BRÜSSEL / LONDON (IT BOLTWISE) – EU-Verteidigungskommissar Andrius Kubilius warnt, dass Europa bei gemeinsamen Rüstungsprojekten bisher nicht zuverlässig liefert. Er verweist auf zähe Koordination in der Verteidigung, während die Zusammenarbeit in der Raumfahrt offenbar besser funktioniert. Als Beispiel nennt er FCAS als gescheitertes bzw. schleppendes Kampfjet-Vorhaben und fordert stärkere EU-weite Beschaffung statt nationaler Parallelmärkte. Die Kritik betrifft damit nicht nur die Industrie, sondern auch Planung, Lieferketten und Sicherheitsarchitekturen in der gesamten Union.

EU-Verteidigungskommissar Andrius Kubilius stellt der europäischen Verteidigungsindustrie ein eher ernüchterndes Zeugnis aus: Zwar wächst der politische Druck, Fähigkeiten schneller und gemeinschaftlicher aufzubauen, doch in der Praxis hakt es seiner Einschätzung nach immer noch. Besonders deutlich wird die Kluft zwischen dem, was im Raumfahrtumfeld durch europäische Kooperation gut funktioniert, und dem, was in der Verteidigung bislang kaum zu einem “durchschlagenden” Gemeinschaftserfolg führt. Für Unternehmen ist das mehr als Rhetorik: Es beeinflusst Budgets, Ausschreibungen, Lieferpläne und die Frage, ob Skaleneffekte entstehen oder erneut durch nationale Sonderwege zerrieben werden.
Technisch betrachtet liegt der Knackpunkt selten nur in der Entwicklung einzelner Systeme, sondern in der Abstimmung über ganze Systemverbünde hinweg. Ein gemeinsames Luftverteidigungssystem oder ein zukünftiges Kampfflugzeug-Ökosystem muss Anforderungen aus Sensorik, Datenfusion, Funk- und Netzwerkschnittstellen, Interoperabilität sowie Software- und Sicherheitsarchitekturen zusammenführen. Genau solche “End-to-End”-Schnittstellen sind in der Realität schwer zu standardisieren, weil nationale Bedarfslagen, Betriebsumgebungen und Beschaffungszyklen auseinanderdriften. Historisch hat Europa hier bereits mehrfach versucht, gemeinsame Plattformen aufzusetzen, etwa über PESCO und den Europäischen Verteidigungsfonds; die Umsetzung scheitert jedoch oft an Eigentumsrechten, Haftungsfragen und der Geschwindigkeit der Entscheidungsprozulen.
Als besonders problematisch sieht Kubilius, dass höhere nationale Verteidigungsausgaben die Zersplitterung zusätzlich verstärken. Seine Sorge: Staaten kaufen wieder verstärkt allein oder in kleineren Koalitionen ein – also in der Logik “zwei Länder, ein Projekt”, statt ein EU-weites Programm mit gemeinsamen Standards zu treiben. Das wirkt sich direkt auf die Marktdynamik aus: Wenn Beschaffung fragmentiert, steigt das Risiko mehrfacher Produktvarianten, nicht abgestimmter Lade- und Wartungsprozesse sowie von Lock-in-Effekten bei einzelnen Zulieferketten. Damit konkurrieren europäische Anbieter weniger gegen einzelne globale Rivalen, sondern auch gegen ihre eigenen Parallelentwicklungen. In der Marktdebatte vergleichen Analysten daher häufig den europäischen Ansatz mit laufenden US-getriebenen Modernisierungen, die trotz ihrer Größe stärker auf einheitliche Interoperabilitätsziele setzen.
