FREIBURG / LONDON (IT BOLTWISE) – In deutschen Supermärkten wird Tofu aktuell deutlich seltener angeboten, weil die Nachfrage schneller wächst als die Produktions- und Lieferketten mithalten können. Händler berichten von spürbar eingeschränkter Warenverfügbarkeit, während Hersteller zeitweise Produktionsschritte reduzieren müssen. Als Reaktion soll der Engpass über zusätzliche Anlagen und den Ausbau von Infrastruktur wie Soja-Lagerkapazitäten abgefedert werden. Experten sehen zugleich einen längerfristigen Trend zu pflanzlichen Alternativen, der die Nachfrage weiter antreiben dürfte.

Wer in den letzten Wochen durch deutsche Supermärkte geht, stößt bei Tofu und einigen verwandten Sojaprodukten nicht selten auf leere Regale oder nur auf eine dünne Auswahl. Für die Kundschaft wirkt das wie ein kurzfristiger Ausreißer, für die Branche hingegen wie ein klassisches Zusammenspiel aus Nachfrageimpuls und begrenzter Produktionsfähigkeit. Einzelhändler bestätigen, dass die Warenverfügbarkeit spürbar eingeschränkt ist und Nachlieferungen nicht in dem Tempo erfolgen, das die momentane Nachfrage erfordert. Damit rückt weniger der “Produkt-Trend” in den Fokus als vielmehr die Frage, wie robust Produktionsplanung, Rohstoffhandling und Logistik auch bei schnellen Marktbewegungen bleiben.
Technisch betrachtet liegt der Engpass selten an einem einzigen Hebel. Tofu wird aus Soja-Inputs hergestellt, deren Verfügbarkeit zwar grundsätzlich gegeben sein kann, deren Verarbeitungs- und Lagerprozesse aber eng getaktet sind. Wenn Kapazitäten in den Herstellbetrieben über mehrere Produktionsläufe hinweg an die Grenzen geraten, entsteht ein Verzögerungseffekt: Das Rohmaterial steht zwar bereit, aber die Umwandlung, Verpackung und Qualitätsfreigabe schaffen nicht die notwendige Durchsatzrate. Hinzu kommen Planungsfenster für Schichten, Rezepturwechsel und Wartungsarbeiten, die in der Lebensmittelindustrie stärker reguliert sind als in vielen anderen Bereichen. So wird aus “kurzzeitigem” Stress schnell ein sichtbarer Mangel im Handel.
Im Handel zeigt sich die Lage entsprechend uneinheitlich. Rewe beschreibt eine stark eingeschränkte Verfügbarkeit, während andere Wettbewerber wie Aldi Nord sowie Kaufland in ihren Aussagen auf vorübergehende Kapazitäts- und Lieferprobleme verweisen. Wichtig ist dabei: Händler müssen nicht nur nachbestellen, sondern auch ihre Sortimentslogik anpassen, um Kunden nicht dauerhaft zu verlieren. Wenn sich die Regale über Tage und Wochen nicht stabil auffüllen lassen, greifen Shopper häufiger zu Alternativen – etwa anderen pflanzlichen Fleischersatzprodukten oder zu anderen Marken. Dass Aldi Nord “schnellstmöglich” auffüllen will, ist dabei weniger ein Versprechen für die Gesamtlage als ein Versuch, kurzfristige Nachfrage-Spitzen zu glätten und die eigene Frequenz im Markt zu halten.
Auf der Herstellerseite wird die Ursache noch konkreter. Taifun, ein etablierter Produzent, macht vorübergehende Produktionsprobleme verantwortlich, die die Verfügbarkeit spürbar reduzieren. Um die Produktion zu stabilisieren, werden bestimmte Produkte zeitweise ausgesetzt, was für den Handel zwar kurzfristig die Sortimentslücken erweitert, aber die Gesamtstabilität der Lieferfähigkeit verbessern kann. Ergänzend investiert Taifun in neue Produktionsanlagen in Freiburg. Geplant ist unter anderem der Bau eines neuen Soja-Silos, der die Rohstoffpufferung erhöht und damit die Reaktionsfähigkeit bei Nachfrageschwankungen verbessert. Die Botschaft dahinter: Nicht nur mehr Output, sondern auch mehr Resilienz im Vorfeld.
