LONDON (IT BOLTWISE) – In einer neuen Rede attackiert Fed-Gouverneur Michael S. Barr die jüngsten Schritte zur Entlastung bei Kapital-, Liquiditäts- und Aufsichtsanforderungen. Er argumentiert, Deregulierung senke die „Versicherung“ gegen Krisenrisiken und erhöhe die Wahrscheinlichkeit zukünftiger Bankstress- und Finanzsystem-Schocks. Besonders kritisch sieht er die Verbindung aus schwächerer Bankaufsicht und reduzierten Verbraucherschutzregeln. Damit stellt sich die Frage, ob die Aufsicht in einer bereits risikoreichen Marktphase zu spät gegensteuert.

Fed-Supervision unter Druck: Michael Barr warnt vor Bank-Deregulierung
Fed-Supervision unter Druck: Michael Barr warnt vor Bank-Deregulierung (Foto: IT BOLTWISE)
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Die Debatte um Bankaufsicht und Finanzstabilität bekommt in den USA neue Schlagseite: Fed-Gouverneur Michael S. Barr warnt in einer Rede, dass die jüngsten Reformen zur Deregulierung die Sicherheit und Solidität großer Banken untergraben könnten. Ausgangspunkt ist seine Leitthese, dass Regulierung über Zeit wie eine Risikoversicherung wirkt: Sie kostet zwar kurzfristig Kapitalkosten, verhindert aber im Krisenfall weitaus höhere volkswirtschaftliche Schäden. In seiner Argumentation verknüpft Barr die aktuelle Entwicklung explizit mit historischen Zyklen aus aufgeweichten Regeln und späteren Umbrüchen – von der Weltwirtschaftskrise über die Savings-and-Loan-Krise bis zur Global Financial Crisis.

Bemerkenswert ist dabei nicht nur die Stoßrichtung, sondern auch die operative Logik dahinter: Bankregulierung ist ein System aus mehreren „Dämpfern“, die verschiedene Risikodimensionen adressieren. Kapitalvorschriften sollen Verluste auffangen, Liquiditätsanforderungen Stabilität in Stressphasen sichern, und Aufsichtssysteme sollen Schwachstellen früh sichtbar machen. Barr stellt jedoch den Verdacht in den Raum, dass diese Dämpfer gerade gleichzeitig an Wirkung verlieren. Die Komplexität entsteht, weil Krisen selten monokausal sind: Wenn Banken Kapitalpolster reduzieren, sinkt der Spielraum bei unerwarteten Verlusten; wenn Aufsicht und Frühwarnmechanismen schwächer werden, können Risiken länger unentdeckt bleiben.

Technisch betrachtet zielt ein großer Teil seiner Kritik auf die Ausgestaltung von Kapitalregeln. Barr beschreibt, dass die Federal Reserve und weitere Aufsichtsbehörden über eine Folge von Vorschlägen Kapitalanforderungen für große Institute abgesenkt hätten. Dazu zählt er unter anderem, dass Stresstests weniger „stressend“ gemacht worden seien und damit die Wahrscheinlichkeit steige, dass Banken neue Risiken in den Szenarien nicht ausreichend abbilden. Er nennt zudem die Abschwächung des Leverage-Ratio-Backstops sowie das Hinausverschieben von Basel-III-Standards in Richtung geringerer Mindestanforderungen. Als Messgröße nennt er aggregiert rund 6% weniger Kapitalbedarf für die größten GSIB-Institute, obwohl diese etwa 60% der Banksektor-Assets halten.

Ergänzend setzt Barr auf die zweite Achse: Aufsicht als Frühwarnsystem. Er argumentiert, dass „lighter-touch supervision“ die Stabilitätsrisiken aus der Deregulierung verstärkt. Konkret nennt er Änderungen am Rating-Framework für die 36 größten Finanzinstitute („grade inflation“), bei denen schwache Risikomanagementpraktiken weniger stark sichtbar würden. Zugleich werde die Gewichtung von Risikomanagement-Indikatoren reduziert und stärker auf rückwärtsgewandte Kennzahlen gesetzt, also auf Zustände, die bereits eingetreten sind. Hinzu kommt nach seiner Darstellung eine abnehmende Tiefe von aufsichtsbezogenen Materien („matters requiring attention“), deren Zahl bis Ende 2025 gegenüber 2024 bei den größten Banken grob halbiert gewesen sei. Parallel nennt er Personalabbau und weniger horizontale Reviews als mögliche Ursache für geringere Durchleuchtung.

