TEHERAN / LONDON (IT BOLTWISE) – Eine neue Studie aus dem Iran liefert Hinweise darauf, dass gleichgeschlechtliche Anziehung in bestimmten Familienlinien gehäuft auftreten kann. Gleichzeitig zeigt die Auswertung, dass sich die Zahl biologischer Kinder je nach Geschlecht und Art der Anziehung unterschiedlich unterscheidet. Damit erweitert die Forschung das bisher stark euro-amerikanisch geprägte Bild zur Frage, wie genetische und familiäre Faktoren zusammenwirken. Für die Wissenschaft ist das ein Signal, auch methodisch und kulturell differenzierte Datensätze aufzubauen, statt Annahmen zu übertragen.

Studie aus Iran: Familiäre Häufung von gleichgeschlechtlicher Anziehung und Unterschiede beim Nachwuchs
Studie aus Iran: Familiäre Häufung von gleichgeschlechtlicher Anziehung und Unterschiede beim Nachwuchs (Foto: IT BOLTWISE)
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Gleichgeschlechtliche Anziehung gilt in der Evolutionsbiologie seit Langem als „Paradox“, weil sie auf den ersten Blick schlecht zur klassischen Vorstellung direkter reproduktiver Vorteile zu passen scheint. Dass solche Orientierungen trotzdem in vielen Gesellschaften auftauchen, hat Forschende über Jahre hinweg veranlasst, nach Beiträgen von Genetik, Verwandtschaft und sozialen Einflüssen zu suchen. Bisher stützte sich ein großer Teil der Evidenz jedoch auf westliche Stichproben, häufig mit einem Schwerpunkt auf cisgeschlechtlichen schwulen Männern. Eine neue Arbeit aus dem Iran setzt genau hier an und fragt, ob sich familienbezogene Muster und der Zusammenhang zu reproduktivem Output auch in einem anderen kulturellen Kontext zeigen.

Die Studie um das Autorenteam um Mostafa Sadr-Bazzaz untersucht dazu Daten von 1.534 erwachsenen Teilnehmenden, die zwischen November 2021 und September 2024 in drei Wellen rekrutiert wurden. Der Weg in die Stichprobe war dabei ausdrücklich breit angelegt: Online-Umfragen über in Iran verbreitete Plattformen, Schneeballsampling in Städten wie Mashhad und Teheran, Rekrutierung über eine Gender-Klinik in Mashhad, über Forschendenetzwerke sowie über öffentliche soziale Räume wie Cafés und Einkaufszentren. In einer späteren Welle kamen zudem Online-Poster hinzu, die gezielt Menschen mit unterschiedlichen sexuellen Orientierungen oder Geschlechtsidentitäten ansprachen. Methodisch ist das relevant, weil Auswahlwege die Zusammensetzung und damit die statistische Aussagekraft mitbestimmen.

Erhoben wurden neben dem soziodemografischen Hintergrund auch Angaben zu Geschlechtszuweisung bei Geburt, Geschlechtsidentität sowie die Frage, ob sich Teilnehmende als transgender bzw. transsexuell einordnen. Für die sexuelle Anziehung wurde eine 7-stufige Skala verwendet, die im Kern einer Kinsey-artigen Logik folgt und von ausschließlich heterosexuell bis ausschließlich homosexuell reicht. Aus diesen Antworten wurde eine Gruppierung abgeleitet, ob Teilnehmende cisgender oder transgender sind sowie ob ihre Anziehung zu Männern, Frauen oder beiden gerichtet ist. Zusätzlich wurden Kinderstatus und Anzahl getrennt nach biologischen und adoptierten Kindern erfasst. Für die Fragestellung „familiäre Häufung“ spielten zudem Angaben zu gleichgeschlechtlich angezogenen Verwandten eine zentrale Rolle, etwa bei Brüdern, Schwestern, Onkel-/Tante-ähnlichen Kollektiven oder maternal sowie paternal.

Die Ergebnisse liefern tatsächlich Hinweise auf eine familiäre Bündelung, allerdings nicht als ein einheitliches Muster über alle Gruppen. Bei Männern zeigte sich: Cisgender androphile Männer (bei Geburt männlich zugewiesen und Anziehung zu Männern) waren eher als cisgender gynephile Männer (Anziehung zu Frauen) dazu bereit, mindestens eine gleichgeschlechtlich angezogene männliche Verwandtschaft zu berichten. Dieser Effekt betraf dabei sowohl die maternale als auch die paternale Seite. Interessant ist, dass die Studie bei Männern keine klaren Gruppenunterschiede hinsichtlich der Häufigkeit gleichgeschlechtlich angezogener Brüder oder Schwestern fand. In der Praxis bedeutet das: „Verwandtenlinie“ und „Geschlechts-/Anziehungsprofil“ wirken zusammen, statt dass ein einzelner Mechanismus alles erklärt.

Bei Frauen zeichnete sich ein anderes Bild ab: Cisgender ambiphile Frauen (bei Geburt weiblich zugewiesen und Anziehung zu beiden Geschlechtern) berichteten häufiger gleichgeschlechtlich angezogene Schwestern als cisgender androphile Frauen. Außerdem waren cisgender ambiphile und cisgender gynephile Frauen im Vergleich zu cisgender androphilen Frauen eher dazu geneigt, eine gleichgeschlechtlich angezogene weibliche Verwandtschaft auf der maternal geprägten Linie anzugeben. Für die Interpretation ist das ein wichtiger technischer Punkt, weil es sowohl auf die Relevanz von Verwandtschaftsseiten als auch auf Unterschiede zwischen Anziehungsrichtungen und Geschlechtsidentitäts-/Ausdruckskategorien hindeutet. Im Vergleich zu früheren Arbeiten, die auf westlichen Stichproben oft stärker in einer Richtung „mitteln“, legt die iranische Stichprobe nahe, dass Heterogenität bei der Bildung von Gruppen nicht nur statistisch, sondern biologisch plausibel sein kann.

