EDMONTON / LONDON (IT BOLTWISE) – Eine neue Studie zeigt, dass Infraschall im Bereich um 18 Hertz Stresshormone messbar anheben kann, obwohl die Testpersonen die Schallquelle nicht bewusst wahrnehmen. Besonders bemerkenswert ist, dass der Effekt sowohl bei beruhigender als auch bei verstörender Hintergrundmusik auftritt. Damit liefert die Arbeit eine biologische Erklärung dafür, warum sich Umgebungen „unheimlich“ anfühlen können, ohne dass ein hörbarer Auslöser erkennbar ist. Gleichzeitig bleiben die Ergebnisse in ihrer Reichweite begrenzt, weil Dauer und Frequenzbreite bislang nur eingeschränkt untersucht wurden.

Was wie ein Geister-Phänomen wirkt, könnte in Teilen auch eine Frage der Akustik sein: In einer neuen Untersuchung wurde getestet, ob sehr tieffrequenter Infraschall Stressreaktionen auslöst, obwohl Menschen ihn normalerweise nicht bewusst hören. Infraschall liegt definitionsgemäß unterhalb der menschlichen Hörschwelle von etwa 20 Hertz, ist aber in vielen Umgebungen dennoch vorhanden – etwa durch Verkehr, Lüftungsanlagen, Heizungen oder die Rohre älterer Gebäude. Die Studienidee knüpft an frühere Beobachtungen aus „haunted“ Umgebungen an, verschiebt den Fokus jedoch weg von Erzählungen hin zu messbaren biologischen Effekten.
Technisch betrachtet nutzen die Forschenden eine etablierte Messlogik aus der Akustik: Schall wird als wellenförmige Bewegung verstanden, deren Frequenz in Hertz (Hz) angegeben wird. In der Studie wurde eine gezielte Tonhöhe im Infraschallbereich gewählt, nämlich 18 Hertz, und diese über versteckte Subwoofer außerhalb der Testzimmer in die Räume eingekoppelt. Um den Effekt plausibel von der Musik zu trennen, kombinierten die Teams den Infraschall mit zwei auditiven Kontexten: einmal beruhigende, meditative Musik und einmal unbehagliche Ambient-Töne aus dem Horror-Umfeld. Ein Teil der Gruppen erhielt zusätzlich die Vibration, der andere bekam identische Audioinhalte, aber ohne Infraschall.
Die Stressphysiologie wurde über Cortisol abgebildet, ein Hormon, das die Nebennieren produzieren und das die körperliche Alarmbereitschaft mitsteuert. Methodisch zentral ist dabei, dass Cortisol nicht sofort „im Kopf“, sondern zeitverzögert über Minuten bis etwa eine Viertelstunde messbar reagiert. Die Teilnehmenden stellten dafür vorab Regeln ein: Sie durften vor dem Versuch keine relevanten Substanzen aufnehmen, um Kontaminationen und Störfaktoren in der Speichelprobe zu reduzieren. Insgesamt arbeiteten die Forschenden mit 36 Studierenden, wobei eine Person aufgrund einer schlechten Speichelprobe ausgeschlossen wurde. Der Aufbau ist damit weniger „spekulativ“, sondern folgt einer kontrollierten Experimentlogik, wie sie auch in der Psychophysiologie für Stress- und Wahrnehmungsstudien üblich ist.
Im Markt- und Umsetzungsumfeld ist die Aussagekraft besonders dann relevant, wenn es um zuverlässige Umgebungsanalyse geht: Unternehmen und Dienstleister, die Akustik- und Vibrationsmessungen für Gebäude, Industrie oder Smart-City-Projekte nutzen, müssen entscheiden, welche Signaturen sie priorisieren. Ein direkter Wettbewerbsbezug lässt sich hier zur Mess- und Messtechniklandschaft ziehen: Anbieter wie Brüel & Kjær stehen sinnbildlich für den Ansatz, Tiefton- und Vibrationskomponenten systematisch zu erfassen, statt sich nur auf klassische, hörbare Geräuschpegel zu stützen. Die Studie legt nahe, dass „unsichtbarer“ Lärm auch dann Effekte haben kann, wenn er nicht als Geräusch registriert wird – was Messstrategien und Grenzwertdiskussionen mittelfristig beeinflussen kann.
