LONDON (IT BOLTWISE) – Der Relai-CEO Julian Liniger ordnet den aktuellen Bitcoin-Abwärtstrend in einen größeren Liquiditäts- und Investitionszyklus ein: Während KI-Budgets in Unternehmen wie Anthropic und OpenAI fließen, bleibt für andere Assets weniger Spielraum. Er erwartet jedoch, dass sich das Kapital dreht, sobald der KI-Aufbau sich verlangsamt und Produktivitätsgewinne sichtbar werden. Gleichzeitig berichtet Liniger von spürbar schwierigerer Nutzerakquise für den Schweizer Bitcoin-only-Anbieter, der auf Self-Custody setzt und die MiCA-Lizenz bereits erhalten hat.

Relai-CEO: KI-Investitionen drücken Bitcoin-Nachfrage – doch die Rotation könnte drehen
Relai-CEO: KI-Investitionen drücken Bitcoin-Nachfrage – doch die Rotation könnte drehen (Foto: IT BOLTWISE)
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Der aktuelle Bitcoin-Bärenmarkt wirkt auf viele Marktteilnehmer wie ein klassisches Zusammenspiel aus Risikoaversion, Liquidität und Erwartungen. In einem Interview bei BTC Prague liefert der Relai-CEO Julian Liniger jedoch eine zusätzliche, stärker makro- und industriegetriebene Erklärung: Einen Teil der Nachfrageschwäche sieht er darin, dass globales Kapital in den KI-Ausbau umgeschichtet wird und damit weniger Mittel für andere Assets verfügbar bleiben. Liniger beschreibt diesen Mechanismus als zirkulierende Liquidität, die in der Praxis vorübergehend „gebunden“ wird, weil Investoren gezielt Budgets für KI-Ökosysteme und damit verbundene Unternehmen platzieren.

Technisch betrachtet lohnt sich der Blick auf den Investitionspfad: KI-Entwicklung erfordert typischerweise erhebliche Vorlaufkosten über mehrere Stufen hinweg, von Recheninfrastruktur und Modelltraining bis hin zu Produktivierung, Datenpipelines und Betriebskosten. Dadurch entsteht ein mehrjähriger Kapitalbedarf, der in Wellen fließt und sich in Bewertungen sowie Börsen- und Token-Märkten widerspiegeln kann. In dieser Phase werden Portfolios häufig „konzentriert“, also in wenige, als wachstumsstark wahrgenommene Themenblöcke verschoben. Liniger argumentiert damit nicht, dass KI langfristig unattraktiv wäre, sondern dass der kurzfristige Kapitalabzug andere Märkte komprimiert.

Diese Sicht steht im Kontext einer breiteren Marktphase, in der Krypto- und Tech-Investments häufig über Risiko- und Liquiditätskanäle gekoppelt sind. Wenn Kapital besonders in Wachstumsstories fließt, sinkt die Neigung, in volatilere oder schwerer zu bewertende Alternativen umzuschichten, selbst wenn die zugrunde liegenden Fundamentaldaten unverändert bleiben. Linigers Erwartung: Der KI-Aufbau werde dieses und nächstes Jahr seinen Höhepunkt eher noch nicht überschreiten; erst dann könne der „Hype“ nachlassen und Produktivitätsgewinne sichtbar werden. Anschließend, so seine These, fließe das Geld „natürlich“ stärker in Bitcoin zurück.

Als Branchenvergleich lässt sich ergänzen, dass größere Krypto-Plattformen wie Coinbase oder Kraken in Phasen erhöhter Volatilität oft stärker auf institutionelle Verwahrung, Derivat- und Liquidity-Services sowie auf Compliance setzen, während spezialisierte Anbieter ihre Nutzerbasis vor allem über einfache Produktflüsse und klare Sicherheitsmodelle ausbauen. Relai verfolgt dabei einen eher konsequenten Ansatz: Die App ist Bitcoin-only und setzt auf Self-Custody, also darauf, dass Nutzer ihre Coins im eigenen Besitz kontrollieren. Diese Konstruktion reduziert zwar bestimmte Vermittlungsrisiken klassischer Verwahrmodelle, erhöht aber die erklärungs- und onboardingintensive Komponente für neue Nutzer, was gerade in schwächeren Märkten spürbar werden kann.

