DEUTSCHLAND / LONDON (IT BOLTWISE) – Tofu bleibt in vielen Märkten vorerst knapp: Rewe und Kaufland sehen eingeschränkte Warenverfügbarkeit, während Händler wie Aldi Nord je nach Nachschub kurzfristige Ausfälle einkalkulieren. Als Ursachen nennen Hersteller Kapazitätsgrenzen und Produktionspausen, etwa Taifun mit reduziertem Naturtofu-Angebot. Experten ordnen die Entwicklung als Folge stark gestiegener Nachfrage nach eiweißreichen Alternativen ein. Für Verbraucher und Handel wird damit eine Versorgungsnormalisierung erst im Verlauf 2026/Anfang 2027 realistisch.

Wer in diesen Tagen nach Tofu sucht, stößt vielerorts auf auffällig leere Regalböden oder stark ausgedünnte Sortimente. Laut Rewe sind in Deutschland „unterschiedlich große Regallücken“ zu beobachten, weil die Warenverfügbarkeit eingeschränkt ist. Ein Sprecher verweist dabei vor allem auf eine rasant gestiegene und weiterhin sehr hohe Nachfrage sowie auf Kapazitätsengpässe bei einzelnen Herstellern. Kaufland bestätigt im Einzelfall temporäre Nichtverfügbarkeiten, während Aldi Nord nach eigenen Angaben kurzzeitig vergriffene Artikel schnell nachfüllt. Branchenbeobachter sehen allerdings keinen kurzfristigen Umschwung.
Technisch betrachtet ist die Lage weniger ein „Produktproblem“ als ein Prozess- und Kapazitätsthema entlang der Wertschöpfung. Tofu basiert auf Sojabohnen, die anschließend zu Sojaprodukten verarbeitet und in einem mehrstufigen Herstellungsprozess gerinnt und geschnitten werden. Wenn bei Herstellern einzelne Chargen nicht in der nachgefragten Menge bereitgestellt werden können, wirken sich diese Verfügbarkeitslücken direkt auf die Kühlregale aus, weil Handelsware zeitnah disponiert werden muss. Dazu kommen betriebliche Engpässe: Wartungen, reduzierte Output-Raten oder kurze Produktionspausen lassen sich nicht mit „Backup-Batches“ in gleicher Geschwindigkeit ausgleichen.
Besonders deutlich wird das bei Taifun: Der Hersteller teilt mit, dass zuletzt nicht alle Produkte in der nachgefragten Menge geliefert werden konnten. Als Ursache nennt das Unternehmen vorübergehende Produktionsprobleme, die zu einer stark reduzierten Naturtofu-Menge geführt hätten, aus der die weiteren Produkte entstehen. In der Folge seien Lagerbestände zurückgegangen und Produkte im Einzelhandel teils „nicht so gut verfügbar“. Um die Versorgung zu stabilisieren, habe Taifun die Herstellung einzelner Produkte vorerst eingestellt und will sie schrittweise ab dem Frühjahr/Anfang 2027 wieder ins Sortiment bringen. Parallel baut der Hersteller in Freiburg eine neue Tofu-Anlage und ein Soja-Silo.
Ähnlich beschreibt Treiber Tofu aus Berlin die Situation an seinem Standort: Das Unternehmen produziert derzeit „an der Kapazitätsgrenze“, betont aber, dass Soja verfügbar sei. Das Problem liegt damit weniger bei der Rohstoffbeschaffung als in der Umsetzungsleistung der Produktion, also in der Frage, wie schnell aus verfügbaren Inputs auch wieder planbare Outputs werden. Eine Ausweitung der Produktion sei vorgesehen, benötige jedoch Zeit. Diese Unterscheidung ist entscheidend, weil sie für Handel und Logistik die Planbarkeit bestimmt: Selbst bei ausreichenden Rohstoffen kann eine knappe Produktionskapazität zu Lieferfenstern mit schwankender Verfügbarkeit führen.