Auch Liquidität bleibt für ihn ein kritischer Hebel. Barr deutet an, dass weitere Lockerungen bei Liquiditätsanforderungen „wahrscheinlich“ seien, und verweist auf seine Sorgen bezüglich Regeln, die Banken dazu zwingen sollen, ausreichend hochwertige liquide Vermögenswerte im Verhältnis zum prognostizierten Bedarf in Stressszenarien vorzuhalten. Technisch geht es dabei um die Fähigkeit, plötzliche Abflüsse zu überstehen, ohne Vermögenswerte zu notleidenden Preisen verkaufen zu müssen – also um das Risiko von Bank Runs und das Folgerisiko für Einlagensicherungssysteme. Seine zentrale Befürchtung: Wenn Liquiditätsdebatten in der Entlastungslogik untergehen, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass bereits kleine Schocks in einen Dominoeffekt übergehen.

Im Markt- und Wettbewerbskontext ordnet Barr die Debatte breiter ein. Er anerkennt, dass Banken zur Finanzierung der Realwirtschaft beitragen sollen und dass Nonbanks – etwa mit Blick auf Fintech-Ökosysteme – ebenfalls Kreditquellen darstellen. Doch gerade weil Nonbanks in Stress geraten können und Banken über Kreditlinien sowie gemeinsame Vermögensportfolios indirekt exponiert sind, plädiert er für robuste, nicht für reduzierte Bankstandards. Als Referenzrahmen nutzt er das Argument der Verflechtung zwischen Instituten: Wenn Nonbanks Assets unter Stress „fire sal[e]“ veräußern, können Bankportfolios ebenfalls getroffen werden. Für die Einordnung der US-Diskussion ist damit zugleich ein europäischer Vergleich naheliegend: In der EU wird Stabilität häufig ebenfalls über strenge Kapital- und Liquiditätsrahmen (z.B. über EBA/SSM-nahe Vorgaben) sowie über dynamische Stresstests adressiert, auch wenn der konkrete Zuschnitt stark variiert.

Ein weiterer Schwerpunkt betrifft den Verbraucherschutz. Barr sieht nach der Kombination aus abgeschwächter Bankenregulierung und reduzierten aufsichtsrechtlichen Kapazitäten auch beim Consumer Financial Protection Bureau (CFPB) Skalierungen, die Schutzstandards etwa gegen Betrug, überhöhte Gebühren, predatory lending sowie unfairen oder diskriminierenden Praktiken schwächen könnten. Seine historische Pointe ist dabei eindeutig: Laxe Verbraucherschutzregeln seien in den Jahren vor der Global Financial Crisis nicht ausreichend gebremst worden und hätten sich zu problematischen Bedingungen aufbauen können. Inhaltlich ist das zugleich ein Risikofaktor für das System: Wenn Verbraucherschutz leidet, steigen Ausfall- und Klagerisiken, Reputationsschäden und möglicherweise politische Rückkopplungen, die in Stressphasen zusätzliche Instabilität erzeugen.

Für die Zukunft leitet Barr aus Forschungsergebnissen eine klare Konsequenz ab: Unterversicherung bei Kapital- und Liquiditätsanforderungen führt eher zu „schärferen“ Krisenverläufen als zu kontrollierten Übergängen. Er verweist auf Studien, die die langfristigen Kosten von Finanzkrisen quantifizieren, und stellt dieser Evidenz die kurzfristigen Anreize zur Kredit- und Aktivitätsausweitung gegenüber. Seine Risikoannahme lautet: Viele Akteure unterschätzen Wahrscheinlichkeiten von Krisen, wenn der Zeitraum zwischen Ereignissen groß ist. Als technische und ökonomische Einordnung passt dazu, dass in wissenschaftlichen Arbeiten etwa zur Rolle von Kapitalpuffern gezeigt wird, dass höhere Kapitalquoten die „Left-Tail“-Risiken beim Wirtschaftswachstum reduzieren können (z.B. Nina Boyarchenko et al. über einen Working Paper-Mechanismus: Federal Reserve Bank of Richmond Working Paper Series 24-08). In Barrs Lesart ist deshalb die derzeitige Richtung zur kumulativen Lockerung unklug.

Unternehmensseitig betrifft die Warnung besonders Institute, die in den letzten Jahren ihre Risiko-Modelle stark auf regulatorische Vorgaben ausgerichtet haben. Wenn Kapitalanforderungen sinken, verschiebt sich die Kapitalknappheit in Richtung höherer Hebelung, und wenn Aufsicht weniger tief prüft, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass Modell- oder Governance-Lücken erst später sichtbar werden. Gleichzeitig weist Barr darauf hin, dass Deregulierung nicht im luftleeren Raum passiert: Marktphasen mit hohen Bewertungen („risk-on“), robuste Gewinne und ein positives Sentiment können Risiken verdecken. Die erwartbare Implikation ist deshalb weniger ein einzelner „Trigger“, sondern eine schleichende Anfälligkeit, die sich in späteren Stressphasen in längeren Erholungszeiten, geringerer Kreditverfügbarkeit und höheren fiskalischen Folgekosten bemerkbar machen könnte.


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