BERLIN / LONDON (IT BOLTWISE) – Berlin will das Internationale Congress Centrum (ICC) nach Jahren des Stillstands in ein Zentrum für Kunst und Kreativwirtschaft umwandeln. Geplant ist die Vergabe an einen Betreiber im Erbbaurecht über 99 Jahre. Laut vorliegenden Konzepten soll ein internationaler Magnet entstehen, der an Vorbilder wie das Centre Pompidou anschließt. Entscheidend werden dabei nicht nur die Sanierung, sondern auch die Betreiberstrategie und die langfristige Wirtschaftlichkeit.

ICC in Berlin: Vom Kongress-Panzerkreuzer zum Kulturmagneten
ICC in Berlin: Vom Kongress-Panzerkreuzer zum Kulturmagneten (Foto: IT BOLTWISE)
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Berlin steht beim ICC vor einer typischen, aber zugleich anspruchsvollen Transformation: Ein monolithisches Kongressgebäude aus der Spätmoderne soll seinen zweiten Lebenszyklus als kultureller Anker finden. Die Stadt diskutiert die Umnutzung seit Jahren, doch nun rückt ein konkreter Fahrplan in den Vordergrund. Am 24. Juni sollen Ergebnisse eines Konzeptverfahrens präsentiert werden, das den Weg in Richtung Kunst, Kultur und Kreativwirtschaft ebnen soll. Der inoffizielle Beiname „Panzerkreuzer Charlottenburg“ und die lange Wahrnehmung als „Lost Place“ zeigen, wie stark das Gebäude in der Öffentlichkeit verankert ist – und wie groß die Erwartungen an eine glaubwürdige Wiederbelebung sind.

Technisch betrachtet ist das ICC dabei kein bloßes „Umwidmen“ im Verwaltungsprozess, sondern eine bauliche Gesamtaufgabe. Das Gebäude wurde 1979 eröffnet und war über Jahrzehnte Teil des Berliner Messe- und Kongresssystems, bevor es 2014 nach Schadstofffunden geschlossen wurde. Solche Altlasten definieren spätere Entscheidungen über Sanierungsplanung, Bauabschnitte und Sicherheitskonzepte bis hin zur Logistik auf der Baustelle. Wenn aus einem Kongressstandort ein Kultur- und Kreativzentrum werden soll, muss außerdem die Betriebsarchitektur mitziehen: Wegeführung, Brandschutzkonzept, Gebäudetechnik, Belüftung und die akustische sowie visuelle Anpassung an Ausstellungen und Performances sind zentrale Stellschrauben.

Gerade deshalb ist die Sanierungs- und Umsetzungsrealität für die Wirtschaftlichkeit entscheidend. In der Diskussion taucht eine ältere Kostenschätzung aus dem Jahr 2012 von 330 Millionen Euro auf, die heute voraussichtlich deutlich überholt wäre, weil Preisniveaus, Anforderungen und Bauzeiten seitdem gestiegen sind. Dass Wirtschaftssenator Stephan Schwarz das ICC dennoch als Besucher-Magneten mit Potenzial beschreibt, verdeutlicht den strategischen Blick nach vorn: Vergleichbare Leuchtturmstandorte wie das Centre Pompidou gelten in diesem Kontext als Referenz, auch wenn sich Nutzung und Zielgruppen unterscheiden. Technisch ist der Unterschied zwischen „Kongress“ und „Kulturbetrieb“ spürbar: Auslastung, Ticketing, Veranstaltungsrhythmus und Umbaugeschwindigkeiten greifen stärker ineinander.

Auf der Marktseite wird die Frage nach dem Betreiber zu einem Prüfstein. Im Herbst 2024 startete ein internationaler Wettbewerb zur zukünftigen Nutzung, bei dem Berlin das Gebäude für 99 Jahre im Erbbaurecht vergeben will. Aktuellen Berichten zufolge soll die Leipziger Kunst- und Kreativkomplex-„Spinnerei“ als potenzieller Betreiber im Fokus stehen, mit der MIB AG als koordinierender Akteur. Aus Wettbewerbssicht ist das ein klares Signal: Berlin sucht offenbar nicht nur einen Veranstalter, sondern einen Partner, der langfristig ein Ökosystem aus Ateliers, Projekten und kulturellen Angeboten aufbauen kann. Experten beobachten dabei häufig, dass sich solche Standorte nur halten lassen, wenn Flächenmischung, Finanzierung und Governance sauber austariert sind.

