CHUR / LONDON (IT BOLTWISE) – In Chur entsteht mit Kleinbruggen bis 2029 ein neues Quartier mit knapp 600 Wohnungen, das bewusst zwischen urbaner Dichte und angrenzendem Grünraum vermittelt. Entscheidend ist dabei nicht nur die Architekturform, sondern ein übergreifender Nachhaltigkeitsrahmen nach SNBS mit sozialen Begegnungsräumen, energiesparenden Strategien und nutzungsflexiblen Grundrissen. Ritter Schumacher realisiert dabei fünf der dreizehn Baufelder und prägt damit das Ensemble spürbar. Für Investoren, Planer und zukünftige Bewohnerinnen und Bewohner wird das Projekt damit zum Testfall, wie Bezahlbarkeit und Quartiersqualität gleichzeitig skalieren können.

Chur wächst, und wie in vielen Schweizer Städten steht die Frage im Raum, wie zusätzlicher Wohnraum entstehen kann, ohne die Lebensqualität zu verlieren. Genau hier setzt das Quartier Kleinbruggen an: Auf einer rund 11 Hektar großen Bauzone entsteht bis 2029 ein Wohnareal mit insgesamt fast 600 Wohnungen, das städtebaulich wie sozial eine Brücke zwischen der Stadt und dem angrenzenden Landschafts- und Naherholungsraum schlagen soll. Die besondere Dynamik liegt darin, dass nicht ein einzelnes Gebäude den Charakter prägt, sondern das Zusammenspiel aus 13 Baufeldern, unterschiedlichen Wohnformen und gemeinschaftlichen Nutzungen. Ritter Schumacher gewinnt dabei einen besonders großen Anteil und realisiert fünf Baufelder.
Technisch betrachtet ist das Projekt weniger ein „Monolith“, sondern eine orchestrierte Abfolge von Baukörpern und Grundrissideen, die trotz vorgegebener Rahmenbedingungen variieren dürfen. Ausgangspunkt ist ein städtebauliches Konzept, das die Baukörper wie „fünf Finger“ oder einen Fächer von der Rheinfelsstraße in den Landschaftsraum öffnet. Die Aufspreizung sorgt an der Straßenseite für einen dichten, städtischen Abschluss, während sich die Form zur Landschaft hin verzahnt und Übergänge fließend werden lässt. Für die Ausführungslogik heißt das: Gebäudehöhen, Attikabereiche, Balkon-Tiefen, Loggienzonen und sogar das Farbspektrum sind reguliert, damit die Ensemblewirkung stabil bleibt.
Hinter dem Entwurf steht zudem ein klarer Nachhaltigkeitsanspruch, der als Qualitätsanker in mehreren Dimensionen funktioniert. Als erstes Areal in Graubünden soll Kleinbruggen die 30 Nachhaltigkeitskriterien des SNBS-Areals (Standard Nachhaltiges Bauen Schweiz) erfüllen, was laut Projektkonzept gezielt Umwelt, Gesellschaft und Wirtschaft adressiert. Konkret fallen darunter nicht nur Strategien zur Reduktion des Energiebedarfs, sondern auch planerische Maßnahmen für ein besseres Mikroklima, etwa durchlässe Gründflächen. Ebenso wichtig sind Begegnungsräume, die soziale Interaktion erleichtern, statt Wohnen nur als Privatnutzung zu verstehen. Dass diese Kriterien bereits in der Strukturplanung mitgedacht werden, reduziert spätere Zielkonflikte zwischen Investoreninteressen und baulicher Umsetzung.
Die Marktdynamik zeigt, warum solche Rahmenbedingungen in der Praxis entscheidend sind: Bei vielen beteiligten Akteuren braucht es Vorgaben, um Vergleichbarkeit zu schaffen, gleichzeitig aber Gestaltungsfreiheit dort zu erlauben, wo Wohnkonzepte wirken. Die zweite Stufe ist bereits abgeschlossen, die dritte Etappe folgt bis zur Fertigstellung 2029, und so werden Prinzipien wie „soziale Vielfalt“ über mehrere Bauabschnitte hinweg verlässlich umgesetzt. Wohnungen und Wohnformen reichen von Micro Apartments über gemeinnützigen Wohnungsbau sowie Genossenschafts- und Eigentumsmodelle bis hin zu Service-Wohnungen. Branchenexperten betonen in diesem Zusammenhang häufig, dass nachhaltige Quartiere vor allem dann funktionieren, wenn Grundrisse nutzungsflexibel bleiben und Gemeinschaftsflächen nicht „nachträglich“ ergänzt werden.
