LONDON (IT BOLTWISE) – Grapheal bekommt 2,5 Millionen Euro Förderung, um PFAST zur Marktreife zu bringen: einen tragbaren Graphen-Sensor für den Ultraspuren-Nachweis von PFAS in Wasser. Während der branchenübliche Laborstandard LC-MS/MS Ergebnisse erst nach Wochen liefert, zielt das Startup auf Vor-Ort-Entscheidungen in Minuten. Entscheidend ist dabei, wie Graphen die Signalbildung in komplexen Wasserproben stabil macht und damit Betreiber von Wasseraufbereitungsanlagen bei Compliance und Betriebskosten unterstützen kann. Zugleich steht die Industrialisierung für einen schnellen Roll-out bis 2027 im Fokus.

PFAS-Tests sind in vielen Wasserbetrieben bislang ein „Planungsproblem“: Entnahme, Versand, Laboranalyse und dann erst die Bewertung der Ergebnisse. Genau an dieser Zeitlücke setzt Grapheal an, ein Startup, das Biosensorik mit Graphen-Engineering kombiniert. Die Firma erhält im Rahmen des EIC-Accelerator-Programms einen Zuschuss in Höhe von 2,5 Mio. EUR (2,9 Mio. USD), um die Entwicklung von PFAST voranzutreiben. Das Ziel: Per- und Polyfluoralkyl-Substanzen (PFAS) direkt am Einsatzort in Echtzeit zu messen, sodass Aufbereitungsanlagen schneller reagieren können, statt auf Wochen-Latenzen angewiesen zu sein.
Technisch verspricht PFAST eine konsequente Verschiebung der Messkette vom Labor in die Feldumgebung. Grapheals Ansatz nutzt einen elektronischen Miniatursensor im Kreditkartenformat, der PFAS in Minuten erkennbar macht und damit Laborprozesse praktisch verkürzt. Hintergrund ist, dass der etablierte Goldstandard LC-MS/MS zwar sehr sensitiv ist, aber auf Laborinfrastruktur, geschultes Personal und definierte Probenvorbereitung angewiesen bleibt. Im Betrieb von Wasseraufbereitungsanlagen (WTP) führt das zu langen Durchlaufzeiten und damit zu verzögerten Korrekturschleifen in Filter- und Prozessketten. PFAST soll die Messung dagegen so in den Anlagenbetrieb integrieren, dass Daten nicht nur verfügbar, sondern auch handlungsleitend werden.
Der Regulierungsdruck verschärft das Problem zusätzlich. Wie berichtet, werden die Grenzwerte in der EU durch die Trinkwasserrichtlinie für 2026 strenger, wodurch sich auch die Häufigkeit der Probenahme erhöht. In der Praxis bedeutet das: Mehr Messungen, mehr Analysen und höhere Kosten durch Laborlogistik – während gleichzeitig die Betreiber eine möglichst geringe Stillstandszeit der Aufbereitung anstreben. Genau hier positioniert sich PFAST als Ansatz, der Compliance und Prozessoptimierung zusammenbringt. Wenn Messwerte schneller entstehen, lassen sich Filterzyklen präziser steuern und Überdimensionierungen reduzieren. Das ist nicht nur technisch relevant, sondern auch wirtschaftlich, weil Betriebskosten und Qualitätsrisiken im laufenden Betrieb gleichzeitig adressiert werden.
Im Markt treffen dabei sehr unterschiedliche Stärken aufeinander. Klassische Anbieter und Laborketten setzen weiterhin auf LC-MS/MS-Systeme oder Dienstleistungen, weil sie etablierte Nachweisstandards und Nachweisführung liefern. Tragbare Schnelltests existieren zwar bereits, werden aber häufig über Selektivität, Stabilität über Zeit oder die Robustheit gegenüber „realen“ Wassermatrizen diskutiert. Der Wettbewerb ist damit weniger ein reiner Kampf um „Schnelligkeit“, sondern um die Kombination aus Empfindlichkeit, Zuverlässigkeit und Skalierbarkeit in der Serienproduktion. Branchenexperten betonen in diesem Zusammenhang, dass Graphen-Sensorik vor allem dann überzeugt, wenn sie die Messkette nicht nur beschleunigt, sondern auch die Kalibrier- und Wartungsaufwände im Feld niedrig hält.
Grapheal beschreibt PFAST als Ergebnis eines Jahrzehnts Graphenforschung und stützt den Entwicklungsanspruch auf breite IP-Absicherung: acht Patentfamilien und mehr als 50 Patente, die Materialien, Gerätearchitektur und Elektronik abdecken. In der Sache ist entscheidend, wie Graphen als Transduktionsschicht arbeitet: Graphen ist atomdünn, weist eine hohe Ladungsträgerbeweglichkeit auf und erlaubt eine dichte Funktionalisierung der Oberfläche. Dadurch lassen sich Signale in komplexen Wasserproben so ausgeben, dass sie für den PFAS-Nachweis verwertbar werden. Laut Unternehmensangabe erreicht PFAST eine um den Faktor 10 höhere Empfindlichkeit als bestehende vor Ort einsetzbare PFAS-Lösungen. Diese Sprungmarke ist marktentscheidend, weil bei PFAS gerade der Bereich tiefer Konzentrationen und die wiederholbare Vergleichbarkeit über Messkampagnen hinweg den Unterschied macht.
Historisch betrachtet ist die PFAS-Analytik stets ein Balanceakt zwischen Sensitivität und Operationalisierung gewesen. LC-MS/MS hat sich deshalb als Standard durchgesetzt, weil es selbst bei komplexer Probenmatrix belastbare Ergebnisse liefert – aber eben nicht „inline“. Frühere Versuche mit alternativen Sensorprinzipien standen oftmals vor Hürden bei Selektivität, Drift und Langzeitstabilität. Der Schritt hin zu tragbaren Lösungen ist daher nicht nur ein Engineering-Thema, sondern auch ein Integrationsproblem: Kalibrierlogik, Probenhandhabung, Messumgebung und Anforderungen an die Dokumentation müssen zusammenpassen. Hinzu kommt ein Datenschutz- und Sicherheitsaspekt im weiteren Sinn: Messdaten aus Wasseranlagen sind zwar nicht „personenbezogen“ wie klassische Gesundheitsdaten, aber sie sind betrieblich sensibel. Unternehmen sollten daher schon beim Roll-out auf gesicherte Schnittstellen, nachvollziehbare Audit-Trails und einen Schutz gegen Manipulation von Mess- oder Berichtsdaten achten.
Die Markterwartungen unterstreichen, warum der Zeitfaktor so stark gewichtet wird. Prognosen zufolge soll der Markt für PFAS-Tests bis 2030 auf 969,5 Mio. US-Dollar wachsen, gegenüber 487,1 Mio. US-Dollar im Jahr 2025, was einer CAGR von 14,5 % entspricht. Dieses Wachstum wird typischerweise mit verschärfter Regulierung, Umwelt-Sanierungsprojekten und steigendem Bewusstsein für PFAS-Kontaminationen verknüpft. Grapheal will mit der EIC-Förderung PFAST so verfeinern, dass die Fähigkeiten weiter steigen und anschließend die Industrialisierung gelingt. Dabei zielt das Unternehmen laut Aussage auf eine Ausweitung der Produktionskapazitäten vor einer erwarteten Markteinführung im Jahr 2027. Für die Branche bedeutet das: Wenn tragbare Nachweise in der Praxis zuverlässig funktionieren, entstehen neue Werkzeuge für Betreiber, Entwickler und Dienstleister, die ihre Prozesse stärker datenbasiert und zeitnah ausrichten können.
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