BERLIN / LONDON (IT BOLTWISE) – Berlin will mit einer „Deep Tech Berlin Agenda“ die technologieorientierte Innovationspolitik der nächsten zehn Jahre ausrichten. Die Senatsinitiative soll den wachsenden Deep-Tech-Sektor stärken und damit die Wettbewerbs- sowie Zukunftsfähigkeit sichern. Im Zentrum stehen Künstliche Intelligenz, Biotechnologie und Mikroelektronik – also Schlüsseltechnologien, die Prozesse und Produkte langfristig verändern. Damit reagiert die Stadt auch auf den intensiven globalen Wettbewerb um Forschung, Talente und Investitionen.

Berlins „Deep Tech“-Agenda: KI, Biotech und Mikroelektronik als Wachstumsstrategie
Berlins „Deep Tech“-Agenda: KI, Biotech und Mikroelektronik als Wachstumsstrategie (Foto: IT BOLTWISE)
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Berlin steht nach Einschätzung des Senats vor einem klaren Zielkonflikt: Die Stadt will ihre wirtschaftliche Dynamik halten, zugleich aber den technologischen Kern der Wertschöpfung stärker absichern. Genau hier setzt die von der schwarz-roten Landesregierung beschlossene „Deep Tech Berlin Agenda“ an, die den Rahmen für die technologieorientierte Innovationspolitik für die kommenden zehn Jahre definieren soll. Wirtschaftssenatorin Franziska Giffey verortet Deep Tech als besonders wachstumsrelevanten Bereich, weil dort wissenschaftsbasierte Grundlagenforschung direkt in Produkte, Verfahren und Prozesse mündet. Der politische Impuls ist damit weniger „Event-getrieben“, sondern eher als industriefähiger Plan für Entwicklungspipelines angelegt.

Technisch betrachtet zielt die Agenda auf Technologieklassen, die in der Regel mehrere Entwicklungsstufen benötigen: von der Forschung über Prototypen und Validierung bis zur Skalierung in industrielle Prozesse. Das gilt besonders für Mikroelektronik, wo aus Material- und Designstudien schließlich Fertigungs- und Testprozesse werden müssen, die robuste Leistungsdaten liefern und sich in Produktionslinien integrieren lassen. In der Biotechnologie entscheidet die Qualität von Labor- und Herstellungsprozessen über die Übertragbarkeit in klinische oder industrielle Anwendungen. Bei Künstlicher Intelligenz geht es zusätzlich um Datenqualität, Modell-Sicherheit und die Einbettung in bestehende IT- und Automatisierungslandschaften. Damit ist das Vorhaben technisch anspruchsvoll – und fordert eine durchgängige „Engineering“-Kette, nicht nur Fördermittel.

Im Marktumfeld verschärft sich dieser Anspruch durch parallele Initiativen anderer europäischer Hubs. Wettbewerber wie Paris-Saclay, das französische Scale-up- und Forschungsökosystem rund um große Universitäten sowie staatlich unterstützte Programme setzen seit Jahren auf beschleunigte Translation von Forschung in industrielle Pilotlinien. Auch in den Niederlanden oder im skandinavischen Raum werden Deep-Tech-Ansätze oft mit klaren regulatorischen Fahrplänen und beschleunigten Testumgebungen kombiniert. Berlin betont zwar, dass es im europäischen Vergleich bereits „sehr gut dasteht“, muss aber dennoch zeigen, dass es aus Ideen schneller Unternehmen mit belastbaren Produktpfaden macht. Gerade hier entscheidet die Timing-Frage: Deep Tech gewinnt oder verliert häufig bei der Zeit bis zur Marktreife, nicht nur beim Forschungsoutput.

Blickt man auf die von Giffey genannten Beispiele, wird die Zielrichtung greifbarer: Ein Verfahren zur Ermittlung des Blutzuckerspiegels ohne Stich in die Haut deutet auf Fortschritte in Sensorsystemen, Signalverarbeitung und Modellierung hin, die klinisch relevant sein können. Eine pinguin-förmige Drohne, die unbemannt unter Wasser Flugzeugwracks identifizieren oder vermisste Personen lokalisieren kann, verweist auf Robotik, autonome Navigation, robuste Sensorik sowie die zuverlässige Datenfusion in anspruchsvollen Umgebungen. Der gemeinsame Nenner solcher Vorhaben ist, dass sie sich nicht allein durch Softwarelogik lösen lassen, sondern Hard- und Software zusammenbringen müssen. Damit rückt für Unternehmen auch die Frage nach Skalierbarkeit in den Vordergrund: Wie werden Prototypen in Kleinserien überführt, wie werden Qualitätsanforderungen abgesichert und wie integriert man die Systeme in bestehende Betreiber- oder Industrieprozesse.

Für den Unternehmensmarkt bedeutet die Agenda vor allem Planungssicherheit und potenziell bessere Zugänge zu Infrastruktur und Talenten. Wenn in Berlin – je nach Zählweise – zwischen 600 und 1.000 Deep-Tech-Unternehmen aktiv sind, entsteht ein Ökosystem, in dem Kooperationen, aber auch Spezialisierung funktionieren müssen: Startups benötigen experimentelle Labor- und Testumgebungen, etablierte Konzerne brauchen reproduzierbare Evidenz und klare Übergabepfade in Produktion oder Betrieb. Gleichzeitig sollten Förder- und Innovationsinstrumente stärker auf „Metriken“ der Weiterentwicklung ausgerichtet sein, etwa auf Validierungsstufen, Time-to-Proof-of-Concept und robuste Betriebskennzahlen. Experten berichten in diesem Kontext häufig, dass Deep-Tech-Förderung erst dann volkswirtschaftlich wirkt, wenn sie Engpässe adressiert, die zwischen Forschung und Einsatz liegen – von der Zulieferkette bis zur technischen Dokumentation.

Aus regulatorischer und datenschutzbezogener Sicht verschiebt sich mit mehr KI- und Biotech-Aktivität naturgemäß auch die Sicherheitsverantwortung. Gerade datenintensive KI-Anwendungen müssen in der Praxis mit Datenschutzanforderungen, Governance für Trainings- und Nutzungsdaten sowie Sicherheitskonzepten für Deployment und Betrieb zusammengeführt werden. Bei Biotechnologie wiederum spielen Qualitätsmanagement und Nachweispflichten eine Rolle, ebenso wie die sichere Handhabung sensibler Betriebs- und Forschungsdaten. Für die Mikroelektronik schließlich können Lieferketten- und Vertrauensfragen relevant werden, weil Produktions- und Testprozesse eine hohe Abhängigkeit von Werkzeugen, Know-how und Komponenten erzeugen. Wenn Berlin den Anspruch erhebt, Innovationsstandort Nummer eins in Europa zu werden, führt daran kein Weg vorbei: Die Agenda muss technische Exzellenz mit belastbaren Sicherheits- und Compliance-Strukturen verbinden, damit Erfolge nachhaltig bleiben und nicht nur kurzfristig sichtbar sind.


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