Der Verweis auf das FCAS-Projekt zwischen Deutschland und Frankreich passt in dieses Muster: FCAS steht sinnbildlich für lange Vorlaufzeiten, wechselnde Governance-Strukturen und die Herausforderung, industriepolitische Ziele mit militärisch-technischen Anforderungen synchron zu halten. Als Gegenfolie lassen sich andere europäische Kooperationsinitiativen betrachten, etwa die britisch geprägte “Tempest”-Denkrichtung als Beispiel dafür, wie schnellere nationale oder blocknahe Fahrpläne entstehen können, wenn Governance und Zielbild schlanker gehalten werden. Für europäische Industriepartner bedeutet das: Wer sich zu stark an einem einzigen Pfad festbindet, kann bei Planänderungen schnell in Risiko geraten. Gleichzeitig schaffen klare EU-weite Spezifikationen und wiederkehrende Ausschreibungen Planungssicherheit und damit bessere Investitionsbedingungen für Forschung, Fertigung und Testinfrastruktur.
Ein weiterer Marktimpuls ergibt sich aus der Rolle von Daten und Software im Verteidigungsbereich. Moderne Systeme sind weniger “Hardware-Only” und immer stärker daten- und modellgetrieben: Sensorik liefert Rohdaten, Algorithmen müssen in Echtzeit Entscheidungen unterstützen, und Updates werden als permanenter Bestandteil des Produktlebenszyklus betrachtet. Genau hier entstehen jedoch neue Hürden bei der gemeinsamen Nutzung von Datenformaten, bei der Absicherung von Kommunikationswegen und bei der Frage, wie Tests über unterschiedliche Nutzergruppen hinweg vergleichbar bleiben. Aus Unternehmersicht wird deshalb nicht nur die Entwicklungsphase entscheidend, sondern auch die MLOps-ähnliche Disziplin für regelmäßige Modellvalidierung, Regressions-Tests und Sicherheitsfreigaben. Experten betonen, dass ohne gemeinsame Software- und Sicherheitsvorgaben Interoperabilität im Einsatz oft nur auf dem Papier gelingt.
Auch regulatorisch und sicherheitspolitisch verdichten sich die Risiken: Verteidigungsbeschaffung unterliegt in der EU besonders strengen Rahmenbedingungen, unter anderem durch nationale Sicherheitsinteressen, Exportkontrollen sowie Prüfmechanismen im Kontext von Beschaffungs- und Investitionsentscheidungen. Parallel greifen datenschutz- und sicherheitsbezogene Anforderungen, wenn Systeme personenbezogene oder sicherheitsrelevante Informationen verarbeiten, was je nach Anwendung auch neue Pflichten für Zugriffskontrollen, Auditierbarkeit und Datenminimierung auslösen kann. Hinzu kommt, dass Cyber-Resilienz in der Verteidigung kein “nice to have” ist: Jede gemeinsame Lösung muss so gebaut sein, dass sie auch bei Lieferketten- oder Komponentenrisiken nachvollziehbar bleibt. Kubilius’ Kritik zielt damit indirekt auf eine Governance, die technische Standards, Rechtsfragen und Sicherheitsanforderungen in einem gemeinsamen Programm zusammenzieht.
Für die nächsten Schritte zeichnet sich ein klarer Ausblick ab: Wenn die EU-Staaten nicht stärker europäisch beschaffen, drohen mehrere gleichzeitige Standards, die Entwicklungskosten treiben und den Markteintritt neuer Zulieferer erschweren. Gleichzeitig kann eine entschlossenere EU-Koordinierung genau jene Vorteile heben, die im Raumfahrtumfeld sichtbar wurden: gemeinsame Test- und Qualifizierungsverfahren, konsistente Schnittstellen, und ein planbarer Finanzierungskorridor über mehrere Jahre. Für Entwickler und Systemhäuser heißt das, dass sie sich stärker auf modulare Architektur, wiederverwendbare Komponenten und nachweisbare Sicherheits- sowie Interoperabilitätsnachweise einstellen sollten. Die wahrscheinlichste Entwicklung ist daher: mehr programmatische “Standardisierung” in Ausschreibungen – und ein Wettbewerb darüber, wer diese Standards am schnellsten und wirtschaftlichsten in funktionsfähige Systemverbünde übersetzt.
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