Auch ein anderer Berliner Hersteller, Treiber Tofu, bestätigt ähnliche Herausforderungen. Das Unternehmen betont dabei ausdrücklich, dass Soja an sich kein Engpass sei; vielmehr seien die Produktionskapazitäten am Limit. Genau hier wird der Unterschied zwischen Rohstoffverfügbarkeit und industrieller Verarbeitungsleistung sichtbar: Selbst wenn Inputs vorhanden sind, müssen sie in passenden Zeitfenstern verarbeitet werden. Eine Ausweitung der Produktion erfordert Zeit, weil Maschinenparks nicht über Nacht auf höhere Taktzahlen umgestellt werden können. In der Lebensmittelindustrie spielt außerdem die Qualitätssicherung eine zentrale Rolle: Jede Charge muss nach festgelegten Parametern laufen, damit Sicherheit, Konsistenz und Geschmack im Sinne der Markenversprechen erhalten bleiben. Diese Faktoren machen Engpässe oft länger als erwartet.
Während der Mangel im Moment die Schlagzeilen dominiert, zeigt der Markt langfristig einen klaren Trend zu pflanzlichen Alternativen. Experten berichten, dass insbesondere jüngere Verbraucher und städtische Milieus verstärkt zu Produkten wie Tofu greifen. Björn Fromm, Edeka-Händler und Präsident des Bundesverbands des Deutschen Lebensmittelhandels, ordnet das als spürbare Nachfragesteigerung in den letzten Jahren ein. Dahinter stehen meist mehrere Motive: Gesundheit und Fitness, aber auch eine breitere Akzeptanz pflanzlicher Küchenrealität. Interessant ist zudem, dass Statistiken des Statistischen Bundesamtes die Dynamik fein aufdröseln: Während der Absatz von Fleischersatzprodukten 2025 leicht sinkt, verzeichnet Tofu einen Anstieg. Das legt nahe, dass Tofu innerhalb der Kategorie besonders stark um Aufmerksamkeit gewinnt.
Ernährungswissenschaftler liefern dafür eine verständliche Einordnung. Gunther Hirschfelder von der Universität Regensburg hebt hervor, dass sich Tofu als Lebensmittel etabliert hat, das gut in die deutsche Küche passt. Gerade die Kombination aus gesundheitlichen Vorteilen und relativ moderatem Preis macht es für viele Verbraucher anschlussfähig. Ergänzend beschreibt Ivo Rzegotta vom Thinktank “The Good Food Institute Europe” die Entwicklung als bemerkenswerte Erfolgsgeschichte, die vor allem durch preiswerte Eigenmarken und die Sichtbarkeit in sozialen Medien getrieben wurde. Gleichzeitig bleibt Tofu im Vergleich zu manchen anderen pflanzlichen Fleischalternativen noch ein vergleichsweise kleiner Teil des Marktes. Das heißt aber auch: Wenn Produktions- und Lieferketten wieder stabil laufen, kann die Nachfrageentwicklung kurzfristig stärker “durchschlagen” als in anderen Segmenten.
Für die weitere Planung dürfte entscheidend sein, wie schnell die Lieferfähigkeit wieder auf ein belastbares Niveau kommt. Rewe prognostiziert eine vollständige Normalisierung frühestens bis Ende 2026, was zeigt, dass der Engpass nicht nur ein kurzfristiger Logistikstau ist. Unternehmen reagieren darauf typischerweise in drei Richtungen: Sie bauen Kapazitäten aus, sie erhöhen Rohstoff- und Lagerpuffer und sie optimieren die Abstimmung zwischen Produktion und Handel. In der Praxis heißt das auch, dass Sortimentsentscheidungen unter Zeitdruck getroffen werden müssen: Welche Varianten werden priorisiert, wie werden Nachfragesignale aus den Filialdaten verarbeitet, und wie werden alternative Produkte kommuniziert, ohne die Marke zu beschädigen? Regulatorisch bleibt parallel wichtig, dass trotz Druck bei der Verfügbarkeit die lebensmittelrechtlichen Anforderungen an Hygiene, Kennzeichnung und Rückverfolgbarkeit erfüllt bleiben. Am Ende entscheidet damit weniger der Trend allein, sondern die Umsetzungsgeschwindigkeit entlang der gesamten Wertschöpfungskette – und die nächste Nachfragewelle wird sich daran messen lassen, wie gut diese Kette jetzt für nachhaltige Versorgung ausgelegt wird.
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