LONDON (IT BOLTWISE) – Die Schweiz zieht nach: Mit einer Teilrevision des Produktsicherheitsgesetzes will sie Online-Marktplätze und Fulfillment-Dienstleister stärker in die Verantwortung nehmen. Geplant sind klare Anforderungen an Produktidentifikation, sichtbare Warnhinweise im Kaufprozess sowie zusätzliche Kompetenzen für die Marktüberwachung. Parallel rückt der digitale Produktpass in den Fokus, während neue Leitplanken des SECO und aktuelle Sicherheitsbefunde aus der Lebensmittel- und Konsumgüterwelt den Handlungsdruck verdeutlichen.

Schweiz verschärft Produktsicherheit für Online-Marktplätze und Fulfillment
Schweiz verschärft Produktsicherheit für Online-Marktplätze und Fulfillment (Foto: IT BOLTWISE)
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Die Schweiz erhöht den Druck auf den digitalen Handel – und zwar dort, wo Produktsicherheit im Alltag oft „am Rand“ der Prozesse entsteht: bei Plattformen und Fulfillment-Partnern. Anfang Juni startete die Verwaltung eine Vernehmlassung zur Teilrevision des Produktsicherheitsgesetzes (PrSG). Im Kern soll die bisher schwer greifbare Rolle von Online-Marktplätzen präziser geregelt werden. Für Unternehmen bedeutet das nicht nur neue Pflichten entlang der Händlerkette, sondern auch eine tiefere Verzahnung von Compliance mit IT-Architektur, Produktdatenmanagement und Datenschutz. Die Vernehmlassung läuft bis zum 28. September 2026, sodass sich jetzt ein Umsetzungsfenster bis in die nächsten Budget- und Release-Zyklen öffnet.

Technisch betrachtet wird die neue Regulierung schnell zu einer Frage der Datenqualität und der Systemkopplung: Wenn Plattformen künftig für eine klare Produktidentifikation sorgen müssen, wird das Mapping zwischen Produktstammdaten, Lieferantenangaben, Chargen- oder Modellbezeichnungen und rechtlich relevanten Attributen zum zentralen Engineering-Thema. Ebenso wichtig ist, dass Warnhinweise nicht in PDFs „verschwinden“, sondern direkt im digitalen Verkaufsprozess bereitstehen. Das fordert ein zusammengesetztes Regelwerk aus Content-Management, Ticketing/Change-Management und einer auditierbaren Freigabelogik. Zusätzlich verlangt die Pflicht zur verbindlichen behördlichen Ansprechstelle organisatorische Governance, die sich in Workflows, Rollenmodellen und Dokumentationsketten abbilden lassen muss.

Hinzu kommt der Ausbau der Marktüberwachung: Anonyme Testkauf-Mechanismen und bei schweren Verstößen mögliche Zugangssperren werden das Risiko von „späten“ Fehlern erhöhen. Plattformbetreiber wie Amazon oder eBay stehen damit vor ähnlichen praktischen Herausforderungen, obwohl sich ihre technischen Muster unterscheiden: Marktplätze brauchen Systeme, die Beschwerden, Prüfbefunde und Rückrufsignale automatisiert in Produktseiten, Bestellflüsse und gegebenenfalls in Sperr- oder Quarantäneprozesse übersetzen. Der digitale Produktpass (DPP) kann hierbei als technische Blaupause dienen, weil er Produktdaten über den Lebenszyklus hinweg strukturiert bereitstellt. Der regulatorische Nutzen liegt dabei nicht nur in der Transparenz, sondern in der späteren Nachweisfähigkeit – also in der Frage, wie gut sich getroffene Maßnahmen belegen lassen.

Das SECO arbeitet parallel an der Einordnung der Pflichten und konkretisiert die Auslegung des geltenden Rechts. Bereits im Februar 2026 wurden Erläuterungen und FAQ aktualisiert, unter anderem zur Abgrenzung des PrSG gegenüber sektorspezifischem Spezialrecht. Besonders relevant ist das für Unternehmen mit heterogenen Portfolios, etwa wenn Prototypen oder Ausstellungsstücke betroffen sind, oder wenn Occasionsprodukte in den Geltungsbereich fallen. Für die IT heißt das: Policy-Entscheidungen dürfen nicht „hart“ in einzelnen Formularen stecken, sondern sollten als regelbasierte Engine in die Verarbeitung von Produktstatus, Dokumenten und Sicherheitsinformationen einfließen. Rechtlich bleibt laut SECO maßgebend, was in Primärtexten festgelegt ist; die FAQ spiegeln hingegen die behördliche Praxis wider.

