LONDON (IT BOLTWISE) – Eine Ifo-Umfrage bringt eine unbequeme These ans Licht: Viele KI-nutzende Unternehmen halten weniger qualifizierte, aber KI-affine Mitarbeitende für potenziellen Ersatz. Das betrifft laut Erhebung besonders den Handel, während Berufserfahrung schwerer zu ersetzen scheint. Gleichzeitig kündigen weltweit Konzerne wie Meta und Amazon strukturelle Stellenkürzungen an, was vor allem Berufseinsteiger verunsichert.

Wenn Künstliche Intelligenz (KI) zur alltäglichen Produktivität wird, verschiebt sich in vielen Organisationen auch das Qualifikationsverständnis. Eine Umfrage des Ifo-Instituts aus München zeichnet ein klares Stimmungsbild: Knapp 20 Prozent der KI-aktiven Firmen meinen, Hochschulabsolventen ließen sich durch weniger qualifizierte Beschäftigte ersetzen, sofern diese KI-Tools bedienen können. Weitere 15 Prozent halten sogar den Austausch erfahrener gegen unerfahrene, KI-nutzende Kräfte für realistisch. Die Ifo-Forscherin Anna Ruffert ordnet das als Veränderung der Arbeitswelt ein, bei der KI in bestimmten Aufgabenprofilen formale Bildung teilweise entbehrlich machen kann.
Technisch betrachtet berührt diese Sicht weniger „KI als Ganzes“, sondern konkrete Arbeitsabläufe: In vielen Unternehmen übernehmen KI-gestützte Systeme etwa Such- und Auswertungsaufgaben, Text- und Dokumentenverarbeitung oder Assistenzfunktionen im Customer Service. Genau hier entstehen neue Skill-Schwerpunkte. Statt klassischer Wissensdomänen treten stärker Tool-Kompetenz, Prompting-Fähigkeit, Prozessverständnis und Qualitätsprüfung als Gatekeeper auf. In solchen Setups wirken KI-gestützte Workflows wie eine „Qualifikationsbrücke“, weil sie Ergebnisse beschleunigen und Routineanteile automatisieren. Doch die Annahme, damit ließe sich auch Berufserfahrung pauschal ersetzen, bleibt hochgradig kontextabhängig.
Der Markt spiegelt diese Spannung besonders deutlich im Handel. Laut Umfrage nennen dort 28,6 Prozent der Firmen (Fach-)Hochschulabschlüsse als leicht bis sehr leicht durch KI-gestützte Arbeitskräfte ersetzbar. Bei Dienstleistern liegt der Wert bei 19,7 Prozent, im Verarbeitenden Gewerbe bei 14,6 Prozent. Für Unternehmen ist das ein Hinweis darauf, dass die Architektur der Arbeit entscheidend ist: Wo Prozesse standardisierbar sind und Entscheidungen durch Datenmuster unterstützt werden können, steigt die Bereitschaft, Qualifikationsprofile umzuformen. Ruffert deutet zudem an, dass Berufserfahrung im Mittel schwieriger zu kompensieren ist als formale Abschlüsse. Das ist plausibel, weil Erfahrung häufig in Ausnahmebehandlung, Risikoabwägung und Systemverständnis steckt.
Gleichzeitig widerspricht die Mehrheitsmeinung dem pessimistischen Bild. Mehr als die Hälfte der KI-nutzenden Betriebe bewertet den Ersatz von Hochschulabsolventen durch weniger qualifizierte, aber KI-unterstützte Mitarbeitende als schwer oder gar nicht möglich. Beim Austausch erfahrener gegen unerfahrene Kräfte steigt dieser Anteil sogar auf 62,7 Prozent. Interessant ist auch die Verbreitung der Technologie: 54,5 Prozent der Unternehmen setzen KI bereits in ihren Geschäftsprozessen ein. Das deutet auf einen Realitätssprung hin, denn KI ist längst kein reines Pilotprojekt mehr. Für die Praxis bedeutet das: Die Akzeptanz für Qualifikationsumbauten hängt stark davon ab, ob KI als Ergänzung oder als Ersatz für Verantwortung verstanden wird.
