BERLIN / LONDON (IT BOLTWISE) – GhostTree zeigt, wie Angreifer eine native Windows-Funktion missbrauchen können, um Sicherheitsscanner in Endlosschleifen zu treiben. Grundlage sind rekursive NTFS-Junctions, die beim Routinescan extrem viele Pfade erzeugen und so die Analyse überlasten. Nach der Veröffentlichung hat Microsoft sein Verhalten bei rekursiven Junctions angepasst, jedoch bleibt das Muster für zukünftige Umgehungen relevant. Der Bericht verknüpft die GhostTree-Reihe mit weiteren aktuellen Windows-Angriffen von ESET, DragonForce und Symantec.

GhostTree macht auf eine unangenehme Sicherheitsrealität aufmerksam: Nicht nur Exploits im engeren Sinn sind gefährlich, sondern auch die Art, wie Endpunkte grundlegende Betriebssystemfunktionen „korrekt“ interpretieren. Die Technik nutzt NTFS-Junctions, also legitime Verknüpfungen innerhalb des Dateisystems, um Scanner wie den Microsoft Defender gezielt auszubremsen. In der Praxis entsteht ein Denial-of-Service-Zustand für die Sicherheitsprüfung – und genau dadurch kann Malware länger unerkannt bleiben. Für Unternehmen ist das ein Warnsignal, dass Härtung nicht nur Patch-Management bedeutet, sondern auch die Annahmen über sichere Parser- und Traversal-Logik betrifft.
Technisch ist der Kern von GhostTree vergleichsweise anschaulich: Windows erlaubt Junctions, um Verzeichnisse zu „verlinken“, ohne dass sich der physische Ordnerinhalt ändern muss. Der Angriff setzt nun auf rekursive Strukturen, bei denen ein Ordner so auf sich selbst oder auf einen übergeordneten Pfad verweist, dass Traversal-Algorithmen in einer Schleife landen. Varonis beschreibt dafür eine Größenordnung von rund 8,5 x 10^37 gültigen Dateipfaden, die aus diesen Rekursionen ableitbar sind. Selbst wenn die Malware nur wenige Befehle benötigt und keine Administratorrechte fordert, reicht die daraus entstehende Scan-Überlastung oft aus, um die Erkennung zu sabotieren.
Der entscheidende Punkt für Sicherheitsarchitekten ist die Vergleichbarkeit zu anderen Umgehungsstrategien: GhostTree ist weniger „klassische“ Stealth-Technik als eine Manipulation des Analyseaufwands. Während viele Schutzmechanismen primär auf Signaturen oder heuristische Muster setzen, wird hier die Basisarbeit des Scanners angegriffen – also die Pfad-Expansion und die Logik zur Bearbeitung von Verweisen. Das ist ein typischer Schwachstellen-Nachbar von Parser- und Traversal-Schwächen: Nicht die Payload wird versteckt, sondern das sichere Durchlaufen wird verhindert. Branchenexperten bewerten das entsprechend als ein Risiko, bei dem sich „die Angriffsfläche in die Auswertefunktion verschiebt“; Varonis brachte diese Einschätzung sinngemäß auf den Punkt, dass rekursive Junctions den Scanablauf in eine nicht endende Zustandskette bringen können.
Microsoft hat nach der Veröffentlichung reagiert, indem das Betriebssystem sein Verhalten bei rekursiven Junctions angepasst hat. Interessant ist dabei die Einordnung: Der Konzern stufte das Problem zwar nicht als Sicherheitslücke im klassischen Sinne ein, änderte aber die Behandlung der rekursiven Pfade, um Sicherheitsscanner weniger leicht aus der Bahn zu werfen. Für IT-Teams heißt das: Das Patchen bleibt zentral, aber die reine „Office- oder Browser“-Fokusliste greift zu kurz. Auch Dateisystem- und Indexierungs-Subsysteme müssen im Monitoring von Änderungen berücksichtigt werden, weil genau dort Traversal-Risiken entstehen können. Gleichzeitig sollte man Annahmen über „Routinen können nicht scheitern“ aufgeben und Zeitlimits, Abbruchbedingungen sowie Umfangsbeschränkungen im Scanprozess prüfen.
