BERLIN / LONDON (IT BOLTWISE) – Zu Pfingsten drohen erneut negative Strompreise, weil viel Solarstrom auf eine schwache Feiertagsnachfrage trifft. Schon im Day-Ahead-Markt werden für den Sonntag Werte deutlich unter Null gehandelt. Das macht die Kostenfrage für Steuerzahler und Systembetreiber akut – und lenkt den Blick auf fehlende Flexibilität durch Speicher, Netzausbau und steuerbare Lasten. Experten sehen in der Häufung ein strukturelles Problem statt nur einen Wetterausreißer.

Negative Strompreise an Pfingsten: droht erneut der Strompreis-Schock?
Negative Strompreise an Pfingsten: droht erneut der Strompreis-Schock? (Foto: IT BOLTWISE)
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Über Pfingsten könnte der deutsche Strommarkt ein vertrautes, aber politisch und wirtschaftlich heikles Muster erneut durchspielen: viel Einspeisung aus Photovoltaik bei gleichzeitig schwacher Nachfrage über die Feiertage. Sobald die Temperaturen nach oben gehen und die Industrie pausiert, sinkt der Verbrauch oft spürbar – während Solaranlagen ihre Leistung bei guter Einstrahlung relativ konstant abliefern. Die Folge sind einzelne Stunden, in denen Erzeuger an der Strombörse Geld dafür zahlen, dass jemand die Strommengen überhaupt abnimmt. Genau diese Mischung aus Wetter und Lastprofil kann sich zu einem Strompreis-Schock verdichten, ähnlich wie zuletzt im Mai.

Technisch betrachtet entsteht die Situation nicht, weil Strom „wertlos“ wird, sondern weil das System in diesen Stunden kurzzeitig in ein Ungleichgewicht kippt. Negative Preise markieren einen kurzfristigen Überfluss: Der Markt braucht Abnehmer, andernfalls müssten Anlagen gedrosselt, Netze entlastet oder Leitungsengpässe anders gemanagt werden. Im Day-Ahead-Handel wird der Erwartungswert für die nächste Stromerzeugungs- und Verbrauchsperiode gebildet; im Intraday-Handel kann der Markt darauf reagieren, wenn Prognosen von Wetter und Last nach unten oder oben abweichen. Wenn dann der Solarstrom-Überschuss nicht rasch genug durch Speicher, Lastverschiebung oder Netzführung kompensiert wird, drücken Erzeuger und Händler die Preisbildung ins Negative.

Im Kern treffen hier zwei Realitäten aufeinander: steigende Erzeugung aus erneuerbaren Energien und ein Marktmechanismus, der in Teilen noch nicht flexibel genug ist. Viele ältere PV-Anlagen erhalten weiterhin eine gesetzlich garantierte Einspeisevergütung nach dem Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG). Diese Vergütung bleibt auch dann bestehen, wenn der Börsenpreis spürbar unter Null fällt. Für den Staatshaushalt und damit indirekt für Steuerzahler ist das relevant, weil in solchen Konstellationen weiterhin garantierte Zahlungen fließen, obwohl am Markt ein Überangebot sichtbar wird oder Erzeuger faktisch für die Abnahme zahlen müssen. Damit verschiebt sich die Belastung von einem rein marktbasierten Preis-Signal hin zu einem politisch finanzieren Systemanteil.

Hinzu kommt, dass die Netzseite die zeitliche Dynamik immer häufiger aushalten muss. Die vier deutschen Übertragungsnetzbetreiber haben wiederholt darauf hingewiesen, dass Phasen hoher Solareinspeisung zunehmen und die technische Steuerung des Systems anspruchsvoller wird. Für sie ist entscheidend, wie schnell Erzeugung, Verbrauch und Netzlast wieder in ein Gleichgewicht geführt werden. Im konkreten Fall bedeutet das: Nicht nur der Ausbau der Übertragungs- und Verteilnetze, sondern auch zusätzliche steuerbare Flexibilität gewinnen an Bedeutung. Speicher- und Regelenergie reichen allein oft nicht aus, wenn Last und Einspeisung über mehrere Stunden gleichzeitig entkoppeln.

Aus Wettbewerbssicht wirkt Deutschland hier wie ein Lehrstück für die gesamte europäische Energiewende. Während in Märkten mit stärkerem Ausgleich über Nachbarländer und mit etablierten Flexibilitätsmärkten die Preise ebenfalls schwanken können, zeigt der Vergleich: Je schneller Lastverschiebung und Speicher „einschwingen“, desto weniger stark verfestigen sich extreme Ausschläge. In Skandinavien etwa werden Flexibilitäten aus Wasserkraft traditionell als Gegenpol genutzt, während in anderen Regionen zunehmend auf Batteriesysteme und aggregierte Demand-Response-Modelle setzt wird. Entscheidend ist dabei nicht nur die Existenz von Erzeugung, sondern die Fähigkeit, Erzeugungsspitzen aktiv in verfügbare Systemleistung zu transformieren.

