BERLIN / LONDON (IT BOLTWISE) – Das Kabinett hat den Entwurf für das Gebäudemodernisierungsgesetz auf den Weg gebracht und damit die EU-Gebäuderichtlinie EPBD in deutsches Recht überführt. Im Zentrum steht die neue „Bio-Treppe“ für erneuerbare Anteile bei Gas- und Ölheizungen, gekoppelt an konkrete Quoten bis 2040. Gleichzeitig verschärfen sich die Anforderungen an Energieausweise: Sie sollen künftig stärker harmonisiert, digital erstellt und bei Mietvertragsverlängerungen verpflichtend werden. Während die Politik also Regeln nachschärft, bremst eine aktuelle Studie offenbar den Sanierungswillen vieler privater Vermieter aus.

Die nächste Phase der Gebäudemodernisierung kommt weniger aus der Technik als aus dem Gesetzesrahmen: Das Kabinett hat den Entwurf für ein Gebäudemodernisierungsgesetz beschlossen, das die EU-Gebäuderichtlinie (EPBD) in deutsches Recht übersetzt. Für Eigentümer und Verwalter bedeutet das vor allem eine Verschiebung von „Was ist erlaubt?“ hin zu „Wie müssen Nachweise, Sanierungsschritte und Investitionsrechnungen ausgestaltet sein?“. Branchenbeobachter rechnen damit, dass die Umsetzungsgeschwindigkeit vor allem an administrativen Details hängt, etwa an neuen Vorgaben für Energieausweise und an der Umstellung bestehender Prozesse in der Immobilienverwaltung.
Technisch wird die politische Richtung durch die neue „Heizungs-Treppe“ konkret greifbar. Die bisherige 65-Prozent-Regel für erneuerbare Energien bei neuen Heizungen wird durch ein abgestuftes Modell ersetzt, die sogenannte „Bio-Treppe“. Dabei steigen die erforderlichen Quoten für Biomasse oder grüne Brennstoffe bei Gas- und Ölheizungen schrittweise: beginnend mit zehn Prozent ab Januar 2029, steigend auf 15 Prozent in 2030, 30 Prozent ab 2035 und schließlich 60 Prozent bis 2040. Wichtig für die Planung ist zudem: Ein vollständiges Betriebsverbot für ältere Ölkessel ist vom Tisch.
Auch für Neubauten werden die Rahmenbedingungen strenger. Öffentliche Nichtwohngebäude sollen ab Januar 2028 emissionsfrei sein, während alle übrigen Neubauten ab 2030 folgen. Parallel laufen Anpassungen an den Nachweispflichten, die in der Praxis oft der Engpass sind, weil sie über Schnittstellen in Verwaltungssoftware, Dokumenten-Workflows und Vertragsmanagement wirken. Laut den vorliegenden Informationen droht Deutschland zudem, die EU-Umsetzungsfrist (bis zum 29. Mai 2026) eher zu reißen, insbesondere weil Energieausweise neu gedacht werden müssen. Der Gesetzgeber verlagert damit Aufwand vom reinen Bau- und Haustechnikbereich in den dokumentations- und compliance-getriebenen Teil des Immobiliengeschäfts.
In der Praxis entsteht für Vermieter dadurch ein neues Kalkulationsproblem: Nicht nur die Investitionskosten für Heizungstausch oder Dämmmaßnahmen, sondern auch die laufenden Bewirtschaftungskosten und die rechtssichere Umlagefähigkeit werden stärker in den Mittelpunkt gerückt. Hinzu kommt, dass Energieausweise künftig stärker harmonisiert werden sollen, inklusive einer EU-weiten Effizienzskala von A bis G, die in Miet- und Vertragsprozesse integriert werden muss. Für Wohngebäude bleibt der Verbrauchsausweis als Standard bestehen, doch für Nichtwohngebäude gelten zusätzliche Anforderungen, unter anderem digitale Erstellung und die Pflicht zur Vorlage bei Mietvertragsverlängerungen. Damit steigt der Druck auf Prozesse wie Datenerhebung, Messkonzept, Dokumentation und Vertragsanpassung.
Genau hier setzt die Marktdynamik an, denn eine Studie von DI Deutschland.Immobilien AG und dem Institut der deutschen Wirtschaft (IW) zeichnet ein Bild abwartender Eigentümer: Rund 59 Prozent der befragten privaten Vermieter hätten derzeit keine Pläne für energetische Modernisierungen, gegenüber 48 Prozent im Vorjahr. Die Autoren sehen die Ursache vor allem in unklaren politischen Rahmenbedingungen. Wer bereits investiert, konzentriert sich demnach häufig auf konkrete Bausteine wie Heizungen (34 Prozent), Fenster (25 Prozent) oder die Gebäudehülle (18 Prozent). Als Hauptmotive werden Energiekosten (53 Prozent), Mieterzufriedenheit (41 Prozent) und Werterhalt (38 Prozent) genannt; ökologische Gründe erreichen 31 Prozent.
