LONDON (IT BOLTWISE) – Der Preis pro Stunde auf der ISS zwingt die Robotik zu schnellerer, autonomerer Automatisierung: Schweizer Humanoide, chinesische Betankungsarme und europäische Orbital-Service-Piloten sollen Wartung und Logistik automatisieren. Parallel testen Unternehmen 3D-Druckverfahren ohne Schwerkraft und entwickeln Rover für Mondressourcen. Mit Millionen- und Milliardeninvestitionen in „Physical AI“ entsteht ein neuer Wettbewerb, der Enterprise-Sicherheits- und Integrationsfragen unmittelbar auf die Tagesordnung setzt.

Die Automatisierung im All hat einen harten wirtschaftlichen Treiber: Auf der ISS ist jede Stunde Maschinenzeit teuer, weil Startfenster, Infrastruktur und Sicherheit zusammenwirken. Wo früher vor allem Experimente dominierten, rückt jetzt die Industrieroutine in den Fokus – also Arbeiten, die sich mit begrenzter Zeit und begrenzten Besatzungsstunden erledigen müssen. In diesem Spannungsfeld berichten mehrere Akteure von Robotik-Systemen, die Wartung übernehmen, Fracht entladen oder sogar Service-Abläufe im Orbit vorbereiten. Diese Entwicklung ist für Unternehmen besonders relevant, weil sie zeigt, wie eng KI, Robotik und zuverlässige Steuerungssoftware im Extremumfeld zu einer belastbaren Lieferkette verschmelzen.
Im Zentrum stehen konkrete Roboterarchitekturen, die sich an Schwerelosigkeit und begrenzte Eingriffsoptionen anpassen. Ein Beispiel liefert das Schweizer Startup Orbit Robotics mit dem vierarmigen humanoiden System „Helios“: Mit rund 160 Zentimetern Größe bewegt sich der beinlose Roboter entlang der ISS-Strukturen, führt Wartungsarbeiten aus und kann Fracht entladen. Entscheidend ist dabei weniger die Form als die operative Idee: Der Roboter soll wiederholbare Tätigkeiten in einem kurzen Zeitfenster pro Akkuladung zuverlässig durchführen. Ergänzend zeigt Chinas Projekt Xiyuan-0, wie federähnliche Robotik-Glieder und bildgesteuerte Manipulation auf autonome Betankungsmanöver und reparaturnahe Eingriffe abzielen.
Auf europäischer Seite wird die strategische Linie ebenfalls sichtbar, allerdings über das Service-Modell. Die Europäische Kommission beauftragte im Juni 2026 Thales Alenia Space – ein Gemeinschaftsunternehmen – mit dem EROSS-SC-Projekt im Rahmen des ISOS-Programms. Der Auftrag mit einem Volumen von zwölf Millionen Euro zielt auf eine Pilotmission bis 2030 und adressiert eine Kette von Fähigkeiten: automatisches Andocken, Betanken und der Austausch von Nutzlasten. Damit verschiebt sich der Schwerpunkt vom „Robotertest“ hin zu einem wiederverwendbaren Service-Workflow, der sich später auch für kommerzielle Betreiber großer Satellitenparks lohnt. Im Vergleich zu US-Programmen mit Systemen wie den NASA-Robotern Astrobee wird hier ein stärker standardisierter End-to-End-Betrieb angestrebt.
Ein weiterer Hebel liegt in der Fertigungstechnologie: 3D-Druck im All soll nicht nur Material sparen, sondern auch die Konstruktionsfreiheit für Reparaturen erhöhen. Photocentric bringt dafür mit dem 3D-Drucker „CosmicMaker“ ein geschlossenes LCD-Verfahren in Parabelflüge ein; getestet wird die Verarbeitung von Siliziumkarbid, Aluminiumoxid und Duroplasten. Der Vorteil der Schwerelosigkeit ist in der Praxis unmittelbar: Es werden keine Stützstrukturen benötigt, was komplexe Geometrien vereinfacht und die Iterationszyklen verkürzt. Solche Verfahren sind auch deshalb wettbewerbsentscheidend, weil sie die Abhängigkeit von Ersatzteilen reduzieren. Historisch gilt: Jedes Mal, wenn additive Fertigung in neue Betriebsbedingungen überführt wurde, entstanden neue Sicherheits- und Qualifikationsanforderungen – und genau diese gilt es jetzt auch für die Qualifizierung im Orbit zu adressieren.
Damit verknüpft sind thermische und materialtechnische Fragestellungen, etwa wenn Kühlung ohne Schwerkraft funktioniert. Parallel arbeiten Forschende der Universität Twente an einer Wärmeableitung im All: Mit 3D-gedruckten Mikrosäulen und elektrischen Feldern sollen elektrohydrodynamische Methoden kochende Blasen von Oberflächen entfernen. Wenn das gelingt, könnten Systeme perspektivisch Kühlelemente ersetzen, die bisher stark von Gravitation abhängen. Aus Unternehmenssicht ist das mehr als Grundlagenforschung, weil es robuste Pfade zu längerer Missionsdauer eröffnet und die Systemarchitektur für Industrie- und Service-Roboter beeinflusst. Gleichzeitig steigen aber die Anforderungen an Prozessüberwachung, Datenintegrität und Validierung, denn im Weltraum sind Nachbesserungen teuer und Sicherheitsmargen sind konservativ.
