STUTTGART / LONDON (IT BOLTWISE) – Martin Brudermüller, Chef des Mercedes-Benz-Aufsichtsrats, fordert eine Rückkehr zur 40-Stunden-Woche ohne Lohnausgleich. Er begründet dies mit gestiegenen Arbeitskosten und einer Erosion der Wettbewerbsfähigkeit des Industriestandorts Deutschland. Laut Brudermüller seien Lohnkürzungen politisch und sozial kaum vermittelbar, deshalb müssten Unternehmen die Arbeitszeit als Stellschraube nutzen. Mercedes prüft intern nach Berichten bereits Effizienzoptionen, während gleichzeitig bundespolitische Vorschläge zu längeren Lebensarbeitszeiten diskutiert werden.

Mercedes-Benz verschiebt die arbeitsmarktpolitische Debatte mitten ins Management: Martin Brudermüller, seit April 2024 Vorsitzender des Aufsichtsrats, argumentiert für eine Rückkehr von der 35-Stunden- auf die 40-Stunden-Woche. Seine Stoßrichtung ist dabei nicht nur tarifpolitisch, sondern vor allem wettbewerbsstrategisch. In seiner Begründung steht der Gedanke, dass Deutschland trotz historisch hoher Produktivität keinen ausreichenden Vorsprung mehr gegenüber internationalen Wettbewerbern hat. Damit wird aus einem Thema der Tagespolitik eine Managementfrage, wie stark Personalkosten, Produktivität und Innovationszyklen in der Industrie zusammenspielen.
Technisch und organisatorisch betrachtet ist Arbeitszeitverkürzung zwar keine IT- oder KI-Grundsatzfrage, aber sie wirkt wie ein Parameter in einem komplexen Produktions- und Planungssystem. In Fabriken bestimmen Verfügbarkeit, Schichtmodelle, Wartungsfenster und die Kapazitätsplanung, wie schnell Variantenwechsel und Inbetriebnahmen für neue Fahrzeuggenerationen laufen. Wenn sich die Soll-Arbeitszeit ändert, verschiebt sich nicht nur die Bilanzgröße „Stunden“, sondern auch die Effizienzkennzahlen im operativen Alltag: Stückkosten, OEE-ähnliche Auslastungswerte, Fehlzeiten und die Geschwindigkeit, mit der Teams Qualifikationen für E-Mobilität und Software-nahe Fertigungsprozesse aufbauen. Genau hier wird verständlich, warum Brudermüller „Lohnkosten senken“ als Ziel formuliert.
Im Marktumfeld kommt die Forderung zur rechten Zeit und gleichzeitig unter Druck. Deutschland steht seit Jahren im Wettbewerb, in dem Arbeitskosten, Energiekosten und Lieferkettenstabilität gemeinsam bewertet werden. Während große Hersteller wie Volkswagen oder BMW ihre Produktionsnetzwerke und Standorte diversifizieren, bleibt das Thema Arbeitszeit in Deutschland ein zentrales Differenzierungselement. Branchenexperten weisen zudem darauf hin, dass die Produktivität allein selten reicht, wenn Investitionszyklen durch Nachfrageschwankungen und Kosteninflation beschleunigt werden. Brudermüllers Kernargument lautet daher: Ohne Verlängerung der Arbeitszeit, die nicht durch Lohnausgleich kompensiert wird, sei die Kostenlücke schwer zu schließen.
Der soziale Kontext ist dabei ebenso klar wie die Konfliktlinie. Brudermüller beschreibt Lohnkürzungen als praktisch schwer durchsetzbar, weil sie besonders Familien mit geringeren Einkommen treffen würden. Das macht die Debatte zu einem Spannungsfeld zwischen betrieblicher Steuerung und gesellschaftlicher Akzeptanz. Gleichzeitig betont er, dass es im Unternehmen bereits vorher Eingriffe in die Wochenarbeitszeit gab: Vor rund sechs Jahren wurden bei bestimmten Gruppen, die aufgrund tariflicher Regelungen unbefristete 40-Stunden-Verträge hatten, Mehrarbeit gekündigt und auf 35 Stunden reduziert – allerdings bei sinkenden Löhnen. Genau diese Logik kehrt sich nun in der Argumentation: Wenn der Arbeitsmarkt diese Relationen akzeptiert hat, soll die Umkehr ebenfalls möglich sein.
Relevante Markt- und Expertendiskussionen drehen sich deshalb weniger um die Frage „40 oder 35“ als um die Governance dahinter: Wie werden Zielkonflikte zwischen Kostenzielen, Qualifikationserhalt und Planungssicherheit gelöst? Aus Unternehmenssicht braucht es verlässliche Vereinbarungen mit Sozialpartnern, weil sonst der Investitionsrahmen für Werkumbauten, Qualitätsprogramme und Automatisierung leidet. Medienberichten zufolge prüft Mercedes zudem verschiedene Wege, um in Deutschland effizienter zu werden, ohne dass die Details öffentlich bestätigt wurden. In solchen Situationen vergleichen viele Unternehmen nicht nur Arbeitszeitmodelle, sondern auch den Mix aus Automatisierung, Leiharbeit, Schichtzulagen und Weiterbildung, um Produktivität und Motivation gleichzeitig zu stabilisieren.
