MÜNCHEN / LONDON (IT BOLTWISE) – Laut einer Umfrage des Ifo-Instituts halten viele Unternehmen den Einsatz KI-gestützter Kräfte für zumindest teilweise gut vorstellbar, auch wenn formale Qualifikationen fehlen. 19,2 Prozent der befragten Firmen sehen es als leicht oder sogar sehr leicht an, akademisch ausgebildete Tätige zumindest teilweise zu ersetzen. Gleichzeitig bleibt die Mehrheit skeptisch: 55,4 Prozent glauben, der Austausch qualifizierter Kräfte sei schwierig oder unmöglich. Der Befund ist vor allem deshalb brisant, weil er sich auf Unternehmen stützt, die bereits KI einsetzen, und damit die Hürde zur praktischen Umsetzung zumindest teilweise geringer wirkt.

Ifo-Umfrage: Unternehmen sehen KI-gestützte Kräfte teils als Ersatz für Akademiker
Ifo-Umfrage: Unternehmen sehen KI-gestützte Kräfte teils als Ersatz für Akademiker (Foto: IT BOLTWISE)
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Die Debatte um KI in der Arbeitswelt bekommt mit einer neuen Ifo-Umfrage eine unerwartet konkrete Dimension: Unternehmen berichten nicht nur von Effizienzgewinnen, sondern auch von der Bereitschaft, Tätigkeiten durch KI-gestützte Arbeitskräfte mit geringeren formalen Qualifikationen abzudecken. Besonders auffällig ist der Anteil von 19,2 Prozent der knapp 3.000 im Mai befragten Firmen, die es als leicht oder sogar sehr leicht einschätzen, akademisch ausgebildete Fachkräfte teilweise zu ersetzen. Damit rückt eine Entwicklung in den Vordergrund, die in vielen Unternehmen bislang eher als theoretische Option diskutiert wurde.

Technisch betrachtet hängt diese Haltung eng mit dem Reifegrad der eingesetzten KI-Architekturen zusammen. Da die Befragung ausschließlich Unternehmen adressiert, die bereits KI-Technologien einsetzen, geht es nicht um erste Experimente, sondern um praxisnahe Use Cases, bei denen Modelle wie etwa Sprach- und Assistenzsysteme, Prozessautomatisierung oder produktnahe Entscheidungsunterstützung in Workflows integriert wurden. Aus Enterprise-Sicht bedeutet das: Datenpipelines, Rollenbasierung für Zugriffe und eine belastbare Betriebsführung (Stichwort MLOps) müssen so weit funktionieren, dass produktive Abläufe nicht regelmäßig abbrechen. Genau hier wird aus „KI im Labor“ zunehmend „KI im Tagesgeschäft“.

Der Arbeitsmarkt-Aspekt wird noch deutlicher, wenn man die Quoten nach Unternehmensrisiken und Einsatzfeldern betrachtet. 15 Prozent bewerten den Austausch erfahrener Mitarbeiter durch weniger qualifizierte, KI-gestützte Kräfte sogar als leicht bis sehr leicht. Besonders hoch ist die Akzeptanz im Handel: 28,6 Prozent der Befragten sehen KI-unterstützte Arbeitskräfte als gleichwertig zu qualifizierten Fachkräften. Historisch erinnert das an frühere Automationswellen: Schon im Ticketing, in der Buchhaltung oder im Kundensupport ersetzten Regelwerke schrittweise bestimmte Routinen. Neu ist jedoch, dass KI-gestützte Systeme zunehmend auch unstrukturierte Inhalte bearbeiten und dadurch stärker „qualifikationsähnliche“ Aufgaben übernehmen können.

Für den Markt und die Konkurrenzlage ist der Befund ein Signal, das über einzelne Branchen hinaus Wirkung entfaltet. Wenn Anbieter von KI-gestützter Produktivität und HR-Workflows wie Microsoft, Google oder auch etablierte Enterprise-Plattformen ihre Werkzeuge verstärkt entlang von Rollen, Genehmigungen und Qualitätsmetriken ausrichten, sinkt die Umsetzungshürde für Kunden. Wie Branchenexperten betonen, verschiebt sich damit die Erwartung: Nicht die reine Modellgüte entscheidet, sondern die Fähigkeit, KI in Governance, Compliance und messbare Leistung zu überführen. Aus Investment-Sicht kann die Bereitschaft zum „Right-Sizing“ der Belegschaft auf eine strategische Suche nach skalierbaren Kostenstrukturen hinweisen, ohne die Innovationsrate zu bremsen.

