LONDON (IT BOLTWISE) – Das Institut der deutschen Wirtschaft erwartet bis 2036 einen Rückgang des Erwerbspersonenpotenzials um 6,9 Prozent und damit ein Minus von rund 4,3 Millionen Arbeitskräften. Unternehmen stehen damit unter Druck, Personal nicht nur nach Erfahrung, sondern mit belastbaren Planungsdaten zu steuern. Besonders betroffen sind Finanz- und Rechnungswesen sowie Teile des öffentlichen Dienstes, während neue Anforderungen durch ESG-Reporting und Digitalisierung den Bedarf weiter erhöhen. Der Artikel ordnet die Prognose ein und zeigt, wie HR- und IT-Teams Engpässe technisch und organisatorisch absichern können.

IW-Prognose: Bis 2036 fehlen 4,3 Millionen Fachkräfte – was HR jetzt planen muss
IW-Prognose: Bis 2036 fehlen 4,3 Millionen Fachkräfte – was HR jetzt planen muss (Foto: IT BOLTWISE)
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Der Arbeitsmarkt verschiebt sich in Deutschland spürbar: Eine aktuelle Prognose des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) geht davon aus, dass bis 2036 rund 4,3 Millionen Arbeitskräfte fehlen werden. Das entspricht einer Entwicklung von 2024 aus betrachtet um 1,3 Millionen mehr fehlende Kräfte. Treiber sind vor allem der demografische Wandel, eine geringere Zuwanderung sowie anhaltende wirtschaftliche Schwäche. Für Unternehmen bedeutet das weniger „Wellen“, die man aussitzen kann, sondern strukturelle Engpässe, die sich in Budgets, Projektrisiken und Service-Leveln niederschlagen. Gleichzeitig steigt der Erwartungsdruck: HR wird vom Personalbereich zum strategischen Planungsakteur.

Die Zahlen zeichnen ein klares Bild: Das Erwerbspersonenpotenzial soll von 55 Millionen im Jahr 2025 auf 51,2 Millionen im Jahr 2036 sinken – ein Minus von 6,9 Prozent. Bis 2045 könnte die Zahl sogar auf 50,4 Millionen fallen. Parallel schrumpft die Gesamtbevölkerung auf voraussichtlich 81,1 Millionen. Dieser Verlauf ist deshalb so relevant, weil Personalplanung häufig in Jahres- oder Quartalshorizonten denkt, während die Engpassdynamik langfristig wirkt. Hinzu kommt, dass das Arbeitsangebot nicht gleichmäßig verteilt ist: Regionen und Branchen mit spezifischen Qualifikationsprofilen spüren den Mangel typischerweise zuerst.

Vor diesem Hintergrund kommt eine zweite Ebene ins Spiel: Personalplanung ist nicht mehr nur eine Frage von Recruiting-Kapazitäten, sondern von Planungsqualität. In der Praxis zeigt sich, dass unbesetzte Stellen wirtschaftlich schnell teuer werden können. Wirtschaftsforscher beziffern den jährlichen Schaden durch vakante Positionen auf bis zu 50 Milliarden Euro, mit steigender Tendenz. Gerade dort, wo Fachkenntnisse schwer ersetzbar sind, reichen Schätzungen nach Bauchgefühl nicht aus. Moderne Unternehmen müssen Personalbedarf mit belastbaren Treibern verknüpfen, etwa Auslastungskennzahlen, Qualifikationsmatrizen, Projektpipelines und Fluktuationsraten. Damit wird HR-Planung zu einer datengetriebenen Disziplin.

Technisch betrachtet führt der Weg oft über Workforce-Analytics und Prognosemodelle, die Nachfrage- und Angebotsseiten zusammenführen. Künstliche Intelligenz kann dabei helfen, historische Muster zu erkennen, etwa welche Qualifikationen in welchen Projektphasen typischerweise Engpässe erzeugen. Im Vergleich zu rein regelbasierten Planungsansätzen bieten datenbasierte Forecasts den Vorteil, dass sie saisonale Effekte, Lastspitzen und reale Abgangsraten berücksichtigen können. Entscheidend ist jedoch die sichere Umsetzung: HR-Daten berühren in vielen Fällen personenbezogene Informationen, weshalb Datenschutzkonformität nach DSGVO und ein sauberes Berechtigungs- und Löschkonzept zentral sind. Zusätzlich braucht es robuste Architekturentscheidungen, damit Forecasts nicht zu „Black Boxes“ werden, die sich im Audit nicht erklären lassen.

