BERLIN / LONDON (IT BOLTWISE) – Die Energiewende verlagert sich spürbar: Während Europa zögert, wachsen in Vietnam und Thailand Elektromobilität und erneuerbare Infrastruktur mit hoher Geschwindigkeit. Branchenexperten ordnen das als strategische Verschiebung von Marktzugängen zu industriellen Wertschöpfungsketten ein. Im Interview erklärt Maria Pastukhova, warum kontrollierte Offenheit statt Autarkie für robuste Versorgungssicherheit entscheidend ist. Der Artikel zeigt auch, welche Risiken bei Steuerungs- und Netztechnik besonders kritisch bleiben.

Lange galt Europa als Taktgeber der Energiewende. Doch inzwischen verschiebt sich der Schwerpunkt deutlich Richtung Asien: China verliert zwar nicht an Bedeutung, aber es entsteht daneben ein neues industrielles Zentrum, das Geschwindigkeit und Skalierung kombiniert. Im Umfeld der Volksrepublik wächst damit Konkurrenz, die nicht nur mehr Strom und mehr E-Fahrzeuge nachfragt, sondern vor allem eigene Wertschöpfung aufbaut. Dass dabei Länder wie Vietnam und Thailand bereits aufholen, ist dabei nicht nur eine Frage von Kaufentscheidungen, sondern von politisch unterstützten Industrieclustern, Infrastrukturplanung und dem Zugang zu kritischen Komponenten.
Technisch betrachtet ist die Energiewende ein Bündel großer Systeme: Erzeugung, Netze, Speicher und Ladeinfrastruktur greifen ineinander und hängen oft von kapitalintensiven Vorleistungen ab. Solarmodule oder Batteriesysteme sind dabei zwar unterschiedliche Bausteine, aber beide brauchen Lieferketten, die von Rohstoffen bis zu Fertigungskapazitäten reichen. Besonders relevant ist der Unterschied zwischen austauschbaren Komponenten und software- oder systemspezifischen Steuerungsteilen. Genau dort wird die Geopolitik praktisch: Sobald kritische Regelungs- und Netzsteuerungseinheiten betroffen sind, reicht „irgendwo anders kaufen“ nicht mehr, sondern Versorgungssicherheit und Support-Fähigkeit werden zum Engpass.
Der Markt zeigt diese Verschiebung gerade in der Elektromobilität. Laut dem im Kontext genannten Bericht der Internationalen Energieagentur hat sich der Absatz im Bereich der Elektromobilität im vergangenen Jahr mehr als verdoppelt; bei Neuwagen lag der Anteil von E-Fahrzeugen zuletzt bei knapp 20 Prozent. Auffällig ist, dass diese Dynamik nicht allein auf China zurückzuführen ist, sondern von mehreren asiatischen Märkten getragen wird. In Vietnam wurden im betrachteten Zeitraum nahezu 40 Prozent der neu verkauften Autos elektrisch, in Thailand lag der Anteil bei rund 25 Prozent. Ein ähnliches Bild ergibt sich bei E-Zwei- und -Dreirädern: Weltweit wurden 2025 etwa 11 Millionen solcher Fahrzeuge verkauft, mit zweistelliger Steigerung.
Die Ursachen sind dabei weniger ideologisch als ökonomisch. Viele Staaten in Südostasien sind im Energiesektor stark von fossilen Importen abhängig, etwa von Lieferungen aus dem Nahen Osten. Vor dem Hintergrund von Krisen und Preisschwankungen verschärft sich der Druck, diese Importlast zu reduzieren. Gleichzeitig sind Elektrofahrzeuge und -komponenten in den letzten Jahren günstiger geworden, nicht nur in Folge chinesischer Skalierung, sondern auch durch Wettbewerb und lokale Anpassungen. Thailand zeigt zudem, wie Industriepolitik und Standortlogik wirken: Das Land hat eine starke Autoindustrie, und der Umbau auf Elektromobilität dient dazu, den regionalen Export-Status zu sichern.