Noch klarer wird die Studie bei der Analyse des reproduktiven Outputs. Bei Männern berichteten cisgender gynephile Männer im Durchschnitt mehr biologische Kinder als cisgender androphile Männer, transgender androphile Männer sowie cisgender ambiphile Männer. Kurz gesagt: Männer mit gleichgeschlechtlicher Anziehung bzw. ambisexualen Mustern waren in dieser Stichprobe häufiger mit geringeren Zahlen biologischer Nachkommen assoziiert. Bei Frauen war der Gesamteffekt schwächer: Lediglich transgender gynephile Frauen meldeten signifikant weniger biologische Kinder als cisgender androphile Frauen. Cisgender gynephile und cisgender ambiphile Frauen unterschieden sich hingegen nicht signifikant von cisgender androphilen Frauen. Diese Differenz zwischen den Geschlechtern ist ein Signal dafür, dass der Zusammenhang zwischen Orientierung, Lebensverlauf und reproduktiven Kennzahlen nicht einfach über „eine“ mittlere Evolutionslogik abbildbar ist.

Bei aller Evidenz müssen Limitationen berücksichtigt werden, bevor man aus den Ergebnissen weitreichende Schlüsse zieht. Die Teilnehmenden waren überwiegend jung, gut ausgebildet und finanziell relativ gut gestellt; zudem wurden viele über netzwerkbasierte Methoden rekrutiert. Das kann dazu führen, dass bestimmte soziale Milieus überrepräsentiert sind und andere, etwa aus weniger sichtbaren Communities oder mit anderen Zugängen zu digitalen Plattformen, unterrepräsentiert bleiben. Zusätzlich waren einige Gruppen zahlenmäßig klein oder ungleich verteilt, etwa bei den cisgender gynephilen Frauen. Dadurch kann es passieren, dass reale Effekte statistisch „übersehen“ werden, weil die Power nicht ausreicht. Für Unternehmen und Forschungsteams, die solche Studien in Metaanalysen verarbeiten, folgt daraus: saubere Gewichtung und robuste Sensitivitätsanalysen sind entscheidend.

Für den wissenschaftlichen Kontext ist der Schritt gleichwohl bedeutsam, weil er die bisherige Fokussierung auf Euro-Amerika erweitert. Frühere konkurrierende Erklärungsansätze basieren teils auf Zwillings- und molekulargenetischen Studien, die eine familiäre Komponente nahelegen. Gleichzeitig betonen viele Expertinnen und Experten, dass genetische Effekte nicht automatisch „deterministisch“ wirken, sondern in Zusammenspiel mit kulturellen Rahmenbedingungen, Partnerwahl und gesellschaftlichen Restriktionen stehen. Gerade in unterschiedlichen kulturellen Umfeldern können Messungen von Orientierung, Vertraulichkeit und Familienangaben andere systematische Verzerrungen erzeugen als in westlichen Settings. Die iranische Studie positioniert sich damit nicht als endgültige Lösung des Evolutionsparadoxons, sondern als Erweiterung der Datenbasis, die neue Hypothesen zulässt und alte Annahmen prüfbar macht.

Auch aus regulatorischer und Datenschutzsicht lohnt sich ein genauer Blick auf die Erhebungsrealität: Themen wie sexuelle Orientierung, Geschlechtsidentität und familiäre Vermutungen über „angezogene“ Verwandte sind hochsensibel und verlangen besonders sorgfältige Rahmenbedingungen. Auch wenn im Text keine technischen Details zu Verschlüsselung oder Aufbewahrungsfristen genannt werden, sollten solche Projekte in der Praxis Standards wie informierte Einwilligung, Minimierung personenbezogener Daten und sichere Verarbeitungsketten umsetzen. Für Forschende bedeutet das zudem, dass Veröffentlichungen so gestaltet sein müssen, dass keine unbeabsichtigten Rückschlüsse auf kleine Gruppen möglich werden. Gerade wenn Stichproben in Teilkategorien klein werden, steigt das Risiko für indirekte Reidentifikation oder Stigmatisierungsfolgen.

Mit Blick auf die Zukunft dürfte die größte Wirkung dieser Arbeit darin liegen, dass sie die nächste Iteration von Studien beeinflusst: mehr Diversität in Rekrutierung, granularere Abbildung von Verwandtschaftslinien und differenzierte Auswertungen nach Geschlecht, Geschlechtsidentität und Anziehungsrichtung. Gleichzeitig deutet das Muster an, dass man nicht einfach „einen“ familiären Effekt annimmt, sondern dass Subgruppenanalyse inhaltlich begründet sein kann. Der nächste logische Schritt wären größere, besser balancierte Datensätze und idealerweise triangulierte Designs, die Familienberichte, genetische Indikatoren und biologische Reproduktionskennzahlen konsistenter verknüpfen. Für die Fachwelt entsteht daraus eine klare Erwartung: Die Diskussion über genetische und familiäre Beiträge zu gleichgeschlechtlicher Anziehung wird globaler, aber auch methodisch anspruchsvoller.


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