LONDON (IT BOLTWISE) – Bitcoin nähert sich einem wichtigen bear-market Schwellenwert: Die Menge an Coins, die in Verlusten gehalten werden, hat die in Gewinn gehaltene Bestandsmenge erstmals im aktuellen Zyklus überholt. Laut Glassnode-Daten stieg der Verlust-Supply-Block auf über 10 Millionen BTC, während der Gewinn-Supply auf rund 9,8 Millionen BTC zurückfiel. Historisch markiert diese Verschiebung häufig tiefe Rückschläge kurz vor dem Markterholen, allerdings variiert die Dauer deutlich. Gleichzeitig testet Bitcoin wichtige Trendniveaus wie den 200-Wochen-Durchschnitt nahe 61.300 US-Dollar.

Bitcoin: Supply in Verlust übertrifft Gewinn – klassisches Bottom-Zeichen
Bitcoin: Supply in Verlust übertrifft Gewinn – klassisches Bottom-Zeichen (Foto: IT BOLTWISE)
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Bitcoin liefert derzeit ein Signal, das in der Krypto-Analytik seit Jahren als eher „späte“ Kapitulation gelesen wird: Die On-Chain-Menge an Coins, die Anlegern aktuell nur noch mit unrealisierten Verlusten gehört, ist größer als die Menge an BTC in unrealisierten Gewinnen. Konkret berichten Auswertungen mit einer Glassnode-Datenbasis, dass der Verlust-Supply auf mehr als 10 Millionen BTC angewachsen ist – und damit die Hälfte der grob 20 Millionen BTC umfassenden zirkulierenden Menge deutlich übertrifft. Gleichzeitig sank der Gewinn-Supply auf etwa 9,8 Millionen BTC. Diese Relation wurde im laufenden Marktzyklus erstmalig gedreht und erinnert an frühere Tiefpunkte in Bear-Märkten.

Technisch betrachtet steckt hinter „Supply in loss“ und „Supply in profit“ eine klare Logik: Die Bilanz wird nicht nach dem aktuellen Kurs allein gemacht, sondern nach dem Verhältnis zwischen aktuellem Preis und dem jeweiligen Einstandspreis der Coins – also danach, ob ein bestimmtes BTC-UTXO oder ein Coin-Äquivalent seit der letzten Bewegung über oder unter seinem durchschnittlichen Erwerbspreis liegt. Die Auswertung nutzt dabei eine Momentaufnahme in hoher Granularität; genannt wird eine ein-Stunden-Auflösung, bei der der Verlust-Supply bis auf rund 10,5 Millionen BTC anstieg, als der Preis kurzfristig bis etwa 61.300 US-Dollar fiel. In Summe zeigt das Muster: Viele Coins wechselten in eine Phase negativer „Paper Returns“.

Der Kontext ist entscheidend, weil solche Signale zwar historisch mit Bottoms korrelierten, aber selten als präziser Zeitgeber funktionieren. Vergleiche früherer Zyklen zeigen ein gemischtes Bild: Während 2015 die Balance zwischen Verlust- und Gewinn-Supply über längere Zeit recht nahe beieinander lag, zog sich die Phase in 2019 auf etwa sechs Monate. Der Covid-bedingte „Capitulation“-Impuls im März 2020 dauerte dagegen nur rund einen Monat, und im Bear-Markt 2022 blieb die Konstellation etwa sechs Monate bestehen. Das Muster spricht also eher für eine Marktstruktur als für einen festen Kalender: In tiefen Abschwüngen kippt das Verhältnis häufig, doch die Dauer des depressed trading kann stark schwanken.

Marktteilnehmer versuchen das Signal deshalb mit zusätzlichen Indikatoren zu verknüpfen. In der aktuellen Lage wird Bitcoin zudem am 200-Wochen-Moving-Average gemessen – einem Trendmaß, das den durchschnittlichen Preis über die vergangenen 200 Wochen bildet und in Bear-Zyklen häufig als „großes“ Support-Niveau interpretiert wurde. Der berichtete Bereich liegt bei rund 61.300 US-Dollar, was die Aussage zur gleichzeitigen Verschärfung der Verlustlage stützt. Fällt Bitcoin unter das psychologisch wichtige 60.000-US-Dollar-Niveau, rückt als nächstes ein Unterstützungskorridor um 54.000 US-Dollar in den Fokus. Dort liegt der Realized Price: der gewichtete Durchschnitt der Erwerbskosten aller im Umlauf befindlichen Coins, basierend darauf, wann jeder Coin zuletzt on-chain bewegt wurde.