Auch außerhalb der ISS nimmt die Automatisierung Fahrt auf – besonders auf dem Mond. Für Chinas Mission Chang’e-8 wird ein halbautonomes, rund 100 Kilogramm schweres Robotersystem aus Hongkong entwickelt, das am Südpol Bauarbeiten ausführen und Sensoren platzieren soll. Ziel ist nicht nur die Erkundung, sondern das Suchen nach Wassereis als Ressource für Treibstoff und Trinkwasser. In Kanada fördert die Raumfahrtbehörde zudem eine Studie für „Sled 75“, einen Rover, der 250 Kilogramm Nutzlast transportieren kann. Diese Beispiele zeigen, wie sich Robotik von „Beobachten“ zu „Ressourcenwirtschaft“ wandelt – ein historischer Schritt, der an früheren Robotik-Programmen anknüpft, aber jetzt mit höherer Nutzlast und stärkerer Ressourcendynamik zusammenfällt.
Der Markt bleibt dabei nicht statisch: Die strategische Lage kann Projekte schnell umwerfen. So hat der NASA-Chef Jared Isaacman das Lunar-Gateway-Projekt zugunsten einer Oberflächengrundlage priorisiert. Für MDA Space – Hersteller des über eine Milliarde Euro teuren Canadarm3 – entsteht daraus Unsicherheit, weil der Arm ursprünglich für die Gateway-Station gedacht war. Solche Verschiebungen wirken wie Stresstests für Lieferketten, Engineering-Roadmaps und sogar für die Software-Stack-Planung von Missionssoftware. Aus Wettbewerbsperspektive bedeutet das: Wer Robotik-Module modular auslegt, die sich in unterschiedlichen Missionsarchitekturen betreiben lassen, reduziert Risiko. Gleichzeitig wird Compliance relevanter, weil Schnittstellen, Datenhandling und Zugriffskontrollen im Betrieb klar nachweisbar sein müssen.
Am deutlichsten verdichtet sich der Trend in Richtung „Physical AI“ durch die finanzielle Schlagseite. Das deutsche Unternehmen Neura Robotics sicherte sich in einer Serie-C-Runde Investitionen in einer Größenordnung bis zu 1,3 Milliarden Euro; unter den Investoren werden unter anderem NVIDIA, Amazon und die Europäische Investitionsbank genannt. Neura positioniert dabei eine gemeinsame Intelligenz-Plattform für kognitive Roboter und berichtet von einem Auftragsbestand von über einer Milliarde Euro. Der Vergleich zu etablierten Wettbewerbern wie Astra ist instruktiv: Astra setzt nach der Privatisierung 2024 auf Automatisierung und will zugekaufte Software schrittweise durch hauseigene KI-Modelle ersetzen, die mit Unternehmensdaten trainiert werden. In Summe zeigt sich: Die nächste Welle ist weniger „ein Roboter“, sondern eine Plattformstrategie, die Daten, Training, Deployment und Betrieb zusammenführt.
Für Unternehmen ergibt sich daraus eine klare Agenda, insbesondere bei Security und Skalierung. Wenn Robotiksysteme KI-gestützt agieren, entstehen neue Angriffsflächen in Datenpipelines, Modell-Updates, Authentifizierung und Telemetrie. Gerade im Orbit oder auf dem Mond ist die Möglichkeit, nachträglich zu patchen, eingeschränkt, weshalb „Security by Design“ und formale Testsätze früh in die Entwicklung gehören. Zudem müssen Unternehmen darauf vorbereitet sein, KI nicht nur zu trainieren, sondern auch laufend zu überwachen, um Drift, Fehlinterpretationen oder unerwartete Zustände zu vermeiden. Experten erwarten in den kommenden Jahren, dass sich Standards für sichere Modellbereitstellung, Logging und Zugriffskontrolle durchsetzen – ähnlich wie sich bei Cloud-native Deployments der Fokus auf Observability und Governance etabliert hat. Der nächste Wettbewerbsvorteil entsteht also dort, wo Robotik, KI-Engineering und Sicherheitsarchitektur als zusammenhängender Stack gedacht werden.
Der Ausblick bis 2030 ist daher weniger eine Frage, ob Robotik „intelligent“ wird, sondern ob sie zuverlässig und wirtschaftlich wiederholbar wird. EROSS-SC, Orbit-Roboter auf der ISS, additive Fertigung im Parabelflug und Mond-Rover für Ressourcen legen gemeinsam die Grundlagen für servicefähige Missionen. Parallel treibt die Plattformisierung der „Physical AI“ den Zeithorizont nach vorne, weil sich Deployments ausrollen lassen, wenn Daten- und Betriebsmodelle standardisiert sind. Für Entwickler und IT-Entscheider in der Industrie bedeutet das: Wer heute die Integrationsfähigkeit von KI-Systemen in robuste Steuerungsumgebungen plant, sichert sich später die Option, neue Roboter- und Servicemodelle schneller in den Betrieb zu bringen. Unter diesen Bedingungen wird Automatisierung im All nicht nur Technik, sondern ein strategisches Industriefeld.
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