TEL AVIV / LONDON (IT BOLTWISE) – Der israelische Mathe-Edtech-Startup Vedic setzt bei „Math Anxiety“ nicht bei Defiziten an, sondern bei Timing und Kompetenzgefühl. Gründer Raphael Bernard lässt Lehrkräfte zunächst mentale Mathe-Tricks mit kleinen Gruppen vorführen und bricht das Erfolgserlebnis gezielt, um echtes Nachfragen auszulösen. Statt „Lösen für Punkte“ steht bei dem Ansatz die Neugier auf die Mathematik selbst im Mittelpunkt. Damit will Vedic das Mindset nachhaltig über Israel hinaus verankern.

„Ich bin schlecht in Mathe“ entsteht selten erst im Klassenzimmer, sondern oft deutlich früher: Schon ab der dritten Klasse formen Erfahrungen mit abstraktem Denken, die Verlagerung von zählenden Strategien und eine wachsende Angst vor Versagen den weiteren Bildungsweg. Genau an dieser Stelle setzt der israelische Edtech-Gründer Raphael Bernard mit seinem Startup Vedic an. In einem Interviewformat im Umfeld einer Branchen-Show erklärte Bernard, dass die Ursache weniger in mangelnder Begabung liege als im Moment, in dem Schülerinnen und Schüler ihre bekannten Hilfsmittel verlieren und sich von der Aufgabe innerlich distanzieren. Dieser Wechsel soll künftig aktiv gestaltet werden, nicht dem Zufall überlassen.
Technisch betrachtet handelt es sich bei Vedic weniger um eine klassische „Content-Plattform“, sondern um ein wiederholbares Unterrichts-Design mit klarer Lernlogik. Das Kernprinzip lautet „Trick first, explore later“: Lehrkräfte arbeiten in Klassen mit Gruppen von bis zu 15 Lernenden und starten bewusst mit einer mentalen Rechen-Überraschung, die sofort Erfolg und Staunen auslöst. Anschließend wird eine kontrollierte Bruchstelle geschaffen: Der Trick funktioniert nicht mehr, und genau dort beginnt die eigentliche Lernphase. Die Lernenden sollen nicht nur den nächsten Schritt auswendig lernen, sondern begründen, warum das Ergebnis kippt, und den Weg selbst rekonstruieren.
Das ist auch deshalb markant, weil viele etablierte Lernprodukte eher auf Übungsstrecken, Leistungsstände und schrittweise Progression setzen. Wettbewerber wie Khan Academy oder spezialisierte Anbieter wie „Art of Problem Solving“ (AoPS) verfolgen zwar ebenfalls Verständnisaufbau, starten jedoch häufig mit didaktisch gegliederten Erklärungen und Trainingspfaden. Vedic weicht davon ab, indem es die Motivation aus dem Feedback-Loops der Gruppe gewinnt: „Warte, wie haben die das gemacht? Lass mich ausprobieren“ ist im Ansatz kein Nebenprodukt, sondern die Absicht. Lernpsychologisch entspricht das einem Wechsel von extrinsischer Ergebnisorientierung hin zu intrinsischer Problemneugier, wie Experten der Bildungsforschung oft betonen: Wenn die kognitive Unsicherheit gezielt in Aktivität überführt wird, sinkt die Vermeidung.
Für den Markt ist zudem relevant, dass der Ansatz nicht nur „Motivation“ behauptet, sondern Unterrichtsvorgänge operationalisiert. Bernard beschreibt, dass Lehrkräfte nach dem Aufbau von Selbstwirksamkeit eine Situation einführen, in der die mentale Abkürzung scheitert. Damit entsteht eine Art dialogische Exploration, bei der Schülerinnen und Schüler nach Erklärungen suchen und im Prozess merken, dass Verstehen möglich ist. Diese Form der Didaktik erinnert an erfolgreiche Modellierungen in anderen Bereichen (etwa Hands-on-Lernen in Laborumgebungen), skaliert aber über die Methode der moderierenden Lehrkraft. Ein Analyst könnte das als Vorteil interpretieren, weil es die Hürde senkt, für jede Lerngruppe neue Inhalte zu entwickeln, während die didaktische „Dramaturgie“ relativ stabil bleibt.
