DELITZSCH / MERSEBURG / LONDON (IT BOLTWISE) – Das Chemie-Forschungszentrum CTC nimmt erste Kontakte zur Industrie auf und bringt damit konkrete Kooperationen in Chemie, Automotive und Luftfahrt in Schwung. Parallel rückt der Aufbau der dauerhaften Standorte in Delitzsch und Merseburg in den Fokus: Dort sollen Labore, Campus-Strukturen und in Merseburg ein hochautomatisiertes Pharma-Labor entstehen. Die staatlich geförderte Initiative zielt bis 2038 auf neue Verfahren für klimafreundliche Chemie, mehr Recycling- und nachwachsende Rohstoffe sowie eine stärkere Kreislaufwirtschaft. Für Unternehmen bedeutet das: neue Pilotmöglichkeiten und Beschleunigung bei der Transformation weg von fossilen Rohstoffen.

CTC startet Industrie-Kontakte und baut Chemie-Campus in Delitzsch und Merseburg
CTC startet Industrie-Kontakte und baut Chemie-Campus in Delitzsch und Merseburg (Foto: IT BOLTWISE)
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Das Chemie-Großforschungszentrum CTC in Sachsen und Sachsen-Anhalt geht in die nächste Phase des Strukturwandels: Nach Angaben des Zentrums knüpfen die Teams bereits erste Verbindungen zu Unternehmen aus Chemie, Automotive und Luftfahrt. Damit verschiebt sich der Fokus vom reinen Laborgeschehen hin zu einer engeren Verzahnung mit der industriellen Umsetzung. Solche frühen Kontakte sind für Großforschung entscheidend, weil sie Forschungsfragen besser an echte Produktionsrandbedingungen koppeln, etwa an Reinheitsanforderungen, Prozessausbeuten oder an die Verfügbarkeit von Post-Consumer- und Industrie-Recyclingströmen. Gleichzeitig macht das CTC den Ausbau seiner dauerhaften Standorte in Delitzsch und Merseburg konkreter.

Das CTC gehört zu den bedeutenden Forschungsprojekten, die den Kohleausstieg in der Region wissenschaftlich und wirtschaftlich abfedern sollen. Gefördert wird das Vorhaben bis 2038 mit rund 1,1 Milliarden Euro vom Bund, um Verfahren für eine klimafreundlichere Chemie zu entwickeln und den Einsatz von Recycling-Materialien sowie nachwachsenden Rohstoffen voranzutreiben. Derzeit arbeiten 62 Mitarbeitende aus zwölf Nationen am Center for the Transformation of Chemistry, und die Agenda deckt mehrere technologischen Bausteine ab: nachhaltige Kunststoffe, Recycling-Verfahren und vor allem die Digitalisierung von Laborprozessen. In der Praxis geht es dabei um belastbare Datenflüsse und schnellere Iterationen, damit neue Rezepturen und Herstellungsrouten schneller in Richtung Pilotanlagen gelangen.

Technisch betrachtet liegt der Kern in einer Kombination aus Prozessentwicklung und Datenintegration. Während klassische Chemie-Forschung stark auf Batch-Experimente, Katalysator-Tests und Rezepturvarianten setzt, wird die Entwicklung in einem solchen Großprojekt zunehmend „datengetrieben“: Laborparameter, Messdaten, Qualitätskennzahlen und Variantendaten müssen so strukturiert werden, dass spätere Skalierungen reproduzierbar werden. Besonders beim Recycling stellt die Variabilität des Rohstoffs eine zentrale Herausforderung dar, weil Schwankungen im Feedstock die Chemie-Ausbeute, Nebenprodukte und die Materialqualität beeinflussen. Die Digitalisierung von Laborprozessen kann hier helfen, indem sie Testzyklen verkürzt, Optimierungsschleifen anlegt und die Überführung in kontinuierliche oder teil-kontinuierliche Prozesse systematisch vorbereitet.