Der Blick auf den Wettbewerb erklärt, warum die Debatte emotional auflädt. In den vergangenen Monaten haben weltweit mehrere Konzerne den Abbau von Stellen im Zuge stärkerer KI-Nutzung angekündigt. Genannt werden unter anderem Standard Chartered mit potenziell rund 7.000 Stellen in der Planung sowie der Meta-Konzern und Amazon, die in großem Stil Personalabbau betreiben wollen. Solche Signale wirken besonders auf Berufseinsteiger, weil sie Karrierepfade neu sortieren und Unsicherheit erzeugen. Eine Befragung des Meinungsforschungsinstituts Gallup zur Generation Z ordnet KI dabei als Belastungsfaktor ein, der Sorgen auslöst. In der Personalstrategie entsteht so eine Kluft zwischen „Technologie als Produktivitätshebel“ und „Technologie als Beschäftigungsrisiko“.
Aus Unternehmenssicht führt das zwangsläufig zu einer nüchternen Wettbewerbsfrage: Wie schnell kann man mit KI Prozesse automatisieren, ohne zentrale Qualitäts- und Sicherheitsanforderungen zu verlieren? Im Vergleich zur klassischen Cloud- oder ERP-Optimierung verschiebt KI die Messlatte, weil Modelle nicht nur Parameter, sondern auch Wahrscheinlichkeitsfehler mitbringen. Daher werden zusätzlich zu Skalierung und Kostenersparnis neue Kontrollschichten benötigt, etwa Human-in-the-Loop-Reviews, Daten-Governance und Monitoring von Modellverhalten über Zeit. In vielen Organisationen folgt daraus ein Migrationspfad: erst Assistenzsysteme, dann KI-gestützte Teilautomatisierung und erst später – falls überhaupt – stärkere Ersetzungslogiken. Das macht deutlich, warum Berufserfahrung als schwerer ersetzbar gilt: Sie ist oft im Qualitätsmanagement verankert.
Historisch erinnert die Entwicklung an frühere Automatisierungswellen, etwa in der Industrie mit CAD-gestützter Konstruktion oder in der Büroarbeit mit regelbasierter Texterstellung. Damals wie heute entstehen neue Rollen, statt dass Qualifikation verschwindet. Allerdings ist KI stärker in der Lage, Inhalte zu erzeugen, weshalb der Übergang von „Tool“ zu „Entscheidungsnähe“ schneller wirkt. Für die Regulatorik und den Datenschutz wird das besonders relevant: KI-Systeme benötigen oft umfangreiche Daten, und Unternehmen müssen sicherstellen, dass personenbezogene Informationen nach klaren Zweckbindungen verarbeitet werden, inklusive Lösch- und Zugriffskonzepten. Zusätzlich steigen die Anforderungen an Nachvollziehbarkeit, Risikobewertung und die Vermeidung diskriminierender Effekte in HR- oder Service-Kontexten.
Der zukünftige Ausblick fällt daher zweigeteilt aus. Einerseits wird KI die Zahl der Aufgaben verändern, die heute noch stark an formale Abschlüsse gebunden sind; kurzfristig bleibt die Qualifikationsdebatte messbar in Stellenausschreibungen, Onboarding-Prozessen und in der Gestaltung von Teamrollen. Andererseits zeigt die Mehrheitsposition der Befragten, dass viele Betriebe Verantwortung, Erfahrung und Domänenwissen weiterhin als nicht beliebig austauschbar begreifen. Für Entwickler und Entscheider bedeutet das: Es lohnt sich, KI-gestützte Workflows so zu designen, dass sie Wissen inkrementell verfügbar machen (z. B. über Assistenz, Feedback und Lernpfade), statt nur Stellenprofile zu kürzen. Wer so vorgeht, kann sowohl Produktivität als auch Sicherheit, Compliance und Mitarbeitendenvertrauen auf eine belastbare Basis stellen.
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