GRAZ / BONN / MÜNCHEN / LONDON (IT BOLTWISE) – Neue Studiendaten zeigen, dass rund 90 Prozent der Menschen mit akuten bzw. chronischen Schmerzen vor allem Medikamente erhalten. Gleichzeitig deuten die Ergebnisse darauf hin, dass physiotherapeutische und entlastende Verfahren deutlich seltener in den Behandlungsplänen landen, obwohl Fachleute deren Wirksamkeit betonen. Parallel dazu erhält ein cannabisbasiertes Fertigarzneimittel für neuropathische Rückenschmerzen in Deutschland eine Zulassung. Für Kliniken und Praxen rückt damit die Frage nach einem besser abgestimmten, multimodalen Therapieansatz erneut in den Fokus.

Schmerztherapie scheint in der Praxis oft noch immer vor allem zu bedeuten: Tablette oder Spritze. Die jüngsten Auswertungen, die an der Medizinischen Universität Graz entstanden sind, bringen dieses Muster nun in klare Zahlen. Für akute Schmerzen erhielten 90 Prozent der Patientinnen und Patienten Analgetika, bei chronischen Schmerzverläufen lag der Anteil bei 86 Prozent. Gleichzeitig fällt auf, wie selten nicht-medikamentöse Bausteine wie Physiotherapie oder Entspannungstechniken genutzt werden. Dass gleichzeitig neue medikamentöse Optionen hinzukommen, erhöht den Druck, die Versorgung künftig stärker als Gesamtstrategie zu organisieren.
Technisch und organisatorisch hängt die Umsetzung multimodaler Schmerztherapien weniger an der Verfügbarkeit einzelner Methoden als an der Durchgängigkeit der Behandlungslogik. In der Studie wurden Daten aus den Jahren 2021 bis 2023 analysiert, insgesamt 2.118 Fälle akuter und 955 Fälle chronischer Schmerzen. Die Arzneimittelwahl unterscheidet sich zwar nach Krankheitsbild: Bei akuten Beschwerden greifen Ärztinnen und Ärzte häufiger zu nichtsteroidalen Antirheumatika, während bei chronischen Verläufen vermehrt Opioide zum Einsatz kommen. Für die Praxis heißt das: Jeder Wechsel in der Therapie erfordert neue Abwägungen zu Wirksamkeit, Nebenwirkungen und Wechselwirkungen, insbesondere bei älteren und vorerkrankten Patientengruppen.
Der Markt reagiert, indem er sowohl medikamentöse als auch servicebasierte Versorgungsmodelle weiter ausbaut. Besonders sichtbar ist das bei cannabisbasierten Wirkstoffen: Anfang Juni 2026 erhielt das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte die Zulassung für Exilby, ein cannabisbasiertes Fertigarzneimittel des Münchner Unternehmens Vertanical. Adressiert wird es für chronische Rückenschmerzen mit neuropathischer Komponente. In einer Phase-3-Studie mit 820 Teilnehmern zeigte sich eine Schmerzreduktion von 1,9 Punkten gegenüber 1,4 Punkten in der Placebogruppe. Wettbewerber verfolgen dabei ähnliche Zielsetzungen; als Referenz werden in der Branche häufig bereits etablierte cannabinoidbasierte Therapien wie Sativex genannt, auch wenn Indikationen und Studienprotokolle variieren.
Für die Marktdynamik ist entscheidend, wie sich die neue Zulassung in bestehende Behandlungspfade einfügt. Ein Teil der Debatte dreht sich um das Abhängigkeitsrisiko: Der Hersteller betont, dass kein nachweisbares Abhängigkeitspotenzial bestehe, gleichzeitig brachen 17 Prozent der Teilnehmenden wegen Nebenwirkungen die Studie vorzeitig ab. Genau diese Kombination macht die nächste Frage für Kliniken und Kostenträger so anspruchsvoll: Wenn Medikamente häufiger eingesetzt werden, müssen Monitoring, Dosissteuerung und Nebenwirkungsmanagement besonders eng getaktet sein. Experten berichten daher zunehmend von einem strukturellen Versorgungsproblem, das weniger mit „Wirksamkeitsmagie“ einzelner Wirkstoffe zu tun hat, sondern mit Therapieorganisation und Kapazitäten.