Bemerkenswert ist auch die Ausgestaltung des Verfahrens selbst: Die Wirtschaftsverwaltung kommunizierte, dass in die nächste Runde nur eine Bietergemeinschaft mit den Anforderungen des Teilnahmewettbewerbs durchdringen konnte. Das spricht für ein konsequent an Prozessqualität gekoppeltes Auswahlverfahren, also weniger „Wer hat gerade die schnellste Idee?“, sondern eher „Wer kann den Gesamtbetrieb plausibel tragen?“. In der Praxis bedeutet das, dass Konzepte für kulturelle Programmatik, Nutzergewinnung und Standortmarketing eng mit Bau- und Sanierungsplänen verzahnt werden müssen. Betreiber wie die Spinnerei stehen dabei in einem indirekten Wettbewerb mit anderen Kulturarealen, die bereits etablierte Netzwerke und Förderlogik besitzen – nur wer den Übergang zur neuen Identität verbindlich organisiert, gewinnt.

Historisch wirkt das ICC wie ein Lehrbeispiel dafür, wie schwierig die Rückkehr großflächiger Infrastruktur sein kann, wenn Umwelt- und Sicherheitsaspekte die Nutzung unterbrechen. Schon Ende 2018 kündigte der Berliner Senat an, das Gebäude wieder zu aktivieren, doch Grenzen wurden damals ebenfalls klar gezogen: Bestimmte Nutzungen, etwa aus dem Bereich der Bordell- oder Glücksspielbranche, wurden ausgeschlossen. Diese Entscheidungen zeigen, wie sehr die Stadt die Leitplanken für soziale Akzeptanz, Urbanität und öffentliche Wirkung setzt. Zudem wurden 2019 viele Nutzungsvarianten diskutiert, von einem Kongresshotel bis zu Gewächshaus-ähnlichen Konzepten. Der jetzige Fokus auf Kunst und Kreativwirtschaft wirkt wie eine Verdichtung dieser Optionen zu einem tragfähigen Profil.

Auch im Sinne von Regulierung und Compliance ist das Vorhaben mehrschichtig. Ein Gebäude, das wegen Schadstofffunden geschlossen war, muss in der Wiederinbetriebnahme den rechtlichen Rahmen von Umwelt- und Arbeitsschutzanforderungen erfüllen, bevor öffentliche Nutzung überhaupt möglich ist. Darüber hinaus spielt der langfristige Charakter des Erbbaurechts eine Rolle: Er beeinflusst Investitionshorizonte, Rückbau- und Instandhaltungslogiken sowie die Frage, wie Risiken zwischen Stadt und Betreiber verteilt werden. Für die künftige Öffentlichkeitswirkung ist zudem wichtig, dass Sicherheits- und Hygieneprozesse im Alltag „unsichtbar“ funktionieren: Von kontrollierten Zugangsbereichen bis zur dauerhaften Qualitätssicherung in der Gebäudetechnik, die für Ausstellungen und Veranstaltungen stabil sein muss.

Der Ausblick ist damit weniger eine reine Standortromantik als ein Betriebs- und Projektmanagement-Test. In den letzten Jahren wurden bereits kulturelle Öffnungen vorbereitet: 2021 und 2022 fanden Veranstaltungen statt, und später waren Besucher sogar über 48 Stunden kostenfrei vor Ort. Solche Formate sind strategisch, weil sie nicht nur Neugier erzeugen, sondern auch zeigen, wie das Publikum das Haus annimmt und wie flexibel sich Abläufe organisieren lassen. Wenn Berlin jetzt einen Betreiber auswählt, der die Transformation entlang eines realistischen Sanierungs- und Betriebsplans stemmen kann, könnten daraus neue Chancen für Entwicklerteams, Kreativschaffende und regionale Wertschöpfung entstehen. Entscheidend wird sein, dass das ICC nicht bloß ein „neuer Name“ ist, sondern ein wiederkehrender kultureller Taktgeber im Stadtraum – mit klarer Roadmap bis in die ersten Betriebsjahre.


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