Marktseitig ist der Engpass nicht überall gleich stark. Laut Branchenberichten sind im Finanz- und Rechnungswesen bereits im vergangenen Jahr mehr als ein Drittel der Unternehmen offene Stellen nicht besetzen konnten. In diesem Umfeld wurden 2025 rund 840.000 Stellen ausgeschrieben. Parallel verschieben neue Anforderungen durch Nachhaltigkeitsberichterstattung (ESG) und Digitalisierung den Qualifikationsmix: Es braucht nicht nur mehr Menschen, sondern andere Profile – etwa für Datenanalyse, Reporting-Prozesse, Governance und IT-nahe Fachrollen. In der Folge drohen überlastete Teams, verzögerte Jahresabschlüsse und steigende Personalkosten, weil fehlende Kapazitäten teure Umwege erzwingen.

Auch der Wettbewerb um Talente verschärft sich, weil Qualifikationen international knapp sind. Dabei konkurrieren Arbeitgeber zunehmend nicht nur „innerhalb“ eines Landes, sondern auch mit global agierenden Tech- und Dienstleistungsunternehmen, die erfahrene Spezialisten gezielt anziehen. In der Praxis ist es deshalb immer häufiger ein Zusammenspiel aus Employer Branding und Verfügbarkeit: Wenn etwa große Technologie- oder Cloud-Anbieter mit hohen Recruiting-Budgets um Data- und Security-Profile werben, geraten kleinere Organisationen in eine defensive Lage, selbst wenn sie fachlich attraktiv sind. Experten berichten zudem, dass Soft-Faktoren wie Entwicklungsperspektiven, Work-Life-Modelle und transparente Karrierepfade im Tagesgeschäft oft ausschlaggebender sind als reine Gehaltszahlen.

Der demografisch bedingte Druck erreicht dabei auch öffentliche Strukturen. Eine Umfrage unter norddeutschen Kommunen deutet Mitte Juni auf akute Engpässe bei Ingenieuren, IT-Experten und Sozialfachkräften hin. Städte wie Lübeck, Kiel und Flensburg nennen Probleme bei der Stellenbesetzung; bundesweit könnten bis 2030 rund 731.000 Verwaltungsbeschäftigte fehlen. Das zeigt: Der Mangel ist nicht nur ein Unternehmensproblem, sondern ein Risiko für öffentliche Leistungsfähigkeit. Hinzu kommen sektorale Besonderheiten, etwa in der Gastronomie, in der Berichten zufolge ein erheblicher Anteil der Küchenbetriebe unter Personalmangel leidet. Für HR bedeutet das: Planung muss resilient gegenüber heterogenen Nachfrage- und Serviceanforderungen sein.

Was die Politik tun müsste, wird in der Diskussion relativ konsistent: verstärkte Anwerbung ausländischer Fachkräfte, höhere Erwerbsbeteiligung von Frauen mit Migrationshintergrund sowie Steuersenkungen, die längere Arbeitszeiten ermöglichen. Auch die Idee, die Lebensarbeitszeit zu verlängern und Teilzeit gezielt aufzustocken, wird als Hebel genannt. Gleichzeitig warnen Sozialversicherungsträger vor Folgeeffekten in die Finanzierungssysteme: Die Rentenversicherung sieht steigende Beitragssätze im Raum, unter anderem wegen geplanter Kürzungen der Bundeszuschüsse für 2027. Konkret wird ein möglicher Anstieg des Beitragssatzes von 18,6 auf 18,8 Prozent diskutiert, obwohl für Juli 2026 bereits eine Rentenerhöhung von 4,2 Prozent vorgesehen ist. Damit wird Personalpolitik indirekt zu einer Frage der gesamtwirtschaftlichen Stabilität.

Der Ausblick lautet damit: Engpässe werden nicht kurzfristig verschwinden, sondern die Planungs- und Steuerungsarchitektur vieler Organisationen verändern. Für Unternehmen bedeutet das, dass Workforce-Planung stärker in operatives Management integriert werden muss: Projektportfolios, Nachschub über Aus- und Weiterbildung, interne Mobilität und Recruiting-Zyklen sollten mit klaren Kennzahlen verknüpft sein. Gleichzeitig müssen HR-IT-Teams Governance schaffen, damit datengetriebene Entscheidungen nachweisbar, nachvollziehbar und datenschutzkonform sind. Wer diese Kombination aus Strategie, Technik und Compliance früh aufsetzt, kann aus dem Engpass sogar Wettbewerbsvorteile ableiten – etwa durch schnelleres Erkennen von Qualifikationsrisiken und eine stabilere Einsatzplanung. Der „nächste Schritt“ ist weniger ein einzelnes Tool, sondern ein durchgängig gepflegtes, sicheres Planungssystem.


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