DESY, UHH und TUHH. Experten aus dem Gründungs- und Investmentumfeld sehen in solchen Plattformen vor allem eine Option, „Pre-Hype“-Chancen in strukturierten Deals einzupreisen – zugleich bleibt die Frage, ob der Spagat zwischen staatlichem Anspruch und privater Renditeerwartung dauerhaft gelingt. Wenn er gelingt, entstehen für Entwickler und Teams besonders früh Investitions- und Kundensignale; wenn nicht, droht eine Reibung zwischen Tempo und Compliance, die in daten- und IP-intensiven Deeptechs künftig noch stärker adressiert werden muss.


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