Mit Blick auf den Markt zeigt die GhostTree-Enthüllung, wie Angreifer legitime Windows-Komponenten gegen Verteidiger wenden. Dieser Ansatz passt zu einer breiteren Beobachtung, die Forscher zuletzt auch an anderer Stelle beschrieben: ESET identifizierte neue Windows-Varianten der SprySOCKS-Malware (WIN_DRV und WIN_PLUS), die der Hackergruppe FishMonger bzw. Earth Lusca zugeschrieben werden. Dort kommt zusätzlich ein Kernel-Mode-Rootkit zum Einsatz, um Prozesse, Registrierungsschlüssel und Netzwerkverbindungen zu verschleiern – also wieder eine gezielte Beeinflussung der Beobachtbarkeit. In der Summe entsteht ein Bild, in dem „Sichtbarkeit“ nicht als gegeben betrachtet werden darf, sondern als Ergebnis einer Kette aus Betriebssystemlogik, EDR-Policy und Scanner-Implementierung.
Auch auf der Ransomware- und Initial-Access-Seite gibt es Parallelen. Wie aus der Branche berichtet wird, zweckentfremdet die DragonForce-Ransomware-Gruppe die Microsoft-Teams-Infrastruktur, um Kommunikation umzuleiten. In einem Fall gegen einen US-Dienstleister ab Dezember 2025 leitete die Gruppe mittels einer Go-basierten Hintertür die Verbindung zum Kommando-Server über Teams-TURN-Relays; laut Berichten handelt es sich um den ersten bekannten Einsatz dieser Infrastruktur zur Verschleierung des Malware-Traffics. Für Unternehmen ist das weniger ein „Teams-Problem“, sondern ein Integrationsproblem: Wenn Kommunikationskanäle als Betriebsartefakte in Sicherheitsdetektionen einfließen, können neue Umgehungswege genau diese Datenspuren verwischen. Daraus folgt ein praktischer Handlungsbedarf bei Telemetrie- und Netzwerk-Validierung.
Parallel dazu zeigt sich, dass die Angriffsoberfläche in Windows-Umgebungen auch über Open-Source-Werkzeuge schnell wächst. Anfang Juni erschien das Open-Source-Tool DPAPISnoop, das historische Passwort-Hashes aus Windows-Dateien extrahieren kann – sofern ein Master-Key erlangt wurde. Das erleichtert dann laterale Bewegung innerhalb von Netzwerken, weil kompromittierte Zugänge als Sprungbrett dienen. Für Sicherheits- und Compliance-Verantwortliche liegt hier die Schnittstelle zur Regulierung: Je nach Branche greifen Datenschutz- und Informationssicherheitsanforderungen, die u. a. Vertraulichkeit, Integrität und Verfügbarkeit von Identitätsdaten verlangen. In der Umsetzung bedeutet das: Segmentierung, Least Privilege, harte Schutzmaßnahmen für Credentials und eine saubere Incident-Response-Planung für den Fall, dass Hash-Extraktion in der Täterkette landet.
Für die nächsten Monate ist die wahrscheinlichste Entwicklung weniger „eine weitere Malware“, sondern eine Wiederholung des GhostTree-Prinzips in neuen Variationen. Wenn Scanner durch Traversal-Logik, Junction-Auswertung oder ähnliche Dateisystem-Mechanismen ausgebremst werden können, lohnt sich ein Blick auf Abbruchbedingungen, Pfadbegrenzungen und sichere Iterationsstrategien in Tools und Deployments. Unternehmen sollten zudem ihre Sicherheitsstrategie diversifizieren: EDR allein reicht selten, wenn der Erstzugriff und die Dateisystem-Analyse nicht robust gegen DoS-ähnliche Zustände sind. Entwickler können davon profitieren, indem sie Security-Checks in Pipelines integrieren, Timeouts und Ressourcenlimits testen und inhouse Validierungen für kritische Dateisystempfade automatisieren. So wird aus einem einzelnen GhostTree-Fall ein belastbarer Standard gegen kommende Umgehungen.
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