Dass diese Zurückhaltung nicht nur „Mentalität“, sondern auch Timing ist, zeigt die Förderlage. Wenn der KfW-Etat für Gebäudemodernisierung 2026 auf 2,0 Milliarden Euro sinken soll (ein Minus von 58 Prozent zum Vorjahr), verschiebt sich die Renditekurve vieler Projekte. Damit wird die Entscheidung schwerer, weil Finanzierung, Förderfähigkeit und technische Kompatibilität (z. B. mit bestehenden Heizflächen) in kurzer Zeit neu bewertet werden müssen. Wettbewerblich lässt sich beobachten, dass Anbieter im Wärmepumpensegment ihre Lösungen zunehmend auf Industrialisierung und Großanlagen ausrichten: Während Vaillant hier mit einem Hochleistungs-Wärmepumpenprojekt in Dortmund sichtbar wird, arbeiten andere etablierte Hersteller wie Bosch Thermotechnik ebenfalls an skalierbaren Systemen. Entscheidend ist jedoch, ob diese Angebote in den Sanierungsstau monetär und organisatorisch in große Bestandsportfolios passen.
Ein technisches Signal aus der Praxis liefert ein Gemeinschaftsprojekt von Vaillant und der Alois Müller Gruppe: In Dortmund ging eine Hochleistungs-Wärmepumpenlösung für zwei Mehrfamilienhäuser aus dem Jahr 1967 in Betrieb. Die Anlage setzt auf eine sechsstufige Kaskade mit einer Gesamtleistung von 80 Kilowatt und soll eine Jahresarbeitszahl von mindestens 3,5 erreichen. Erste Berechnungen ordnen die erzielte Effizienzsteigerung als Verbesserung der Energieeffizienzklasse von F auf B ein und prognostizieren eine CO₂-Reduktion um rund 20,5 Tonnen pro Jahr. Solche Kennzahlen wirken wie ein Gegenargument zur „Planungsbremse“, weil sie die Wirkung von Engineering-Entscheidungen (Lastprofil, Auslegung, Systemintegration) quantifizierbar machen.
Ein weiterer Marktaspekt liegt in der Umstellung von Mess- und Nachweissystemen: Energieausweise sollen digital erstellt werden und bei bestimmten Vertragskonstellationen verpflichtend sein. Dazu passt die Erwartung, dass sich die Tools der Immobilienwirtschaft verändern müssen, um Informationen künftig automatisiert zu prüfen, zu versionieren und in Miet-Workflows zu überführen. Der regulatorische Druck trifft damit auch auf Software-Stacks für Hausverwaltung, Contract-Management und Energie-Datenräume. Experten aus der Praxis und aus der Forschung bringen den Kern oft auf eine simple Formel: Je höher die Planungsunsicherheit, desto seltener wird investiert; gleichzeitig steigt die Dringlichkeit, sobald die Anforderungen klar werden. Wie es die Autoren der Studie zusammenfassen, „bricht der Sanierungswille ein, sobald die Politik den Zielkorridor zwar vorgibt, aber die Spielregeln für Investoren in der Umsetzung noch nicht sicher genug erscheinen“.
Für die Zukunft ist das Zusammenspiel aus Heizungs-Treppe, Neubau-Emissionsvorgaben und digitalisierten Energieausweisen der entscheidende Hebel. Für Unternehmen bedeutet das: Wer Sanierungsprogramme auflegt, muss sie als mehrstufiges Programm denken—mit technischen Varianten (z. B. Wärmepumpe gegen System-Umrüstung), mit Vertrags- und Nachweisketten (Energieausweis, Lebenszyklusbetrachtung) sowie mit rechtssicheren Prozessen für Mieterkommunikation und Umlagen. Gerade ab 2028 bzw. 2030 sollen Ausweise zudem das Treibhauspotenzial über den gesamten Lebenszyklus abbilden, was die Bewertungsmethoden in Ausschreibungen und in Wirtschaftlichkeitsberechnungen verlagert. Der Ausblick für 2026 bis 2030 ist damit weniger „ein neues Gesetz“, sondern eher eine neue Betriebslogik für den Gebäudebestand.
Als Implikation für Entwickler und Dienstleister in der Immobilien-IT ergibt sich ein klarer Bedarf: Datenmodelle für Energiekennwerte, Workflows zur digitalen Erstellung und Prüfung von Nachweisen sowie Schnittstellen für Vertrags- und Umlageprozesse werden zur Schlüsselkomponente. Während Hardware-Entscheidungen in der Öffentlichkeit dominieren, entscheiden in der Praxis häufig Prozesse über Zeit, Kosten und Fehleranfälligkeit. Wenn die EPBD-Umsetzung spürbar wird und Energieausweise stärker formalisiert werden, könnten sich neue Chancen für Plattformen ergeben, die Energiedaten konsistent integrieren und Compliance durch Audit-Trails unterstützen. Für viele Vermieter dürfte der Übergang dennoch schrittweise erfolgen: Sobald klare Tooling-Standards und stabile Förderpfade entstehen, wird die „Eisphase“ aus der Studie vermutlich nicht abrupt enden, aber sich in konkrete Projektstarts übersetzen.
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