Historisch ist die Idee, Lernen über Erfolgserlebnisse und kreative Fragestellungen zu fördern, nicht neu. In den 1970er- bis 1990er-Jahren experimentierten Schulen und Programme wiederholt mit „Mathe als Spiel“ oder „Entdecken statt Auswendiglernen“, oft jedoch mit der Schwäche, dass die mathematische Tiefe zu kurz kam. Reine Gamification-Mechaniken („Punkte sammeln“) hatten zudem Grenzen, weil sie nicht zwingend zu robustem Transfer führten. Vedic versucht, diese Schwachstellen zu adressieren, indem es die Freude direkt im mathematischen Kern verankert: Nicht „fünf Minuten extra“ sind das Ziel, sondern der Wunsch nach weiterer Übung, weil die Mathematik selbst als interessant erlebt wird. Damit wird ein psychologischer Mechanismus nutzbar gemacht, der langfristig wirken kann.
Unternehmensseitig ist die Umsetzung anspruchsvoll, weil Unterrichtsqualität stark von Training, Beobachtung und Iteration abhängt. Wenn Lehrkräfte „Trick“ und anschließendes Scheitern choreografieren sollen, braucht es eine klare Anleitung, wie die Bruchstelle gesetzt und wie die Diskussion moderiert wird. Hier liegt der technische Vergleich nahe: Während KI-Systeme in vielen Edtech-Produkten vor allem personalisieren (z. B. über Adaptive Übungsreihen), personalisiert Vedic über Interaktion und Gruppendynamik. Das kann ein Vorteil sein, wenn Datenzugriff oder Nachweispflichten an Grenzen stoßen. Für Entscheider in Schulen und Lernanbietern ist damit weniger die Frage „Welche Modelle haben wir?“ entscheidend, sondern „Wie konsistent ist die didaktische Pipeline?“
Regulatorisch und datenschutzrechtlich spielt das insofern mit hinein, als dass Edtech-Programme oft mit Schülerprofilen, Lernständen oder Videodaten arbeiten. Der vorgestellte Ansatz legt den Schwerpunkt jedoch auf die methodische Arbeit im Raum, also auf überwiegend pädagogische Prozesse statt auf große Mengen personenbezogener Tracking-Daten. Dennoch gilt: Sobald Vedic oder Partner Daten zu Fortschritten dokumentieren, müssen Zweckbindung, Aufbewahrungsfristen und Rollenmodelle (Verantwortlicher/Auftragsverarbeiter) sauber ausgestaltet sein. In der Praxis ist das besonders wichtig, wenn Minderjährige beteiligt sind und wenn Länder mit unterschiedlichen Rechtsrahmen eingebunden werden. Für die Einführung in Bildungseinrichtungen zählt darum ein Datenschutzkonzept, das zur tatsächlichen Datenminimierung passt.
Der angekündigte Wirkungspfad geht über Israel hinaus: Bernard sieht Mathe als Werkzeug, um analytisches und kritisches Denken zu stärken, und möchte dieses Mindset verstetigen. Auf Basis der beschriebenen Rückmeldungen berichten Schülerinnen und Schüler offenbar von einem starken Drang zur Teilnahme und sogar von zusätzlichen Sessions in den Ferien. Für den weiteren Marktausbau bedeutet das: Vedic wird seine Methode nicht nur in Pilotklassen, sondern in skalierenden Trainingsprogrammen für Lehrkräfte absichern müssen, idealerweise mit messbaren Indikatoren wie Engagement, Fehlerkultur und nachhaltiger Problemlösefähigkeit. Wettbewerber werden darauf wahrscheinlich mit noch stärkerer Lernpsychologie reagieren, während Vedic als Differenzierung die „didaktische Dramaturgie“ in den Mittelpunkt stellt. Die nächste Entwicklung dürfte weniger ein einzelnes Produkt-Feature sein, sondern eine ausbaubare Standardschicht für Unterrichtsinterventionen.
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