DRESDEN / LONDON (IT BOLTWISE) – In Dresden-Prohlis entsteht mit „Plattenspieler:innen“ eine Stadtteiloper, die Kinder und Erwachsene gemeinsam mit Profis auf die Bühne bringt. 350 Laien, überwiegend junge Mitwirkende, arbeiten an einem Musiktheaterstück, das den Halley’schen Kometen als Zeitreisender durch Epochen führt. Dabei greift das Projekt „Musaik – Grenzenlos musizieren“ gezielt gesellschaftliche Fragen nach Heimat, Fremde und Wandel auf. Zusätzlich wird ein historisch gewachsenes Sozialmodell wie „El Sistema“ lokal weitergedacht – inklusive Spendenaufruf für Ausstattung und Kulissen.

Während Opernhäuser vielerorts um Relevanz ringen und sich neue Formate zwischen Klassik und Gegenwart neu erfinden müssen, geht Dresden-Prohlis einen anderen Weg: Hier wird Kultur nicht nur präsentiert, sondern als gemeinschaftliche Produktionsform organisiert. Das Projekt „Musaik – Grenzenlos musizieren“ schreibt damit seit Jahren an einer Art lokaler Werkstatt für musikalisches Miteinander. Im nächsten Schritt erhält das von Plattenbauten geprägte Viertel eine eigene „Stadtteiloper“: „Plattenspieler:innen“. Das Stück verlagert die Bühne nach draußen in den Stadtteilkern – und richtet die Aufmerksamkeit zugleich auf Fragen nach Heimat, Zugehörigkeit und dem Umgang mit dem Unbekannten.
Zentral ist die Dramaturgie, die bewusst spielerisch mit großer Weltliteratur und Physik im Kleinformat arbeitet. In „Plattenspieler:innen“ verliert der Halley’sche Komet ein Stück von sich selbst – Halley, einen singenden Stein. Dieser landet in Dresden-Prohlis und zeigt im Zeitraffer, wie aus einer urzeitlichen Siedlung eine lebendige Stadt wird. Eine Nachrichtensendung aus dem Jahr 2061 rahmt das Geschehen und erzählt, wie Halley durch die Epochen reist und dabei Menschen trifft. Damit verbindet das Werk erzählerische Dynamik mit einem klaren didaktischen Impuls: Geschichte wird nicht nur betrachtet, sondern durch musikalisches Handeln „durchgespielt“.
Technisch betrachtet ist das Projekt vor allem ein Produktions- und Integrationssystem für viele Beteiligte – von der Probenlogistik bis zur Rollenverteilung im Zusammenspiel. Geplant sind Aufführungen an einem Freitag und Samstag, bei denen mehrere Kunstformen ineinandergreifen: Live-Animation, Schauspiel, Tanz und Chor arbeiten mit einem musikalischen Kern, der bewusst über Jahrhunderte hinweg denkt. Laut Musaik-Sprecherin Heike Bronn reicht das Spektrum von Händels „Wassermusik“ bis zu Richard Strauss’ „Also sprach Zarathustra“; die Stilbrüche werden dabei nicht geglättet, sondern dramaturgisch genutzt. Im Hintergrund steht ein 130-köpfiges „Musaik“-Orchester, das mit weiteren Ensembles zusammenarbeitet – und so die musikalische Qualität als gemeinsame Klammer stabilisiert.
Die Beteiligung ist weit mehr als „Mitmachen als Publikum“. 350 Laien, überwiegend Kinder, aber auch Erwachsene, entwickeln das Musiktheaterstück gemeinsam mit Profis. Besonders wichtig ist die Kopplung zwischen Ausbildung und Bühne: Neben Mitgliedern der Staatskapelle Dresden wirken Ensembles der evangelischen Kirchgemeinde Prohlis sowie Chöre mit. Dazu kommen 150 Kinder aus einer Prohliser Grundschule und einer Oberschule. Für eine Organisation, die so viele Biografien und Ausbildungsstände zusammenbringt, braucht es klare pädagogische Schnittstellen: Proben müssen nicht nur musikalisch, sondern auch sprachlich, altersgerecht und gruppenübergreifend funktionieren. Zusätzlich ist das Publikum explizit zur Mitwirkung angehalten – eine Form von Interaktivität, die das Projekt von klassischen Konzertformaten abgrenzt.