Regulatorisch und im Sinne von Mitbestimmung ist die Debatte nicht „nur“ Verhandlungsthema, sondern berührt mehrere Ebenen. In Deutschland werden Arbeitszeiten durch gesetzliche Rahmenbedingungen sowie tarifliche und betriebsverfassungsrechtliche Regeln bestimmt; parallel verlangen Mitbestimmungsstrukturen, dass Betriebsräte und relevante Gremien frühzeitig einbezogen werden. Je stärker eine Maßnahme in die Lebensplanung der Beschäftigten eingreift, desto entscheidender wird die Ausgestaltung: etwa in Form von Übergangsfristen, Schutzmechanismen für besonders Belastete und klaren Kriterien, die Willkür verhindern. Datenschutz im engeren Sinne ist hier weniger der Kern, aber Compliance ist indirekt relevant, weil HR- und Zeiterfassungsdaten stets sauber, zweckgebunden und rechtssicher verarbeitet werden müssen.
Auch die politische Ebene schiebt zusätzlichen Druck auf die betriebliche Debatte. Brudermüller verweist auf Vorschläge aus der Rentenkommission, die längere Lebensarbeitszeit nahelegen. Er stellt dabei einen wirtschaftlichen Zusammenhang her: Wer länger lebt, müsse – so die Argumentationslinie – auch länger im Erwerbsleben bleiben, damit das System finanziell stabil bleibt. Für die Industrie bedeutet das: Selbst wenn Unternehmen Arbeitszeitmodelle lokal anpassen, bleibt die Frage, wie lange Qualifikationen im Betrieb nutzbar sind und wie sich Gesundheit und Weiterbildung über den Lebensverlauf hinweg organisieren lassen. Damit rückt die strategische Personalplanung stärker in den Vordergrund als kurzfristige Sparprogramme.
Historisch ist das Thema nicht neu, aber in der heutigen Unternehmensrealität anders gelagert. Frühere Diskussionen um Arbeitszeitmodelle waren oft konjunkturell geprägt und suchten nach kurzfristigen Instrumenten, um Beschäftigung zu sichern. In den letzten Jahren verschärfen jedoch Strukturthemen wie Technologiewechsel (Elektrifizierung und Software-Anteile), Werkumbau und die Notwendigkeit, Produktion und IT-nahe Prozesse enger zu verzahnen. Dadurch wird Arbeitszeit zu einem Hebel innerhalb einer Gesamtarchitektur aus Supply Chain, Fertigungsautomatisierung und Qualitätsmanagement. Viele Unternehmen beobachten deshalb, dass eine reine Betrachtung von Stundenlöhnen die Komplexität nicht abbildet, sondern nur den sichtbaren Teil der Kosten verschiebt.
Für die Zukunft dürfte entscheidend sein, ob Mercedes und andere Hersteller die Forderung als punktuelle Kostendebatte behandeln oder als Startschuss für ein neues Modell der Arbeitsorganisation. Brudermüller warnt vor einer Reformresistenz, die er als Risiko für die Stabilität des Standorts beschreibt. Sein Bild: Ohne ein klares Zukunftsbild und ohne mutige Reformen könne das Wachstum an Deutschland vorbeigehen. In der Unternehmenspraxis bedeutet das: Beschäftigungsfähigkeit, Weiterbildung und Planungssicherheit werden zur Währung. Wenn Arbeitszeitverlängerungen kommen, müssen sie mit Pfaden für Produktivitätsgewinne, gesundheitliche Nachhaltigkeit und transparente Zielsteuerung gekoppelt werden, sonst drohen Gegenreaktionen und eine Verschlechterung der Arbeitgeberattraktivität.
Technisch-konzeptionell lässt sich daraus eine betriebliche Lehre ableiten, die weit über Mercedes hinausreicht: Arbeitszeitpolitik ist ein Teil des „Operating Models“. Sie beeinflusst, wie schnell Teams aus Qualitätsdaten lernen, wie stabil Schichten für Wartung und Ramp-ups funktionieren und wie konsequent Standardisierung und Digitalisierung ausgerollt werden. Für Entwickler und Betriebsnahe IT-Teams heißt das wiederum: Prozessdaten zu Zeiten, Ausfall, Qualität und Personalkapazität sollten frühzeitig in eine belastbare Entscheidungslogik einfließen, damit Produktivität nicht nur behauptet, sondern messbar gemacht wird. Wenn es gelingt, Kostenhebel mit datenbasierten Verbesserungen zu koppeln, kann sich der Konflikt zumindest teilweise in eine nachhaltige Transformation übersetzen.
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