Ein entscheidender Punkt bleibt das Abhängigkeitsrisiko gegenüber China, das in Europa und den USA regelmäßig als wachsendes Problem diskutiert wird. Pastukhova differenziert dabei: Das geringste Risiko liege dort, wo Technologien passiv, austauschbar und standardisiert sind, wie bei Solarmodulen. Dort führt eine Lieferunterbrechung zwar zu Ausbauproblemen, aber nicht automatisch zu einem Systemkollaps, weil bereits installierte Kapazitäten weiterhin Energie liefern. Anders ist es bei Technologien, die in kritische Steuerungssysteme eingebettet sind. Wechselrichter, Leittechnik und digitale Netzsteuerung sind nah an der Systemkontrolle, sodass fehlender Support oder kompromittierte Firmware direkt Auswirkungen auf die Versorgungssicherheit haben können.
Als Marktvergleich lässt sich ergänzend auf die Rolle großer Akteure aus dem Umkreis der chinesischen Lieferketten verweisen. Unternehmen wie BYD oder CATL stehen exemplarisch für die Kombination aus Fertigungs-Know-how, Zellskalierung und Preisdruck, die Nachbarländer zum Aufbau eigener Cluster zwingt. Gleichzeitig zeigen Investitionen aus Südkorea, dass Abhängigkeit nicht nur über ein Land läuft, sondern über Netzwerke von Ressourcen, Verarbeitung und Fertigungskapazitäten. Das schafft Chancen für Europa, aber auch neue Koordinationsaufgaben: Wenn unterschiedliche Länder einzelne Ressourcen kontrollieren, wird „Autarkie“ kaum realistisch, während „kontrollierte Offenheit“ wesentlich präziser wirkt.
Für Europa und Deutschland ergibt sich daraus ein Spannungsfeld mit drei „nicht so guten Optionen“, wie Pastukhova es im Gespräch zuspitzt. Die erste Option wäre, die gesamte Wertschöpfung in Europa aufzubauen: Das wäre extrem teuer und langwierig. Die zweite wäre vollständige Offenheit: Man profitiert von günstigeren Technologien, erzeugt aber neue Abhängigkeiten. Die dritte Option, die Energiewende zu verlangsamen und im alten System zu bleiben, ist ebenfalls riskant, weil fossile Märkte zeitgleich unter Druck bleiben können. Maria Pastukhova bringt es sinngemäß auf den Punkt: „Die Weltwirtschaft wartet nicht auf Länder, die zögern.“ Historisch ist diese Logik nicht neu – nur wurde sie früher oft im Tempo von regulatorischen Entscheidungen statt im Tempo von Industrieclustern sichtbar.
Der technische und regulatorische Kern liegt daher in der Frage, welche Bausteine „schnell und sicher“ ausgerollt werden können und welche über eigene Fertigungskompetenzen abgesichert werden sollten. Pastukhova beschreibt kontrollierte Offenheit als schnelle Nutzung günstiger Technologien dort, wo Risiken beherrschbar sind, etwa bei Solarmodulen, Batterien oder Wärmepumpen. Gleichzeitig bleibt Telekommunikationstechnologie und Netzsteuerung besonders sensibel. Daraus folgt praktisch: Europa sollte Fertigungs- und Systemkompetenz für kritische Komponenten dort aufbauen, wo digitale Steuerung und Support-Lebenszyklen die Versorgung beeinflussen. Das muss nicht in reiner Autarkie enden; mit verlässlichen Partnern und Produktionshubs außerhalb Europas lässt sich das Ziel robust erreichen.
In die Zukunft gedacht verschiebt sich damit die Wettbewerbslogik: Nicht der schnellste Rollout allein entscheidet, sondern die Fähigkeit, Lieferketten entlang der ganzen Kette – von Rohstoffverarbeitung über Zell- und Komponentenfertigung bis zur Systemintegration – zu orchestrieren. Pastukhova verweist zugleich auf Umwelt- und Gesundheitsrisiken bei der Verarbeitung, etwa im Zusammenhang mit toxischen Chemikalien, die streng reguliert werden müssen. Solche Anforderungen machen Offshore-Fertigung nicht automatisch „einfach“, aber sie schaffen Bewertungsmaßstäbe, die in Europa ohnehin erwartet werden. Für Unternehmen bedeutet das konkret: Investitionen in Engineering, Zertifizierung, Lifecycle-Support und Lieferketten-Resilienz werden zu zentralen Standortfaktoren, während reine Produkt-Preisorientierung weniger schützt.
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