Gleichzeitig dämpft die Skepsis den Effekt: 55,4 Prozent der Unternehmen halten den Austausch qualifizierter Arbeitskräfte durch KI-unterstützte Mitarbeiter für schwierig oder gar unmöglich. Das ist weniger überraschend, als es auf den ersten Blick wirkt, denn viele Tätigkeiten sind stark von Kontext, Verantwortung und Fehlerfolgen geprägt. Zudem stellt KI-Substitution nicht nur eine Frage der Machbarkeit, sondern der Haftung und der Sicherheitsarchitektur. Gerade bei sensiblen Daten ist die Voraussetzung, dass Trainings- und Betriebsdaten sauber segmentiert, Zugriffe protokolliert und eventuelle Prompt- oder Datenlecks kontrolliert werden, entscheidend. In der Praxis entscheidet daher oft die Kombination aus Sicherheitsniveau, auditierbaren Prozessen und klaren Freigaberegeln darüber, wie weit Teams Aufgaben tatsächlich an KI-Systeme delegieren.

Für die Zukunft ist vor allem die Kombination aus „Akzeptanz“ und „Betriebsfähigkeit“ entscheidend. In den nächsten Monaten dürfte sich der Wettbewerb zwischen Plattformansätzen und Fachlösungen weiter zuspitzen: Während große Cloud-Ökosysteme vor allem Integrations- und Skalierungsvorteile betonen, versuchen spezialisierte Anbieter, konkrete Rollen in Branchenprozesse zu übersetzen. Unternehmen mit KI-Reife können daraus Vorteile ziehen, etwa indem sie Qualifikationsprofile überarbeiten, Umschulungsprogramme gezielter planen und neue Jobprofile für „KI-nahes Arbeiten“ schaffen. Denkbar ist auch, dass sich die Kennzahlen in Workforce-Planung und Controlling verschieben: weg von reiner Kopfzahl hin zu Leistungs- und Qualitätsmetriken pro Rolle.

Regulatorisch und datenschutzseitig bleibt die Lage dynamisch. Je nachdem, wie Unternehmen KI in Entscheidungs- oder Assistenzsysteme einbinden, steigen die Anforderungen an Nachvollziehbarkeit, Datenminimierung und Dokumentation. Für Deutschland und Europa gilt dabei: Datenschutz und Informationssicherheit sind nicht nur „Pflicht“, sondern werden zur Voraussetzung für nachhaltige Skalierung, weil sie Direktinvestitionen in Governance und technische Kontrollen erzwingen. Wer jetzt KI-gestützte Substitution testet, sollte daher einheitliche Leitplanken etablieren: klare Verantwortlichkeiten, Red-Teaming- und Qualitätsprozesse, Zugriffskontrollen sowie eine Strategie für Modell- und Prompt-Änderungen im Produktivbetrieb. So wird die Chance der Befragungswerte greifbar, ohne die Risiken unkontrolliert zu vergrößern.

Unterm Strich zeigt die Ifo-Umfrage: KI wird in Teilen der Unternehmen nicht nur als Werkzeug, sondern als Stellhebel verstanden, um Qualifikationsanforderungen zu flexibilisieren. Der Sprung von „KI hilft“ zu „KI ersetzt teilweise“ gelingt aber nur dort, wo Daten, Sicherheit, Prozesse und Menschenrollen zusammenpassen. Investoren dürften deshalb besonders Firmen beobachten, die ihre KI-Transformation in einer nachvollziehbaren Architektur umsetzen und die Akzeptanz in messbare Ergebnisse überführen. Für Entwickler und IT-Teams ergibt sich daraus eine klare Perspektive: Wer KI-Entwicklung, Betrieb und Governance als zusammenhängendes System gestaltet, kann künftig nicht nur Kosten senken, sondern auch den organisatorischen Umbau beschleunigen.


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