LONDON (IT BOLTWISE) – Eine neue Untersuchung zeigt, dass nur 26 Prozent der Klimazusagen von KI-Unternehmen durch veröffentlichte Forschungsergebnisse gestützt sind. Gleichzeitig kritisieren die Autoren, dass insbesondere generative KI messbar hohe Ressourcenverbräuche verursacht, ohne klare, quantifizierte Klimaeffekte. Der Bericht trifft die Branche in einer Phase milliardenschwerer Rechenzentrumsinvestitionen, die zunehmend auf lokalen Widerstand und regulatorische Eingriffe stoßen. Für Nachhaltigkeits- und CIO-Teams wird damit die Bewertung von Klimaaussagen zu einem konkreten Compliance- und Standortrisiko.

KI-Greenwashing: Nur 26% der Klimaversprechen wissenschaftlich belegt
KI-Greenwashing: Nur 26% der Klimaversprechen wissenschaftlich belegt (Foto: IT BOLTWISE)
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Die Debatte um KI-Greenwashing bekommt durch eine aktuelle Studie frischen Zündstoff: Von 154 untersuchten Klimaversprechen aus der KI-Branche werden nur 26 Prozent mit veröffentlichten Forschungsergebnissen untermauert. Das ist weniger ein rhetorisches Problem als ein Mess- und Nachweisproblem – denn ohne belastbare Methodik bleibt unklar, ob KI-Systeme tatsächlich Emissionen reduzieren oder lediglich „grün“ kommunizieren. Besonders kritisch fällt auf, dass generative KI-Modelle zwar zunehmend in Unternehmensprozesse vordringen, ihr Energie- und Wasserfußabdruck aber nicht in gleicher Schärfe in nachvollziehbare Klimavorteile übersetzt wird.

Technisch betrachtet hängt die Aussagekraft solcher Klimabilanzen stark davon ab, ob ein Unternehmen Transparenz über Systemgrenzen schafft: Welche Trainings- und Inferenzphasen werden berücksichtigt, wie werden Strommix und Auslastung modelliert, und wie fließen Kühltechnik, Standortwahl sowie IT-Overheads ein? Genau hier setzen die Studienautoren offenbar an, wenn sie fordern, dass Klimaversprechen durch „peer-geprüfte“ oder zumindest öffentlich nachvollziehbare Ergebnisse gedeckt sind. Während klassische KI-Anwendungen, etwa in der Wetterprognose, häufig messbare Umweltwirkungen zeigen können, ist die Kausalität bei generativen Systemen oft schwerer zu belegen.

Hinzu kommt, dass KI-Unternehmen die Architektur- und Betriebslogik ihrer Dienste selten wie ein Energieversorger veröffentlichen. Für Enterprise-Kunden bedeutet das: Ein „grüner“ Claim kann sich auf sehr unterschiedliche Größenordnungen beziehen – etwa auf den Wechsel zu erneuerbaren Energien am Standort, auf Effizienzgewinne durch bessere Hardware, oder auf die Einsparung von Medien- und Prozesskosten durch Automatisierung. Branchenexperten weisen deshalb darauf hin, dass Nachhaltigkeitsmanager nicht nur Versprechen prüfen sollten, sondern die Rechenmethodik: Welche Annahmen wurden getroffen, welche Daten wurden genutzt und wie wurde Unsicherheit behandelt? Ohne diese Schicht bleibt Greenwashing im Ergebnis schwer entlarvbar – bis ein externer Abgleich erfolgt.

Der Markt bewegt sich dennoch mit hoher Geschwindigkeit. Nach aktuellen Analysen könnten KI-bezogene Investitionen 2026 auf 680 bis 755 Milliarden Euro ansteigen, was ungefähr drei Prozent des US-Bruttoinlandsprodukts entspricht. Diese Dynamik beschleunigt den Bau neuer Rechenzentren, und genau dort verdichtet sich der Konflikt zwischen Anspruch und Realität. Die Internationale Energieagentur geht davon aus, dass solche Anlagen bis 2030 für fast die Hälfte des Strombedarfszuwachses in den USA verantwortlich sein könnten. Damit steigt der Druck auf Transparenz: Selbst wenn ein Modell effizienter wird, können zusätzliche Lasten und neue Standorte den Gesamteffekt verwässern.

In der politischen Realität schlägt sich dieser Konflikt zunehmend in Widerstand vor Ort nieder. Gallup-Umfragen zufolge lehnen 70 Prozent der US-Amerikaner ein Rechenzentrum in der Nachbarschaft ab – eine höhere Ablehnungsrate als bei Atomkraftwerken. 2025 wurden mindestens 25 Rechenzentren wegen lokaler Proteste gestoppt; 2026 kamen weitere 20 Projekte im Wert von rund 39 Milliarden Euro hinzu. Experten aus dem Public-Affairs-Umfeld interpretieren das als Lernprozess: Communities akzeptieren „KI“ als Schlagwort, aber sie verlangen konkrete Antworten zu Lärm, Wasserverbrauch, Netzanschluss und Transparenz. Für Anbieter wird das zu einem Zeit- und Budgetrisiko, nicht nur zu einem Reputationsrisiko.

