PARIS / LONDON (IT BOLTWISE) – Der französisch-US-amerikanische Startup Certo hat eine 4 Millionen US-Dollar Seed-Runde unter Führung von Daphni eingesammelt. Das Unternehmen baut eine KI-gestützte Plattform, die regulatorische Anforderungen für Beauty- und CPG-Marken in über 70 Ländern automatisiert prüft. Dabei verspricht Certo auditable Begründungen und Quellenangaben statt manueller Spreadsheet-Workflows. Für internationale Teams aus Regulatory Affairs und Legal könnte das den langjährigen Prüfaufwand deutlich verkürzen.

Internationale Beauty- und CPG-Marken stehen beim Thema Compliance seit Jahren unter Dauerdruck: neue Inhaltsstoffe, wechselnde Kennzeichnungspflichten und veränderte Regeln für Nachhaltigkeits-Claims sorgen dafür, dass Prüfdokumente selten dauerhaft „fertig“ sind. Genau an dieser strukturellen Engstelle setzt das Startup Certo an. Wie in der veröffentlichten Ankündigung zur Seed-Runde beschrieben, helfen die Software und KI-gestützten Prüfagenten dabei, regulatorische Reviews über mehrere Jurisdiktionen hinweg zu strukturieren. Certo positioniert sich dabei nicht als reines Beratungs-Tool, sondern als operatives System für wiederholbare, nachvollziehbare Prüfentscheidungen.
Gegründet zwischen Paris und San Francisco von CEO Bastien Deliège-Coste und CTO Jean Duquenne, adressiert Certo ein typisches Szenario in regulierten Konsumgüterunternehmen: Regulatory-Teams müssen Formeln, Zutaten, Etiketten, Marketingaussagen sowie Markteintrittsdokumente gegen jeweils lokale Vorgaben abgleichen. Laut Meldung unterstützt die Plattform bereits Märkte in mehr als 70 Ländern, darunter EU, USA, China, Südkorea, Japan und mehrere Regionen Lateinamerikas. Der Kernansatz kombiniert eine proprietäre Regulatory-Datenbank mit spezialisierten KI-Agents, die Produkte gegen Vorschriften, interne Standards und teils auch retailer-spezifische Anforderungen „querprüfen“.
Technisch lässt sich das als KI-gestützte Wissens- und Evidenzschicht begreifen: Die Datenbank liefert regelbezogenen Kontext, während die Agents die Eingaben der Produktteams (z. B. Rezeptur- und Labeldaten) in Prüfschritte übersetzen. Entscheidend für die Akzeptanz im Unternehmen ist dabei die Produzierbarkeit von Ergebnissen, die sich auditieren lassen. Certo setzt daher auf nachvollziehbare Compliance-Logik, inklusive Begründungen und Quellenzitaten, sodass ein Audit nicht nur „Ergebnis: passt/nicht passt“ liefert, sondern nachvollzieht, warum. Genau hier liegt der Unterschied zu klassischen manuell kuratierten Checklisten und verstreuten PDF-Archiven.
Ein weiteres Detail, das für die technische Einordnung wichtig ist, betrifft die Skalierung der Abdeckung. Die Seed-Finanzierung in Höhe von 4 Millionen US-Dollar soll laut Anbieterangaben in Engineering und den Ausbau eigener Regulatory-Ressourcen fließen. Gleichzeitig will das Team die geografische Coverage erweitern und die kommerzielle Skalierung in Europa und den USA verstärken. Damit wird aus einer zunächst engen Produktdefinition schrittweise ein „internationales“ Operating-System, das in der Praxis mit wechselnden Produktlinien und neuen Regelständen umgehen muss. Der Vergleich drängt sich auf: Während viele Tools „einmalige“ Prüfungen unterstützen, zielt Certo auf dauerhaft wiederholbare Prozesse.
Marktseitig wird die Relevanz durch die Teilnahme etablierter Investoren unterstrichen: Neben Daphni sind Entrepreneurs First, Motier Ventures und Transpose Platform beteiligt. Entscheidend ist jedoch auch, welche Vorarbeit bereits genutzt wird: Certo arbeitet laut Meldung schon mit großen Konsumgütergruppen sowie mit spezialisierten Marken, Retailern und regulierten Consumer-Goods-Anbietern in Europa und den USA. Branchenbeobachter sehen darin ein Indiz, dass der Bedarf nicht nur theoretisch ist. Als Wettbewerbs-Referenz aus dem Compliance-Ökosystem ist außerdem die Verbindung zu AQM zu nennen, einem Compliance- und Testing-Spezialisten, den Eurofins Scientific übernommen hat—das zeigt, dass der Markt für Compliance-Operationalisierung existiert und sich entlang von Skalierung, Daten und Evidenz weiterentwickelt.
In der Investorenperspektive wird der „Pain“ explizit: Manual Checks, verstreute Dokumente und teure Expertenarbeit gelten als Standardprozess über viele Jahre hinweg. Daphni beschreibt in der veröffentlichten Stellungnahme, dass jede international vertriebene Konsumentenware faktisch durch eine Compliance-Pipeline muss, die sich strukturell kaum verändert habe. Certo treibt demnach den Wechsel von statischen Dokumenten hin zu KI-Agenten voran, die Produkte gegen „live“ geltende Regularien verifizieren. Für Unternehmen bedeutet das auch eine Organisationsfrage: Regulatory Affairs wird zunehmend zur Datendomäne, nicht nur zur Dokumentenprüfung—ein Trend, der mit der wachsenden Zahl an Anforderungen rund um Allergene, Mikroplastik, Verpackungsabfall und Nachhaltigkeitsclaims weiter an Fahrt gewinnt.
Für die Branche und Entwicklerteams sind damit mehrere Konsequenzen verbunden. Erstens steigt der Bedarf an sauberer Datenintegration: Zutatenlisten, Rezepturversionen, Claims- und Label-Text müssen in einer Form verfügbar sein, die KI-Agents zuverlässig interpretieren können. Zweitens verschiebt sich die Wertschöpfung in Richtung Datenqualität und regelbasiertes Mapping, also die Frage, wie Vorschriften in maschinenlesbare Prüflogik übertragen werden. Drittens erhöht die Auditierbarkeit die Anforderungen an Produktdesign: Nicht nur die „Trefferquote“, sondern die nachvollziehbare Kette von Evidenz wird zum Qualitätskriterium. Genau deshalb ist der Fokus auf auditable Reasoning und Quellenangaben strategisch bedeutsam—und wirkt im Vergleich zu vielen reinen Generative-AI-Ansätzen wie eine Abgrenzung über Governance und Nachvollziehbarkeit.
Der Ausblick ist wiederum klar auf Expansion und Produktreife ausgerichtet. Certo spricht davon, ein KI-natives Compliance-Betriebssystem aufzubauen, das bereits von großen Beauty- und CPG-Marken in Europa und den USA genutzt wird. Mit der Seed-Runde will das Unternehmen die Inhouse-Teams erweitern, Produktentwicklung und internationale Ausrollung beschleunigen und die regulatorische Coverage vertiefen. Für die nächsten Monate ist damit zu erwarten, dass verstärkt daran gearbeitet wird, neue Märkte schneller „einschalten“ zu können, ohne die Qualität der Begründungen zu verlieren. Langfristig könnte sich Certo von einem Tool hin zu einer Compliance-Vertrauensschicht entwickeln, die Marken, Lieferanten und Regulatoren über standardisierte Nachweise besser verbindet.
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