LONDON (IT BOLTWISE) – Beim Onboarding werden neue Mitarbeitende oft mit „first-day“-Passwörtern gestartet, die per E-Mail oder SMS verteilt werden. Genau diese Praxis erhöht das Risiko, dass temporäre Codes unbemerkt dauerhaft aktiv bleiben. Der Beitrag zeigt, warum Standardwege wie Weitergabe, fehlendes Zurücksetzen oder vergessene Default-Credentials Angreifern Tür und Tor öffnen. Gleichzeitig wird eine sicherere Alternative beschrieben, bei der Nutzende ihre Passwörter im Rahmen eines geschützten Enrollment-Prozesses selbst setzen.

In der IT-Praxis ist das Onboarding ein Engpass: Neue Mitarbeitende brauchen Geräte, Konten, Rollen und den ersten Zugriff – möglichst schnell und ohne Reibungsverlust für Fachbereiche. Genau an dieser Stelle entstehen jedoch häufig Sicherheitslücken, die eher aus Betriebslogik als aus böser Absicht entstehen. Wenn „first-day“-Passwörter per E-Mail oder SMS übermittelt werden, geraten die Credentials in einen Kommunikationskanal, der sich außerhalb direkter IT-Kontrolle befindet. Selbst wenn Passwörter als temporär gedacht sind, werden sie in der Realität oft weitergereicht, wiederverwendet oder nie korrekt zurückgesetzt.
Der typische Ablauf wirkt auf den ersten Blick harmlos: IT erstellt ein Erstpasswort, sendet es an die neue Person und hofft, dass im Anschluss beim ersten Login ein Reset erfolgt. Technisch liegt das Problem weniger im Konzept „Passwort“ an sich, sondern in der Lifecycle-Kette vom Generieren über das Übermitteln bis zum Erzwingen der Änderung. Wenn die Änderung entweder nicht zuverlässig durchgesetzt wird oder Mitarbeitende aus Zeitgründen den Reset verzögern, bleibt ein ursprünglich kurzfristiger Mechanismus als dauerhafte Schwachstelle bestehen. Zusätzlich verstärkt sich das Risiko, sobald das Passwort für mehrere Konten genutzt wird oder wenn Tickets/Benachrichtigungen in unsicheren Umgebungen landen.
Als praktischer Vergleich zeigt sich: Die Weitergabe in Klartext per E-Mail oder SMS reduziert zwar den operativen Aufwand, erhöht aber die Angriffsfläche durch Abfangen, Fehlzustellung oder Zugriff über ungesicherte Endgeräte. Eine „mündliche“ Übergabe etwa per Telefon senkt zwar das Risiko der digitalen Abhörbarkeit, schafft aber neue Sicherheits- und Prozessprobleme. Sobald Dritte involviert sind – etwa Manager, Dienstleister oder andere Kommunikationswege – steigt die Wahrscheinlichkeit für menschliche Fehler, verspätetes Zurücksetzen oder Dokumentationsreste, die später nicht mehr auffindbar sind. Genau hier wird deutlich, dass skalierbare Sicherheit im Onboarding nicht allein durch „wie man informiert“ gelöst wird, sondern durch ein Design, das den Credential-Übergabeprozess minimiert.
Eine sicherere Herangehensweise setzt bei der Wurzel an: statt vorab ein temporäres Passwort zu verteilen, wird das Erstpasswort im Rahmen eines geschützten Enrollment-Prozesses erzeugt. In diesem Modell erhält die neue Person einen Enrollment-Link über einen persönlichen Kanal wie E-Mail oder Mobilnummer oder nutzt eine „reset my password“-Option direkt auf dem domänengebundenen Gerät. Entscheidend ist die Identitätsprüfung vor der Erstellung des endgültigen Passworts und die Durchsetzung der Passwort-Richtlinien ab dem ersten Moment. Für IT-Teams bedeutet das, dass keine Klartext-Weitergabe mehr organisiert werden muss; für neue Mitarbeitende sinkt die Wahrscheinlichkeit, dass sie ein „first-day“-Token übersehen und ein dauerhaft gültiges Default-Passwort hinterlassen.
Der Sicherheitsnutzen wird besonders dann greifbar, wenn man auf die historische Entwicklung schaut. In vielen Unternehmen wurden anfänglich Default-Credentials eingesetzt, um Massen-Deployments zu beschleunigen oder Fabrik-ähnliche Prozesse im Identity-Bereich zu vereinfachen. Spätestens seit den großen Sicherheitsinitiativen rund um „Zero Trust“ und kontinuierliche Zugriffskontrollen ist klar: Standard- oder Testwerte dürfen nicht unendlich lange in produktiven Systemen leben. Passwörter sind zwar auch heute noch zentral, selbst wenn passkey- oder passwordless-getriebene Strategien wachsen. Daraus folgt eine harte Konsequenz für den Betrieb: Der Credential-Lifecycle muss so gestaltet sein, dass „vergessen“ nicht zu „kompromittiert“ wird.