Der Marktkontext macht deutlich, warum das Timing wichtig ist: Wettbewerber und Branchenakteure arbeiten parallel daran, ihre Wertschöpfungsketten auf klimafreundlichere Rohstoffe und energieeffizientere Produktionsverfahren auszurichten. Zu den relevanten Akteuren zählen große Chemie- und Materialkonzerne wie BASF und Covestro, die in der Regel eigene F&E-Programme betreiben, gleichzeitig aber auch Kooperationen mit Forschungseinrichtungen und Startups eingehen. Experten aus der Branche sehen in solchen Kooperationen eine Chance, Risiko zu teilen und die Marktnähe von Forschung zu erhöhen, etwa wenn es um die Verarbeitbarkeit neuer Polymerchargen oder um Spezifikationen für sicherheitskritische Anwendungen in Luftfahrt und Automotive geht. Das CTC adressiert diese Lücke, indem es Kooperationen mit Unternehmen in den kommenden Jahren ausbauen will, inklusive neuer Unternehmensgründungen im Umfeld.

Auch die Standortplanung ist als Marktsignal zu verstehen. In Delitzsch laufen laut sächsischem Wissenschaftsministerium die Vorbereitungen für den Forschungscampus: Das Gelände der ehemaligen Zuckerfabrik wurde bereits beräumt, die weiteren Bauplanungen sind in Vorbereitung. Ein erstes Büro- und Laborgebäude soll 2028 fertiggestellt werden, und die lokalen Effekte sind nach Aussage von Oberbürgermeister Manfred Wilde bereits spürbar: Es gebe mehr Anfragen von Unternehmen, die Kooperationen im Bereich Kreislaufwirtschaft suchen; zudem entwickelten Investoren benachbarte Industrieflächen zunehmend. Für Unternehmen heißt das, dass sich neue Ökosysteme bilden können, in denen Pilotanlagen, Lieferkettenkontakte und Fachkräfte schneller zusammenfinden.

Der zweite Standort in Merseburg ergänzt diese Logik um einen klaren Industrie- und Technologiefokus: Dort soll nahe der Hochschule Merseburg ein Forschungscampus mit einem hochautomatisierten Pharma-Labor entstehen. Das Wissenschaftsministerium Sachsen-Anhalt nennt als mögliche Grundlage für den Start der Bauarbeiten 2028; die Fertigstellung des Forschungsgebäudes wird für Anfang 2031 angestrebt. Diese Kombination aus Chemie-Transformation und pharmazeutischer Anwendungsnähe ist strategisch, weil pharmazeutische Prozesse häufig strenge Qualitäts- und Nachweisanforderungen mit sich bringen. Wenn Labor-Digitalisierung dort konsequent umgesetzt wird, profitieren auch andere Bereiche: automatisierte Datenerfassung, standardisierte Workflows und nachvollziehbare Experimenthistorien reduzieren nicht nur Aufwand, sondern unterstützen zugleich regulatorische Anforderungen. Dabei spielt auch Datenschutz eine Rolle: Sobald Labor- und Forschungsdaten digital verarbeitet werden, müssen Governance und IT-Sicherheit so umgesetzt werden, dass Vorgaben wie DSGVO-Grundsätze zu Zweckbindung, Zugriffsschutz und Protokollierung eingehalten werden.

Bis 2038 sollen an den Standorten Delitzsch und Merseburg rund 1.000 Menschen arbeiten. Sachsen-Anhalts Wissenschaftsminister Armin Willingmann ordnet das CTC als wichtigen Beitrag für die Zukunft der Branche ein: Das Zentrum werde in den kommenden Jahren dazu beitragen, die Wettbewerbsfähigkeit der heimischen Chemieindustrie auf dem Weg zur Klimaneutralität zu sichern. Aus Unternehmenssicht entsteht daraus eine konkrete Handlungsrichtung: Wer heute Kooperationen mit dem CTC aufbaut, kann später von schnellerer Qualifizierung profitieren, etwa bei der Umstellung von Rezepturen auf Recycling- und Biobaselines, bei der Entwicklung neuer Materialeigenschaften oder beim Aufbau von skalierfähigen Prozessketten. Gleichzeitig erhöht die wachsende Kompetenz vor Ort die Chance, Pilotprojekte mit messbaren Benchmarks zu realisieren, bevor sich Markt- und Regulierungskurven weiter zuspitzen.


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