LONDON (IT BOLTWISE) – Neue Berechnungen argumentieren, dass der US-Verteidigungsetat die tatsächlichen Kosten von Krieg, Streitkräften und Folgelasten massiv unterschätzt. Ein Bericht schätzt für 2025 einen Korridor von rund 1,5 bis 1,8 Billionen US-Dollar und nennt mit Zinskosten sogar deutlich höhere Größenordnungen. Damit stellt sich die Debatte nicht mehr nur als parteipolitisches Streitfeld dar, sondern als Problem der Budgetlogik und fehlender Transparenz. Entscheidend: Wenn Milliarden außerhalb des Pentagon-Budgets versteckt sind, fehlt der demokratische Vergleich zu Bildung, Gesundheit und Infrastruktur.

US-Verteidigungshaushalt: Warum die echten Kosten deutlich über 1 Billion US-Dollar liegen
US-Verteidigungshaushalt: Warum die echten Kosten deutlich über 1 Billion US-Dollar liegen (Foto: IT BOLTWISE)
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Wenn in den USA über den „Verteidigungshaushalt“ gesprochen wird, geht es in der öffentlichen Wahrnehmung fast immer um die Zahl, die im Pentagon-Budget auftaucht. Genau dort setzt die aktuelle Argumentation an: Ein Bericht von Projektteams um David Vine, John Bellamy Foster und Gisela Cernadas vom Project On Government Oversight (POGO) kommt zu dem Schluss, dass diese Kennzahl den realen Umfang militärisch getriebener Ausgaben über Jahre hinweg stark unterschätzt. In der Folge entsteht das Bild, als hätte der US-Militärbudget erst „kürzlich“ die Schwelle von 1 Billion US-Dollar überschritten. Diese Vereinfachung ist laut Analyse nicht nur unvollständig, sondern methodisch irreführend.

Der Kern des Problems liegt nicht in einer einzelnen „falschen“ Zahl, sondern in einer buchhalterischen Zerlegung: Militärische Kosten werden über viele Bundesressorts verteilt. Während Kongressbewilligungen und Budgetstruktur häufig den Fokus auf das Pentagon legen, existieren erhebliche zusätzliche Ausgaben in anderen Haushalten. Besonders deutlich wird das bei Kernwaffen: Ein großer Teil der Kosten für Erhalt und Modernisierung des nuklearen Arsenals fließt über das Energieministerium und nicht über das Verteidigungsministerium. Dasselbe Muster gilt für Langzeitverpflichtungen aus dem Militärdienst. Renten, Gesundheitsleistungen, Invaliditäts- und Hinterbliebenenbezüge werden vor allem über das Department of Veterans Affairs und weitere Bundeskonten abgewickelt und tauchen in üblichen Verteidigungszahlen deshalb oft nicht in derselben Logik auf.

Technisch betrachtet lässt sich diese Budgetlandschaft wie ein „verteiltes System“ beschreiben: Es gibt keine zentrale, vollständige Schnittstelle, über die alle relevanten Ausgaben konsistent zusammenlaufen. POGO nutzt dafür mehrere Methoden, um den Gesamtumfang militärisch getriebener Ausgaben neu zu aggregieren. In der Darstellung werden als Basiswerte für 2025 mehrere Größen genannt, die je nach Methodik voneinander abweichen: In einem oberen Bereich liegen Berechnungen etwa bei rund 1,77 Billionen US-Dollar (Hartung/Smithberger), knapp darunter bei der Wheeler-Variante und bei Zahlen, die an USAspending.gov anknüpfen. Niedrigere Basiswerte ergeben sich bei anderen Ansätzen wie Cernadas/Foster bzw. National Priorities Project. Wichtig ist: Diese Unterschiede betreffen Definitionen und Datenquellen, nicht die Grundtendenz.

Für Unternehmen und IT-Verantwortliche wird die Debatte damit erstaunlich relevant, obwohl es „zunächst“ kein Technologieartikel über Software ist. Denn die gleiche Art von Transparenz- und Datenintegrationsproblem begegnet in vielen Governance- und Compliance-Szenarien: Wenn Kennzahlen aus unterschiedlichen Systemen, Rechtslogiken und Buchungskreisen stammen, entsteht eine Schieflage zwischen operativer Realität und Management-Reporting. In der Budgetwelt entspricht das der Frage, warum militärische Gesamtkosten nicht als einheitlicher Datensatz ausgewiesen werden. POGO argumentiert, dass selbst Journalisten und Analysten oftmals nur eine Teilmenge der tatsächlichen Ausgaben wiederholen. Der Effekt ist vergleichbar mit einem „unvollständigen Datenmodell“: Die Entscheidungen der Stakeholder basieren auf einer Oberfläche statt auf dem Gesamtbild.