Liniger berichtet denn auch von konkreten Effekten auf die eigene Wachstumsdynamik. Der Bitcoin-Bärenmarkt habe Relais Geschäft belastet, gleichzeitig wachse das Unternehmen weiterhin kontinuierlich. Schwieriger geworden sei jedoch die Neukundengewinnung: Neue Nutzer zu überzeugen werde „viel schwerer“ und zugleich deutlich teurer. Die App liege zwar weiterhin im Bereich von tausenden Downloads pro Monat und könne grob 1.000 bis 2.000 neue aktive Nutzer monatlich onboarden, doch der Conversion-Pfad vom Interesse zur tatsächlichen Einzahlung sei aktuell anspruchsvoller. Das lässt sich als typische Marktmechanik interpretieren: Wenn Menschen weniger frei verfügbares Kapital sehen, sinkt die Bereitschaft zu Einstiegen in riskantere Assets.

Regulatorisch ist Relai für den europäischen Markt zugleich besser positioniert als viele reine „App“-Anbieter früherer Generationen. Laut Bericht hat das Startup im Oktober 2025 eine MiCA-Lizenz in Frankreich erhalten und zuvor im Dezember 2024 eine Series-A-Finanzierung über 12 Millionen US-Dollar abgeschlossen, die Bewertung auf 72 Millionen US-Dollar angehoben. MiCA steht als neues Regelwerk für einen kontrollierteren Umgang mit Krypto-Dienstleistungen, insbesondere im Hinblick auf organisatorische Anforderungen, Interessenwahrungs- und Risikomanagement sowie Transparenzpflichten. Für Self-Custody-Modelle bleibt das Sicherheitsversprechen zentral, doch Compliance wirkt zudem als Gate für die Skalierung, etwa bei Vertriebswegen, Partnerschaften und dem Betrieb von Prozessen.

Finanziell spiegelt sich die Marktphase auch in den Kursbewegungen wider: Bitcoin notierte zuletzt leicht im Plus, bleibt jedoch klar unter früheren Höchstständen. In so einem Umfeld gewinnt die Frage an Bedeutung, wie stark sich Kapitalströme zwischen Branchen tatsächlich „drehen“ lassen. Linigers Argument baut dabei auf einem plausiblen Timing auf: Nach dem KI-Buildout folgt typischerweise eine Phase, in der Investitionen stärker in Nutzung, Automatisierung und Erträge übergehen. Genau dann könnte die Liquidität, die zuvor in KI-bezogene Beteiligungen und Infrastruktur gewandert ist, teilweise wieder in breit verwertbare Wertaufbewahrungsnarrative wie Bitcoin zurücklaufen.

Für Unternehmen, die im KI- und Krypto-Umfeld entwickeln, entsteht daraus eine praktische Implikation: Kapitalrotation beeinflusst nicht nur Kurse, sondern auch Budgetentscheidungen, Risikoprämien und die Verfügbarkeit von Finanzierung für neue Produkte. Relais MiCA-konformer Betrieb und der Self-Custody-Ansatz zeigen zudem, dass sich Nutzererwartungen verlässlich nur mit starker Sicherheitsarchitektur und verständlichem Onboarding erfüllen lassen. Gleichzeitig lohnt der Wettbewerbsvorteil der nächsten Quartale: Während große Exchanges oft auf Vertrauen durch Größe setzen, müssen Nischenanbieter stärker über UX, Transparenz und Sicherheitsmechanismen überzeugen. Wenn Linigers Drehthese aufgeht, könnte 2026/2027 für solche Modelle ein reifes Wachstumsfenster öffnen – allerdings bleibt die Abhängigkeit von Liquiditätszyklen weiterhin hoch.


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