Ein wesentlicher Vergleichspunkt zu anderen Schweizer Wohnquartieren liegt in der Frage, wie stark sich Kosten- und Qualitätsziele gegenseitig beeinflussen. Kleinbruggen versucht genau diese Kopplung positiv aufzulösen: Kompakte Verkehrsflächen, klare Erschließung über Treppenhäuser, aber auch bewusst gestaltete Fassadenrhythmen schaffen ein konsistentes Erscheinungsbild. Im Projekt „Durabel“ etwa, das bereits 2023 fertiggestellt und bezogen wurde, werden Micro Apartments in rund 50 Einheiten realisiert, ab etwa 21 m², (teil-)möbliert und mit durchdachter Einteilung. Die Vermietung folgt dynamischen Preislogiken nach Wohndauer, die schon ab zwei Wochen beginnt. Entscheidend ist dabei nicht nur der Marktfit, sondern auch die Vorfertigungslogik, die bei den sogenannten Fertig-Nasszellen sichtbar wird: vorgefertigte Betonkubus-Module senken Aufwand und Taktzeiten.
Auch das gemeinnützige Modell „Caviva“ zeigt, wie sich architektonische Vorgaben in soziale Effekte übersetzen lassen. Das dreigeschossige Gebäude mit zwei Attikageschossen liegt an der dichtesten Stelle des Quartiers und adressiert durch seine Gestaltung sowohl eine ruhige Ensemblewirkung als auch Wiedererkennbarkeit für Bewohnerinnen und Bewohner. Balkonbänder werden eingesetzt, um unruhige Vor- und Rücksprünge gestalterisch abzufedern; gleichzeitig schwingt der Balkon in bestimmten Bereichen vor, um Rhythmus zu erzeugen. Ergänzend existiert im Erdgeschoss ein gemeinschaftlich nutzbarer Raum, der über ein Budget gemeinsam gestaltet werden kann. Solche Instrumente sind mehr als „Amenities“: Sie schaffen tatsächlich Ankerpunkte, an denen Begegnung entsteht, statt nur private Nutzung zu wiederholen.
Bei aller Planungsqualität bleibt das Projekt auch ein Organisations- und Steuerungsfall, denn Kleinbruggen basiert auf einem kooperativen Auswahl- und Vergabemodell. Aus Investorenwettbewerben ab 2019 wurden dreizehn Baufelder vergeben, jeweils an Unterbaurechtnehmer; Ritter Schumacher erhielt den Zuschlag nicht zuletzt, weil im Zusammenspiel mit Investoren überzeugende Konzepte erarbeitet wurden. Die „Zauberformel“ ist hier Kooperation: Investoren und Architekten bewerben sich mit konzeptionellen Interpretationen, während gemeinsame Ziele in den Mittelpunkt rücken, nämlich Wohnraum zu schaffen, der sozial, wirtschaftlich und ökologisch verträglich ist. Als Wettbewerber bzw. Referenz für ähnliche Vorgehensweisen in der Schweiz gelten häufig große, städtebaulich erfahrene Architektur- und Entwicklungsbüros; in der Praxis zeigt sich dabei, dass die Erfolgsquote steigt, wenn Rahmenvorgaben früh definiert und Details im Bauablauf nachvollziehbar bleiben.
Für die Zukunft ist die wichtigste Frage, wie stark sich das Quartier als „wiederholbares Muster“ in andere Lagen übertragen lässt. Wenn Kleinbruggen tatsächlich als erstes Areal in Graubünden SNBS-Kriterien erfüllt, entsteht eine belastbare Vorlage für weitere Projekte, die soziale Mischung, Mikroklima und Energieziele gleichzeitig adressieren. Gleichzeitig wird die Technikseite indirekt relevanter: Flexible Grundrisse und nutzungsfähige Erschließungen erleichtern spätere Anpassungen, beispielsweise bei Wohnungszuschnitten oder Service-Angeboten. Ergänzend sollten Betreiber künftig besonders auf Datenschutz und IT-Sicherheit achten, etwa wenn Zugangssysteme, Service-Routinen oder digitale Abrechnungen in gemeinschaftlichen Bereichen eingesetzt werden. Insgesamt deutet das Projekt darauf hin, dass Qualität und Bezahlbarkeit künftig weniger Gegensätze sind, sondern als gemeinsames Planungsziel gedacht werden.
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