Markt- und wettbewerbsseitig lässt sich das Argument auch über den Abgleich mit etablierten Referenzen verorten. SIPRI gilt zwar als international anerkannte Datengrundlage für globale Militärausgaben, wird in der Argumentation jedoch als zu niedrig eingeschätzt, weil bestimmte Summen außerhalb dessen liegen, was in den offiziellen Verteidigungsbudgets typischerweise als Department of War und verwandte Konten bezeichnet wird. Zudem wird USAspending.gov als eine der verwendeten Datenquellen genannt, allerdings ebenfalls mit dem Hinweis, dass die resultierende Zahl nur im Rahmen einer bestimmten Definition „vollständig“ ist. Selbst wenn unterschiedliche Organisationen unterschiedliche Methoden nutzen, kommt POGO zu einer konsistenten Schlussfolgerung: Der häufig zitierte Pentagon-Wert bildet die Realität nicht hinreichend ab.

Ein weiterer Faktor verstärkt die Diskrepanz: Kriegs- und Militäreinsätze wurden seit dem 11. September 2001 in erheblichem Maße kreditfinanziert statt über höhere Steuern. POGO spricht deshalb sinnbildlich von „credit card wars“ und integriert je nach Methodik Zinszahlungen auf militärisch getriebene Schulden. Dadurch steigen die Summen in der Bandbreite spürbar an, etwa von rund 1,71 Billionen US-Dollar bis hin zu Größenordnungen von über 2,28 Billionen US-Dollar, je nachdem, welcher Ansatz dafür gewählt wird. Hier verschiebt sich der Blick weg von kurzfristigen Haushaltslinien hin zu einer „Lebenszyklussicht“ der Kosten, die häufig politisch unbequem ist.

Im internationalen Kontext und mit Blick auf politische Steuerungsfähigkeit kommt es deshalb weniger auf semantische Unterschiede zwischen „Verteidigung“ und „Krieg“ an, sondern auf die Budgetpraxis selbst. Die Argumentation lautet, dass Kongress, Präsidenten und das Pentagon über Jahrzehnte hinweg Kosten in andere Ressortzuständigkeiten auslagerten – bewusst oder zumindest strukturell bedingt. Das hat Folgen für demokratische Rechenschaft: Bürgerinnen und Bürger können Prioritäten nicht sauber vergleichen, wenn wesentliche Ausgaben für militärische Aktivitäten über viele Akten und Konten verstreut sind. In einem Land mit mehreren Ausgabebereichen wie Bildung, Wohnen, Infrastruktur, Gesundheitsversorgung oder Klimaschutz wird der Vergleich ohne vollständige Daten zur schwierigeren Gedächtnisübung statt zur belastbaren Diskussion.

Regulatorisch und prüfpraktisch verschärft sich das Problem zusätzlich. POGO verweist darauf, dass unklare oder unzureichende Accounting-Prozesse im Verteidigungsbereich eine vollständige Gegenkontrolle erschweren. Wenn die öffentliche Hand ein Finanzsystem nicht wirksam auditieren kann, sinkt das Vertrauen in Kennzahlen – selbst dann, wenn die ursprüngliche Budgetplanung nachvollziehbar erscheint. Für die Politik bedeutet das: Transparenz ist nicht nur ein Kommunikationsziel, sondern eine Voraussetzung für wirksame Regulierung und wirksame demokratische Aufsicht. Für Behörden und Subauftragnehmer kann das wiederum Auswirkungen auf Vergabestrategien und Vertragscontrolling haben, weil belastbare Total-Cost-of-Ownership-Rechnungen plötzlich politisch eingefordert werden.

Im Ausblick fordert POGO konkret Reformen der Budget- und Berichtslogik. Der Gesetzgeber solle einen „wahren Gesamtbetrag“ militärischer und kriegsbezogener Ausgaben bereitstellen, idealerweise gebündelt in einer einzigen, konsistenten Größe. Zusätzlich wird gefordert, dass Mittel nicht durch das Verschieben in andere Behördenhaushalte „versteckt“ werden. Bis dahin, so das Argument, sollten Medien und Analysten aufhören, unvollständige Kongressdaten einfach zu wiederholen, und stattdessen die Lücke transparent machen. Für die künftige Debatte heißt das: Jede weitere Budgeterhöhung müsste im Licht der wahrscheinlich höheren Gesamtkosten bewertet werden – nicht allein gegen die enge Pentagon-Zahl.


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