Ein weiterer Treiber ist die Personalkrise, die sich als Risikofaktor in die Versorgung einschreibt. Der Verein „Second Victim“, der seit Mai 2021 auf die Folgen kritischer Ereignisse im Gesundheitswesen aufmerksam macht, liefert dabei einen zusätzlichen Kontext: In Österreich geben 80 Prozent der Gesundheitsmitarbeiter an, von Belastungen betroffen zu sein, und 70 Prozent kennen den Fachbegriff für diese Traumatisierungen nicht. Überlastete Pflegekräfte stehen zudem in direktem Zusammenhang mit schlechteren Behandlungsergebnissen; Studien deuten darauf hin, dass pro zusätzlicher Belastungseinheit das Sterberisiko um etwa sieben Prozent steigen kann. Für Schmerztherapie bedeutet das: Ohne genügend Personal wird multimodale Versorgung schwer planbar.
Technisch entsteht daraus ein Zielkonflikt zwischen kurzfristiger Symptomlinderung und langfristiger Funktionsverbesserung. Die Grazer Daten zeigen zwar, dass Physiotherapie bei rund 40 Prozent der Patientinnen und Patienten vorkam, doch Entspannungstechniken und komplementärmedizinische Ansätze lagen jeweils unter der Zehn-Prozent-Marke. Die Studienautoren sprechen in diesem Zusammenhang von einer überwiegenden Abhängigkeit von Medikamenten. Genau an dieser Stelle wäre eine bessere Koordination relevant: Bei chronischen Schmerzpatienten, die im Schnitt älter sind und häufiger pflegebedürftig auftreten, müssen Wechselwirkungen und Begleiterkrankungen besonders sorgfältig abgewogen werden. Eine multimodale Therapie lebt deshalb von standardisierten Einschätzungen, klaren Verantwortlichkeiten und einer verlässlichen Nachsteuerung.
Auch regionale Versorgungsstrukturen zeigen, wie dieser Umbau praktisch aussehen kann. Während große Kliniken nach neuen Strategien suchen, erweitern regionale Zentren ihr Angebot, um wohnortnahe Versorgung zu stärken. Das Regionale Versorgungszentrum Wesermarsch in Nordenham stockte im Frühjahr 2026 Personal in Schmerztherapie und Gynäkologie auf, um die Versorgung vor Ort zu verbessern. Ergänzend gewinnen nicht-klinische Unterstützungsformate an Bedeutung: Das Projekt „farbRaum“ am UniversitätsKrebszentrum Göttingen bietet Patienten und Angehörigen künstlerische Betätigung zur Krankheitsbewältigung, kostenfrei und ohne klinische Anmeldung zugänglich. Solche Angebote können zwar keine reine Pharmakotherapie ersetzen, adressieren aber Coping, Motivation und Lebensqualität – Faktoren, die in der Schmerzchronifizierung oft unterschätzt werden.
Für die Zukunft zeichnet sich damit eine doppelte Entwicklung ab: Einerseits werden neue medikamentöse Optionen wie Exilby den therapeutischen Werkzeugkasten erweitern, andererseits müssen die nicht-medikamentösen Bausteine organisatorisch aufgewertet werden, damit Kombinationen tatsächlich funktionieren. Marktbeobachter erwarten, dass sich in den kommenden Quartalen mehr Versorgungsmodelle durchsetzen, die Medikationspläne mit Physiotherapie, edukativen Elementen und engmaschigem Nebenwirkungs- und Verlaufsmonitoring verbinden. Für Entwicklerinnen und Entwickler sowie IT- und Prozessverantwortliche in Kliniken entsteht daraus ein konkreter Bedarf an verbesserten Dokumentations- und Steuerungsprozessen: Therapiepfade sollten messbar machen, wann welche Intervention wirksam greift und wie sie sicher neben Arzneimitteln läuft. Entscheidend bleibt zudem der Datenschutz, denn die Einbindung weiterer Datenströme aus Schmerzfragebögen, Therapiesitzungen und Medikationshistorien erhöht die Anforderungen an Zugriffskontrollen und Zweckbindung.
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