Branchenexperten stufen die Häufung negativer Preise daher als Hinweis auf strukturelle Probleme ein. Die Zahl negativer Stunden ist laut berichteten Auswertungen zuletzt deutlich gestiegen: von 301 Stunden im Jahr 2023 auf 573 Stunden im vergangenen Jahr. Ökonomisch spricht das für ein wiederkehrendes Ungleichgewicht, das durch Wetterglück nicht zuverlässig „wegnormalisiert“. Energieökonomen argumentieren, dass Speicher- und Netzausbau oft nicht schnell genug vorankommen, während die Nachfrageentwicklung in solchen Zeitfenstern schwächer ausfällt als erwartet. Daraus folgt ein klarer Handlungsimpuls: Flexibilitätsinstrumente müssen stärker wirken – statt Überschüsse indirekt über Einspeisevergütungen weiter mitzufinanzieren.

Auch die Debatte um Abschaltungen von PV-Anlagen steht im Raum. Technisch wäre eine temporäre Drosselung grundsätzlich möglich, doch bestehende Förder- und Vergütungsmechanismen können dazu führen, dass viele Anlagenbetreiber trotz negativer Börsenpreise einspeisen. Dieser Zielkonflikt ist systemisch: Ein Marktpreissignal will eigentlich Erzeugung und Abnahmeverhalten synchronisieren, aber rechtliche und wirtschaftliche Rahmenbedingungen können das Verhalten starr machen. Genau hier setzt die Argumentation an, dass nicht allein „mehr Abschalten“ die Lösung ist, sondern vor allem zusätzliche Großbatterien und intelligente Verbrauchersteuerung. Wenn Elektroautos mittags automatisch laden oder wenn Wärmepumpen und Industrieprozesse Lastspitzen glätten, verändert sich das Preisprofil – nicht als Eingriff, sondern als Ergebnis besserer Flexibilitätsnutzung.

Die Industrie warnt zugleich vor einem anderen Risiko: Klimaschutz darf nicht an der Praxis scheitern. Für energieintensive Unternehmen sind Stromkosten und Planbarkeit zentrale Faktoren, und viele Prozesse lassen sich nicht beliebig hoch- oder herunterfahren. Deshalb kritisieren Branchenvertreter, dass ein Stromsystem, das kurzfristig durch Marktmechanismen und Förderlogik Kostenverläufe produziert, die sich politisch und betriebswirtschaftlich schlecht „verhandeln“ lassen, industrielle Standorte unter Druck setzt. Andere wiederum lesen negative Preise als Marktsignal für Flexibilitätsbedarf: Wenn Strom zeitweise zu günstig ist, sollten Speicher, intelligente Zähler und steuerbare Lasten genau diese Preissignale in produktive Nutzung übersetzen.

Im Ergebnis könnte das Pfingstwochenende zu einem Stresstest für die Systemlogik werden. Wenn die Wetterprognosen eintreffen und große Mengen Solarstrom in Stunden mit geringer Nachfrage fallen, geraten Speicher- und Netzinfrastruktur erneut an ihre Grenzen. Gleichzeitig steigt die Wahrscheinlichkeit, dass bestehende Fördermechanismen die Kostenbelastung zeitlich entkoppeln: Der Markt zeigt einen Überschuss, aber das Vergütungssystem verhindert eine vollständige Verhaltensänderung. Für die nächsten Monate bedeutet das für Entscheider vor allem eines: Flexibilitätsplanung darf nicht nur als Infrastrukturprojekt verstanden werden, sondern als Zusammenspiel aus technischen Ressourcen, regulatorischem Design und operativer Steuerbarkeit. Wer heute Flexibilität aufbaut, reduziert künftig nicht nur Volatilität, sondern auch politische Nachsteuerungsrisiken.

Für die zukünftige Entwicklung zeichnet sich damit ein Roadmap-Thema ab: Deutschland braucht mehr steuerbare Kapazitäten dort, wo der Überschuss entsteht, also gerade mittags bei hoher PV-Einspeisung. Das umfasst Batteriespeicher in verschiedenen Größenordnungen, aber ebenso Lastmanagement in Haushalten und Gewerbe, das sich über Signale aus dem Strommarkt anstoßen lässt. Parallel muss der Rechtsrahmen prüfen, wie Fördermechanismen stärker mit Echtzeitmarktindikatoren harmonieren können, ohne Versorgungssicherheit oder Betreiberinvestitionen zu gefährden. Wenn diese Abstimmung gelingt, kann das System negative Preise als kurzfristiges Phänomen abfedern – statt sie als wiederkehrende Kosten- und Legitimationsfrage zu behandeln.


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