BERN / LONDON (IT BOLTWISE) – Der Handels- und Industrieverein des Kantons Bern (HIV) lehnt den Vorentwurf für ein neues Bundesgesetz zur nachhaltigen Unternehmensführung (NUFG) ab. Der Verband kritisiert vor allem das geplante Aufsichtssystem und ein steigendes Haftungsrisiko als unverhältnismäßig. Gleichzeitig zeigen Umfragedaten: 78 Prozent der Führungskräfte verknüpfen demokratische Stabilität direkt mit Unternehmens-Erfolg. Parallel verschiebt sich die Praxis der Nachhaltigkeitsberichterstattung hin zu Schulungen und zunehmend auch KI-gestützten Managementprozessen.

Der Ton in der Schweizer Wirtschaftslandschaft wird spürbar schärfer, wenn es um Nachhaltigkeitsregeln geht. Der Handels- und Industrieverein des Kantons Bern (HIV) positioniert sich gegen nationale Alleingänge und lehnt den Vorentwurf für ein Bundesgesetz über die nachhaltige Unternehmensführung (NUFG) konsequent ab. Mitte Juni bezeichnete der Verband das Vorhaben als unverhältnismäßig, insbesondere wegen der vorgeschlagenen Aufsicht und der damit verbundenen neuen Haftungslogik. Für Unternehmen ist das mehr als ein politisches Streitfeld: Es geht um Planungssicherheit, Investitionshorizonte und darum, wie belastbar Governance-Prozesse in den nächsten Jahren bleiben.
Technisch betrachtet ist Nachhaltigkeits-Compliance mittlerweile weniger ein „Berichtsthema“ und mehr ein Steuerungs- und Kontrollsystem, das Datenquellen, Workflows und Nachweisführung miteinander verbindet. Genau dort setzt die Kritik des HIV an: Ein neues Aufsichtssystem kann die gesamte Compliance-Pipeline verlängern, weil Unternehmen Ereignisse, Maßnahmen und Bewertungen künftig stärker dokumentieren und nachvollziehbar machen müssen. Der Verband argumentiert zudem, dass die internationale Basis unsicher sei und die einschlägige EU-Richtlinie (CSDDD) bereits mehrfach angepasst wurde. Stattdessen fordert der HIV eine Weiterentwicklung bestehender Regeln im Obligationenrecht, um Verwaltungsaufwand und Umsetzungsrisiken zu begrenzen.
Dass demokratische Stabilität als Erfolgsfaktor wahrgenommen wird, ist dabei nicht nur rhetorisch. Eine YouGov-Umfrage unter 505 Führungskräften liefert konkrete Prozentwerte: 78 Prozent sehen einen direkten Zusammenhang zwischen demokratischer Stabilität und Unternehmenserfolg, 44 Prozent betrachten politische Stabilität als grundlegende Voraussetzung für Planungssicherheit. Knapp jeder zehnte Befragte stuft sie sogar als geschäftskritisch ein. Besonders interessant ist der zweite Signalstrang: 62 Prozent bewerten den Einfluss demokratiefeindlicher Akteure als Risiko für die wirtschaftliche Entwicklung. Genau diese Wahrnehmung trifft in der Praxis auf reale regulatorische Unsicherheit—und verstärkt den Druck, Compliance nicht nur „irgendwie“, sondern robust und auditierbar aufzubauen.
Während in Bern ein neues Gesetz in Frage gestellt wird, zeigt der globale Blick, dass Nachhaltigkeit organisatorisch längst in die Breite drängt. Das vietnamesische Pharmaunternehmen Imexpharm wurde im Juni als eines der 50 nachhaltigsten Unternehmen des Landes ausgezeichnet, vor allem in den Bereichen Produktqualität und Unternehmensführung. Laut Kontext findet das im Rahmen einer strategischen Neuausrichtung statt: Livzon Pharmaceutical Group übernahm im Mai eine Mehrheitsbeteiligung von 67,87 Prozent. Parallel zur Regulierungsdebatte ändern sich auch die Werkzeuge der Berichterstattung. Schulungen wie jene der GFU Cyrus AG adressieren unter anderem KI-gestützte Nachhaltigkeitsberichte und den Aufbau von Managementsystemen. Ergänzend weiten auch akademische Anbieter Programme aus; im Markt konkurrieren dabei ähnliche Formate von Trainings- und Beratungshäusern, etwa die großen Professional-Services-Anbieter, die häufig parallel Metrik- und Prozessarchitekturen vermitteln.
Auch die Debatte um KI-gestützte Steuerung ist inzwischen eng mit Haftungsfragen verknüpft. In der aktuellen Diskussion betont Historiker Yuval Noah Harari die Gefahr, dass KI-Agenten ohne klare menschliche Verantwortung handeln und dadurch Gesetzeslücken ausnutzen könnten. Sinngemäß warnte er: „Wenn niemand konkret verantwortlich ist, werden Regeln zu einer Empfehlung—und genau daraus entstehen neue Risiken.“ In der Unternehmenspraxis heißt das: Wer KI-Workflows für Nachhaltigkeitsdaten, Lieferkettenbewertungen oder Risikoanalysen einsetzt, muss Transparenz und Verantwortungszuordnung technisch und organisatorisch absichern. Das reicht von Rollenmodellen bis zur Frage, welche Entscheidungen tatsächlich automatisiert freigegeben werden dürfen und wie Audits die Modell-Outputs nachvollziehen.
Praktisch wird die Lage dadurch zweigeteilt: Während Governance diskutiert wird, entstehen in Industrieprojekten konkrete Alternativen und messbare Ergebnisse. So arbeitet das Fraunhofer CCPE im Projekt CircularInFoam an halogenfreien Dämmstoffen auf Basis von Polymilchsäure (PLA). Erste Resultate deuten darauf hin, dass die Wärmeleitfähigkeit nachhaltiger Alternativen bereits das Niveau herkünftiger EPS-Systeme erreichen kann. Für Unternehmen ist das besonders relevant, weil Nachhaltigkeits-Compliance zunehmend auf technische Nachweise trifft und nicht nur auf Selbstberichte. Genau hier können Managementsysteme, Kennzahlenmodelle und Dokumentationsstandards zusammen mit KI-gestützten Auswertungen den Aufwand reduzieren—sofern die Haftungs- und Aufsichtslogik klar geregelt bleibt. Der nächste Entwicklungsschritt wird daher weniger eine rein politische Entscheidung sein, sondern ein Wettbewerb um belastbare Betriebsmodelle: Wer seine Datenflüsse, Nachweispflichten und Verantwortlichkeiten früh so gestaltet, dass Auditfähigkeit und Sicherheitsanforderungen zusammenpassen, verbessert seine Resilienz gegenüber künftigen Regelanpassungen.
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