Auch im europäischen Umfeld verschärft sich der Ton. Ende Mai 2026 legte die Bundesregierung einen Gesetzesentwurf zur Änderung des Ordnungswidrigkeitengesetzes vor; Verbandsgeldbußen sollen sich künftig stärker am wirtschaftlichen Verhältnis eines Unternehmens und an den nachweislich getroffenen Compliance-Vorkehrungen orientieren. Damit verschiebt sich der Fokus von „wir haben etwas getan“ hin zu „wir können es nachweisen“ – und das wirkt auf die Cybersicherheit und auf Datenschutzarchitekturen, selbst wenn der Anlass primär Produktsicherheit ist. In der Praxis entstehen Schnittstellen: Risiko- und Compliance-Dokumentation braucht digitale Integrität, Zugriffskontrollen und Versionierung. Gerade im Umfeld digitaler Produktdaten und Rückrufkommunikation steigt die Bedeutung von Datenschutz, weil personenbezogene Informationen aus Betreiber-, Händler- oder Kundensystemen mit Sicherheitsprozessen verknüpft werden können.

Der digitale Produktpass gewinnt parallel an technologischer Relevanz: Auf der Fachkonferenz DPP4EU wurden technische Standards vorgestellt, die eine durchgängige Bereitstellung von Produktdaten über den Lebenszyklus ermöglichen sollen. Seit 2023 gelten spezifische Anforderungen für Batterien; für Textilien, Elektronik und Baumaterialien werden Systeme derzeit entwickelt. Für Unternehmen ist das ein strategischer Hinweis: Wer heute Datenformate, Schnittstellen und Identifikationslogiken vorbereitet, reduziert Reibung bei künftigen Erweiterungen und kann schneller auf Behördenanforderungen reagieren. Aus Expertensicht zielt das längerfristige Ziel auf ein global interoperables Datenökosystem – ein Ansatz, der nicht nur technische Standards betrifft, sondern auch Governance-Fragen zu Verantwortlichkeiten entlang der Lieferkette.

Dass Überwachung nicht nur theoretisch bleibt, zeigen aktuelle Sicherheitsbefunde. Eine Studie des Bundesinstituts für Risikobewertung (BfR) vom Juni 2026 warnt vor Cadmium-Belastungen in Lebensmitteln, insbesondere aus Getreideprodukten und Kartoffeln. Für Kinder kann dadurch die wöchentliche Aufnahmemenge den Richtwert von 2,5 Mikrogramm pro Kilogramm Körpergewicht überschreiten. Solche Meldungen wirken wiederum auf digitale Prozesse: Sobald nicht nur Produkte, sondern potenziell ganze Chargen oder Lieferlosgruppen betroffen sind, müssen Systeme Rückruf- und Warnlogiken mit Produktdatenstandards, Lieferketteninformationen und Kommunikation zusammenführen. Im Konsumgüterbereich führen festgestellte Mängel regelmäßig zu Warenrückrufen; im Juni 2026 wurde etwa eine Heiluftfritteuse wegen Abweichungen bei Temperaturregelung und Verkabelung zurückgerufen – ein Risiko, das sich IT-seitig in Freigabe-, Sperr- und Ticketprozessen widerspiegeln sollte.

Für die nächsten Monate lohnt sich deshalb eine pragmatische Umsetzungsstrategie, die Technik und Risiko parallel behandelt. Unternehmen sollten die neue Rollenlogik für Plattformen und Fulfillment-Partner in konkrete Systemanforderungen übersetzen: Woher kommen die Identifikationsdaten, wie werden Warnhinweise angezeigt, wie wird eine Ansprechstelle versioniert, und wie werden Testkäufe oder behördliche Findings in maschinenlesbare Entscheidungen überführt? Historisch hat Produktsicherheit im Onlinehandel häufig an der Lücke zwischen „rechtlicher Erwartung“ und „operativer Datenrealität“ gehakt. Genau diese Lücke adressiert die Schweiz nun, während gleichzeitig in der EU die Beweislastorientierung bei Sanktionen steigt. Wer jetzt mit auditierbaren Workflows, datenschutzkonformen Zugriffskonzepten und einem DPP-fähigen Datenmodell startet, senkt nicht nur Bußgeldrisiken, sondern schafft auch Wettbewerbsvorteile bei schnellen Rückrufen und stabilen Produktfreigaben.


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