Gerade hier zeigt sich die historische Brücke zu früheren Bear-Märkten: Bitcoin hat laut den vorliegenden Beobachtungen während jeder großen Rücksetzerphase unter dem Realized Price gehandelt. Das ist mehr als nur „Technische Analyse“ im engeren Sinn, denn Realized Price wirkt wie ein mentaler Anker für viele Investoren – er entspricht dem Preisniveau, bei dem ein signifikanter Teil der Marktteilnehmer die eigene Position gedanklich „gerade so“ als fair einordnen kann. Wenn der Kurs darunter fällt, weitet sich das Spektrum der Coins aus, die dauerhaft im Verlustmodus verbleiben. Im Vergleich dazu diskutieren viele Marktakteure bei anderen großen Assets wie Ethereum ähnliche Mechaniken über Staking- und Transfermetriken, was jedoch selten 1:1 auf das BTC-Set an Kennzahlen übertragbar ist.

Für Unternehmen und Entwickler ergibt sich daraus eine praktische Konsequenz: On-Chain-Daten werden zunehmend zu einem Früh- und Lageindikator, der über reine Kursdiagramme hinausgeht. Wer etwa Krypto-nahe Finanz- oder Treasury-Systeme betreibt, kann Verlust-/Gewinn-Supply als Signal dafür verwenden, wie stark sich das „Behavioral Risk“ in der Nutzerbasis verschiebt. Das ist vor allem im Enterprise-Umfeld relevant, weil interne Entscheidungen – von Liquiditätsrichtlinien bis zu Sicherungsstrategien – nicht ausschließlich auf Tagesvolatilität beruhen sollten. Gleichzeitig bleibt die Integration anspruchsvoll: Datenqualität, Rechenaufwand bei hoher Granularität und die korrekte Ableitung von Einstandspreisen müssen sauber modelliert werden, damit daraus belastbare Prozesse werden.

Auch sicherheits- und regulatorseitig ist die Gemengelage komplex, denn On-Chain-Transparenz bedeutet nicht automatisch regulatorische Klarheit. In Deutschland führt die Einordnung von Krypto-Assets oft zu Pflichten rund um Meldewesen, Verwaltung und im Einzelfall Finanzaufsicht; bei Unternehmen kommen zudem Anforderungen an Dokumentation, Risikobewertung und Compliance hinzu. Für technische Teams ist außerdem relevant, dass der „Hebel“ des Signals zwar datenbasiert ist, das Handeln aber dennoch mit Custody-Entscheidungen verknüpft bleibt: Wer sich in Verlustphasen stärker engagiert, sollte die Risiken von Schlüsselverwaltung, Ausfall von Infrastruktur und die Nachvollziehbarkeit von Transfers mitdenken. In der Praxis ist daher eine eng verzahnte Architektur aus Monitoring, Auditierbarkeit und Zugriffsschutz wichtig.

Mit Blick auf die Zukunft bleibt das Szenario zweigeteilt: Das Verlust-Supply-Überholen gilt als historisch typisches Merkmal tiefer Bear-Phasen, aber die bisherige Bandbreite der Dauer – von wenigen Wochen bis zu mehreren Monaten – macht eine exakte Prognose schwierig. Gleichzeitig liefert die Nähe zum 200-Wochen-Moving-Average eine weitere Begründung, warum Marktteilnehmer dieses Niveau eng beobachten. Wenn der Markt unter 60.000 US-Dollar rutscht, kann sich die Verlustphase ausdehnen, bis der Kurs den Bereich um den Realized Price um 54.000 US-Dollar erreicht und dort wieder mehr Coins „in profit“ umschalten. Für Entwickler heißt das: Wer KI-gestützte Risiko-Modelle, Portfolio-Simulationen oder Alarmierungen baut, sollte solche On-Chain-Schwellen als Feature-Bausteine verwenden, aber die Prognose unsicherheitsbewusst probabilistisch gestalten.


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