Marktseitig zeigt sich, dass die Richtung klar ist: Identity-Anbieter und Security-Plattformen kombinieren zunehmend Enrollment, Policies und Durchsetzung in integrierten Workflows. Wettbewerber wie Microsoft mit seinen Identitäts- und Lifecycle-Funktionen sowie Anbieter im IAM-Ökosystem (z. B. Okta-ähnliche Ansätze) setzen ebenfalls auf kontrollierte Identitätsflüsse statt auf manuelle Passwortübergaben. Wie Sicherheitsforscher in Brancheninterviews betonen, liegt der Haupthebel weniger in „stärkerer Komplexität“ einzelner Passwörter, sondern in der Reduktion riskanter Übergabemomente und in verlässlicher Reset-Policy. Genau diesen Effekt zielt das Konzept ab, temporäre Credentials als eigenständige Angriffsressource möglichst zu eliminieren.
Konkrete Vorfälle unterstreichen die Relevanz. Im November 2023 wurde die Municipal Water Authority of Aliquippa in Pennsylvania von einer iranisch verlinkten Hacktivistengruppe angegriffen; die Täter nutzten Default-Credentials, die in Steuerkomponenten (PLCs) für eine entfernte Booster-Station hinterlegt waren. Über die veralteten Standardzugänge konnten sie Einfluss auf Systeme nehmen, die mit der offenen Internetanbindung der Infrastruktur verknüpft waren. Obwohl keine direkte Gefahr für die Wasserversorgung entstand, löste der Vorfall eine Sicherheitswarnung aus, die andere Einrichtungen zu Updates und zur Abschottung solcher Komponenten antrieb. Das Muster ist typisch: Ein zunächst „für den Start“ vorgesehenes Passwort bleibt produktiv aktiv – und wird so zur dauerhaften Einstiegsschiene.
Auch im kommerziellen Umfeld ist das Problem greifbar: Im Jahr 2025 meldeten Forschende, dass eine KI-gestützte Hiring-Plattform namens McHire über ein schwaches Legacy-Admin-Konto zugänglich gewesen sein soll, das offenbar mit „123456“ als Benutzername und Passwort abgesichert war. Die Plattform, die durch ein Unternehmen wie Paradox.ai betrieben wird, verarbeitet im Recruiting-Kontext große Mengen an Bewerberdaten. Mit den Default-Credentials konnten Forschende zumindest eine Test-Umgebung erreichen und Inhalte einsehen, die mit sehr vielen Bewerbungen verknüpft waren. Paradox.ai reagierte nach verantwortungsvoller Offenlegung und schloss die Schwachstelle, doch der Vorfall zeigt, wie leicht „vergessene“ Default- oder Testzugänge zu realen Exponierungen werden, wenn sie mit Live-Systemen verbunden sind.
Aus Unternehmersicht lohnt sich der Blick darauf, wie sich ein „Day-one“-Reset in den größeren IAM-Betrieb einfügt. Wenn Enrollment-Links und Identitätsprüfungen sauber integriert sind, lassen sich Auditierbarkeit, Compliance-Anforderungen und Breached-Password-Erkennung besser operationalisieren. Zudem reduziert sich die Last für Helpdesk-Teams, weil sie weniger Passwort-Rücksetzungen und weniger Rückfragen zu temporären Codes bearbeiten müssen. Ein weiterer Vorteil ist die bessere Skalierbarkeit in großen Onboarding-Wellen, in denen IT sonst unter Zeitdruck eher zu schnellen, aber riskanten Workarounds greift. Damit wird Onboarding nicht nur sicherer, sondern auch planbarer.
Für die Zukunft ist entscheidend, dass das Thema Credentials nicht verschwindet, sondern sich verschiebt: Passkeys und passwordless Authentication werden zwar verbreiteter, aber sie lösen nicht automatisch alle Übergabefragen im Lifecycle, insbesondere bei Erstzugriffen, gerätegebundenen Konfigurationen und Drittzugängen. Daher wird die nächste Generation sicherer Onboarding-Prozesse vermutlich stärker auf Policy-gestützte Enrollment-Flüsse setzen, die frühzeitig festlegen, wie Identität verifiziert wird und welche Passwortrichtlinien gelten. Wer Entwickler- und Security-Teams koordinieren muss, sollte außerdem darauf achten, dass die Lösung in bestehenden Verzeichnis- und Deployment-Strukturen funktioniert und dass Logging und Zugriffskontrollen konsistent bleiben. Insgesamt zeigt die Meldung: **Sicheres Onboarding beginnt nicht beim zweiten Login, sondern beim ersten Kontakt mit dem Identitätssystem.**
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