Ein ordnender Blick auf den Ursprung hilft, die Reichweite des Ansatzes einzuordnen. „Musaik“ entstand 2017 nach dem Vorbild von „El Sistema“ aus Venezuela – einem Modell, das Kindern aus einkommensschwachen Familien kostenlos Musikunterricht und Instrumente ermöglicht. Zwei Musikerinnen aus Dresden, Luise Börner und Deborah Oehler, hatten „El Sistema“ in Peru bereits ähnlich erlebt und den Ansatz auf Prohlis übertragen: Anfangs unterrichteten sie in einem früheren Eisladen im Einkaufszentrum. Heute tragen 15 Lehrkräfte aus fünf Nationen die Ausbildung in Streich- und Blasinstrumenten. Diese historische Kontinuität macht klar, dass die Oper nicht als isolierter Kulturbetrieb gedacht ist, sondern als sichtbarer Höhepunkt einer längerfristigen Infrastruktur.
Gerade weil das Projekt tief in sozial benachteiligte Milieus hineinwirkt, wird der gesellschaftliche Nutzen zum eigentlichen „Business Case“. Tim Vollmann, der das Büro des Vereins betreut, betont, dass das Orchester helfen kann, Vorurteile gegenüber Unbekannten und Fremden abzubauen und ein Klima respektvollen Miteinanders und Achtsamkeit zu schaffen. Das ist zugleich eine Markt- und Netzwerkfrage, denn professionelle Partner wie die Staatskapelle Dresden unterstützen „Musaik“ seit längerem. Dass die Gründerinnen inzwischen mit dem Verdienstkreuz am Bande der Bundesrepublik Deutschland geehrt wurden, zeigt: Kulturarbeit wird hier auch als langfristige Gemeinschaftsleistung verstanden, nicht nur als kurzfristiges Projekt. Im Vergleich zu anderen Community-Programmen setzt „Musaik“ besonders stark auf die Verknüpfung von Ausbildung, sozialer Integration und öffentlicher Sichtbarkeit.
Für die Oper als Produkt folgt daraus eine klare operative Herausforderung: Ausstattung und reale Materialien müssen mit dem Produktionskalender zusammenpassen. Der Aufruf lautet entsprechend: „Machen Sie die Stadtteiloper bunt!“ Für die Aufführungen werden Kosten für etwa 100 Schulkinder veranschlagt; außerdem werden T-Shirts, Leggins und Schürzen benötigt. Ein Kostüm ist mit 20 Euro geplant, damit Kinder Material bekommen, um die Inszenierung selbst mitzugestalten. Mit Farbe und Pinsel sollen sie aus Bananenkisten ein Schloss bauen, aus Holz und Glitzerpapier entsteht ein „Zukunftsstudio“, und aus Goldfolie sowie einer Nebelmaschine eine „Zeitreisemaschine“. Solche Elemente sind mehr als Deko: Sie machen Lernprozesse sichtbar und stärken Identifikation im Quartier.
In der Zukunft dürfte „Musaik“ vor allem dann Wirkung entfalten, wenn ähnliche Projekte die Skalierbarkeit sozialer Kulturformate ernst nehmen. Prohlis hatte bereits gezeigt, dass große Klang- und Bühnenformate im Stadtteil funktionieren: 2020 kletterten Musiker der Dresdner Sinfoniker auf Dächer mehrerer Hochhäuser und machten das Viertel zu einem Konzerthaus unter freiem Himmel („Himmel über Prohlis“). Diese Tradition deutet an, dass sich die „Stadtteiloper“ als wiederholbares Muster etablieren kann. Gleichzeitig sollten organisatorische Aspekte wie Datenschutz und Schutzkonzepte für Kinder und Jugendliche früh mitgedacht werden – etwa bei Bild- und Tonaufnahmen, Einwilligungen und der sicheren Verarbeitung von Kontaktdaten für Probenkommunikation. Wenn das gelingt, kann die Stadtteiloper nicht nur Dresden-Prohlis bereichern, sondern als Blaupause dienen, wie Kultur, Integration und Infrastruktur zusammenwachsen.
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