Ein konkretes Beispiel für die Gemengelage liefern Planungen, die verschiedene Akteure gemeinsam vorantreiben: Das „Stargate“-Projekt, das mit Related Digital, Oracle und OpenAI in Verbindung gebracht wird, traf in Saline Township auf erheblichen Widerstand. Nachdem lokale Behörden eine Umwidmung von Flächen ablehnten, kam es offenbar zu juristischen Eskalationen, woraufhin die Investoren das Projekt fortsetzen wollten. Solche Fälle zeigen, wie stark technische Entscheidungen in der Praxis an Genehmigungsfähigkeit und Stakeholder-Management gekoppelt sind. Gleichzeitig wird sichtbar, dass Klimaziele ohne belastbare Daten schwer gegen lokale Interessen (Wasser, Lärm, Stromnetzausbau) bestehen können.

Auch Umwelt- und Ressourcenknappheit werden als finanzielle Faktoren greifbar. In einem aktualisierten Börsenprospekt nennt SpaceX den Wasserzugang als spezifischen Risikotreiber für den Ausbau von Rechenzentren. Der Grund ist ökonomisch: Wenn Strom und Wasser regional knapper oder teurer werden, verschiebt sich die Kostenstruktur der Infrastruktur – und damit die Wirtschaftlichkeit von KI-Workloads. In Utah steht das „Stratos Project“ als Symbol für den Zielkonflikt zwischen Infrastrukturwachstum und Emissionspolitik. Zwar soll perspektivisch auf Atomkraft, Geothermie und Solarenergie umgestellt werden, doch erste Phasen beinhalten offenbar ein 9-Gigawatt-Gaskraftwerk, das laut Angaben jährlich 35 Millionen Tonnen CO₂ ausstoßen könnte.

Während einige Regionen restriktiver werden, setzen andere auf eine Strategie „KI mit emissionsarmem Strom“. Softbank kündigte an, bis 2031 eine Rechenzentrumskapazität von 5 Gigawatt in Frankreich aufzubauen und dafür bis zu 75 Milliarden Euro zu investieren, gestützt auf das französische Atomstromnetz und den Versorger EDF. Die Erwartung: Über 15.000 neue Arbeitsplätze und eine bessere CO₂-Bilanz. Für die Wettbewerbspositionierung ist das relevant, weil es zeigt, wie stark Nachhaltigkeitsclaims an die Strommix-Realität gekoppelt sind. Der technische Vergleich liegt damit nicht allein in Modellparametern, sondern auch im Zusammenspiel aus Standort, Energiequelle, Lastprofil und Kühlkonzept.

Für Unternehmen folgt daraus ein klarer Handlungsrahmen: Nachhaltigkeitsmanager, CIOs und Procurement-Teams sollten Klimaaussagen künftig wie Risikodokumente behandeln. Praktisch bedeutet das, Klimavorsprechen vor dem Rollout zu prüfen, die Nachweisqualität zu bewerten und die Annahmen zu Strom, Wasser und Auslastung gegen die eigenen Betriebsbedingungen zu spiegeln. Gerade bei generativer KI wird der Nutzen oft indirekt und zeitversetzt realisiert, während die Infrastrukturkosten sofort anfallen. Wer dann nur Marketingwerte vergleicht, läuft Gefahr, in späteren Genehmigungs- oder Auditprozessen zu verlieren.

In die Zukunft deutet einiges darauf hin, dass sich Transparenzanforderungen verschärfen – und zwar entlang von drei Achsen: technische Messbarkeit, regulatorische Nachweispflichten und gesellschaftliche Akzeptanz. Unternehmen, die früh eine belastbare Klimamethodik etablieren, gewinnen nicht nur bei Ausschreibungen, sondern auch beim Standortdialog, weil sie konkrete Werte liefern können. Gleichzeitig werden Rechenzentren und KI-Plattformen stärker „compliance-nah“ designt werden müssen, etwa durch nachvollziehbare Ressourcenreports, Logging von Lastprofilen und Standardisierung von Bilanzierungsmodellen. Wer diese Entwicklung ignoriert, riskiert, dass sich Greenwashing-Vorwürfe wie ein Standortfaktor in Budgets und Genehmigungen einschreiben – und damit aus PR-Fragen echte Engineering-Entscheidungen werden.


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