Der Markttrend hinter der Knappheit ist laut Händlern und Fachleuten klar: In Städten und bei jüngeren Zielgruppen wächst die Nachfrage nach Fleischersatzprodukten, auch wenn die Gesamtentwicklung zuletzt nicht durchgängig nur nach oben zeigte. Das Statistische Bundesamt verzeichnete 2025 nach einem langen Boom erstmals einen leichten Rückgang der Produktion von Fleischersatzprodukten; dennoch werde Tofu weiterhin stärker nachgefragt. Björn Fromm, Edeka-Händler und Präsident des Bundesverbands des Deutschen Lebensmittelhandels, ordnet das so ein: Es werde „sofort spürbar“, wenn ein Hersteller mit seinen Produktionskapazitäten nicht schnell genug nachkomme. Für den Handel wird damit die klassische Lagerstrategie schwieriger, weil die Nachfragekurve kurzfristig steiler verlaufen kann als geplant.
Auch Ernährungsexperten liefern eine plausible Erklärung für die Persistenz des Interesses. Gunther Hirschfelder von der Universität Regensburg betont, dass viele Menschen ihren Lebensstil verbessern und dem Körper etwas Gutes tun wollen. Tofu genieße dabei einen besseren Ruf als andere Alternativprodukte und sei zudem vergleichsweise preiswert, wodurch sich die Akzeptanz verbreitere. Getrieben werde der Markt außerdem durch Eigenmarken und die Popularität über Social Media, wie Ivo Rzegotta vom Thinktank „The Good Food Institute Europe“ einordnet. Der Absatz bei Rewe sei in den vergangenen drei bis vier Jahren verdoppelt worden; 2025 habe rund 30 Prozent über dem Vorjahr gelegen. Gleichzeitig bleibt Tofu laut dieser Einordnung ein vergleichsweise kleines Segment gegenüber anderen pflanzlichen Fleischalternativen.
Für Unternehmen im Umfeld von Lebensmittelproduktion und Distribution ist die Nachricht vor allem ein Signal für Lieferketten- und Compliance-Management. In einer Phase erhöhter Nachfrage steigt die Bedeutung von belastbaren Planungsdaten, Produktions-Scheduling und Engpassanalyse, etwa im Zusammenspiel von Einkauf, Produktion und Filialdisposition. Ergänzend spielt regulatorische Transparenz eine Rolle: Gerade bei verarbeiteten Lebensmitteln mit klaren Zutatenprofilen ist die verlässliche Kennzeichnung und Verfügbarkeit von Qualitätsnachweisen wichtig, um Reklamationen und Rückfragen zu vermeiden. Datenschutzfragen im engeren Sinn betreffen hier zwar nicht die Lieferkette unmittelbar, aber datengetriebene Prognosen in Unternehmen müssen dennoch datenschutzkonform umgesetzt werden, sofern Kundendaten oder datenbasierte Bestandsmodelle genutzt werden.
Blickt man nach vorn, dürfte sich die kurzfristige Lage in Teilen des Handels weiter drehen, statt sich plötzlich zu normalisieren. Rewe rechnet laut Sprecher damit, dass eine „vollständige Normalisierung“ frühestens Ende 2026 eintritt. Taifun nennt als zeitlichen Rahmen für die Rückkehr einzelner Produkte in das Sortiment „Anfang 2027“, während Treiber Tofu ebenfalls eine Produktionsausweitung ankündigt, die Zeit benötigt. Das bedeutet: Ersatzprodukte und alternative Eiweißquellen werden weiterhin eine Rolle spielen, bis zusätzliche Anlagen und Silo-Kapazitäten Wirkung entfalten. Für Verbraucher heißt das vor allem Flexibilität in der Produktauswahl und realistischere Erwartungen an die Verfügbarkeit einzelner Marken.
Insgesamt zeigt die Tofu-Knappheit, wie schnell „Wahlverhalten“ und Markttrends die industrielle Kapazität herausfordern. Vergleichbar zu anderen Wellen bei Konsum- und Gesundheits-Trends funktioniert der Markt nicht nur über Nachfrage, sondern über Durchlaufzeiten, Maschinenbelegung und abgestimmte Lieferfenster. Sobald ein Hersteller in die Sättigung rutscht, entstehen im Handel spürbare Effekte, die selbst bei guter Rohstofflage auftreten können. Für die Branche ist das eine Chance, Produktionsplanung und Skalierung stärker datenbasiert aufzusetzen, um künftige Sprünge in der Nachfrage besser abzufedern. Gleichzeitig bleibt die strategische Aufgabe, Investitionen so zu timen, dass neue Anlagen den Peak nicht nur „überleben“, sondern möglichst genau in der Phase erhöhter Nachfrage ihre Wirkung entfalten.
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