Auch aus Expertensicht wird der Befund vorsichtig eingeordnet. Rodney Schmaltz, Psychologieprofessor und Senior-Autor, stellte den zentralen Punkt heraus: Menschen scheinen auf einen Schall zu reagieren, den sie nicht bewusst als Klang identifizieren können. In seinen Worten wirkt der Mechanismus weniger wie ein klassisches Erschrecken durch hörbares Signal, sondern eher wie ein kleiner, konsistenter „Schubs“ auf Stimmung und Stressphysiologie. Zusätzlich zeigte sich ein wichtiger Vergleich: Der Anstieg von Cortisol trat in der Infraschallbedingung auf – unabhängig davon, ob die Musik beruhigend oder beunruhigend war. Damit verschiebt sich die Interpretation von „Infraschall verstärkt nur, was die Musik schon auslöst“ hin zu „Infraschall trägt eigenständig zur Stressreaktion bei“.
Die Ergebnisse harmonieren mit den subjektiven Bewertungen: In der Gruppe mit Infraschall berichteten die Testpersonen höhere Reizbarkeit, weniger Interesse am Gehörten und eine eher negative Bewertung der Musikrichtung – etwa „trauriger“ und „weniger interessant“ im Vergleich zur stillen Kontrolle. Für Entscheider ist dabei weniger die einzelne Kennzahl entscheidend als die Konvergenz mehrerer unabhängiger Signale: Cortisol als physiologischer Marker, plus Fragebogenwerte zu Irritation, Interesse und Affekt. Schmaltz betonte sinngemäß, dass die einzelnen Effekte zwar jeweils moderat ausfallen, sich aber in die gleiche Richtung bewegen. Diese Art Evidenz ist gerade für skeptische Leser relevant, weil sie nicht nur auf „Gefühl“ basiert, sondern mehrere Messdimensionen zusammenbringt.
Gleichzeitig bleiben die Grenzen der Studie klar – und genau hier liegt der wichtigste Punkt für die Zukunftsplanung. Die Expositionsdauer betrug etwa fünf Minuten; daraus folgt, dass sich noch nicht belastbar beantworten lässt, was über Stunden oder Wochen passiert, ob es zu Gewöhnung (Habituation) kommt oder ob sich Effekte kumulieren. Zudem handelte es sich um eine relativ kleine Stichprobe junger Studierender, wodurch die Übertragbarkeit auf die Gesamtbevölkerung limitiert sein kann. Schmaltz stellte außerdem heraus, dass die Arbeit kein „Beweis“ für eine ernsthafte Umweltgefahr im Sinne eines sofortigen Alarmismus ist, sondern ein Signal, die Frage methodisch weiter zu untersuchen – insbesondere als potenziellen niedrigschwelligen Umweltreiz, der Menschen unbemerkt belastet.
Für die nächsten Schritte ist vor allem die technische Vergleichbarkeit entscheidend. Der Infraschall im realen Alltag erstreckt sich über ein breiteres Frequenzspektrum als die einzelne 18-Hertz-Tonquelle im Labor; daher sollten Folgestudien nicht nur länger messen, sondern auch den Frequenzbereich variieren und systematisch „Fingerabdrücke“ von Umgebungen erstellen. Ein nächster Logikschritt sind Messvergleiche: Schmaltz kündigte an, dass das Team prüfen will, ob vermeintlich „verzauberte“ Gebäude tatsächlich höhere Infraschallwerte tragen als vergleichbare, nicht entsprechend bekannte Standorte. Parallel bleibt die urbanen Realität im Blick: Wenn subways, Verkehr und Gebäudetechnik in dichten Städten dauerhaft tiefen Schall erzeugen, könnte sich ein kleiner Anteil alltäglicher Irritierbarkeit erklären lassen – ohne dass Infraschall allein als Hauptursache gelten muss.
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