VERDEN / CARMARTHENSHIRE / LONDON (IT BOLTWISE) – Pferdegestützte Lern- und Therapieformate rücken in den Fokus: In Verden laufen die WM-Vorbereitungen auf Hochtouren, während im britischen Carmarthenshire kostenlose Kurse mentale Stabilität fördern. Die Trainings setzen weniger auf „Reiten um jeden Preis“, sondern auf Bodenarbeit, Pflege und Beziehungsaufbau zum Tier. Gleichzeitig zeigt der Ausfall eines Bundestrainers, wie wichtig organisatorische Resilienz im Leistungssport ist. Experten erwarten, dass sich diese Methodik vom Freizeitsport bis in professionelle Teams weiter verbreitet.

Pferdegestützte Programme: Kostenlose Kurse stärken mentale Resilienz im Sport und Alltag
Pferdegestützte Programme: Kostenlose Kurse stärken mentale Resilienz im Sport und Alltag (Foto: IT BOLTWISE)
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Wer sich im Pferdesport auf internationale Wettkämpfe vorbereitet, unterschätzt oft den Teil, der nicht im Trainingsplan steht: mentale Druckreserven. Genau an diesem Punkt setzt die Professionalisierung an, die in den vergangenen Jahren deutlich spürbar wurde – von der Vorbereitung auf Sichtungen bis hin zu strukturierten Routinen für Stresssituationen. Parallel dazu wächst eine zweite Strömung: Programme, die psychische Belastungen über den Kontakt mit Pferden adressieren. Dass solche Ansätze nicht nur „nice to have“ sind, sondern in der Praxis stark nachgefragt werden, zeigt sich besonders an kostenfreien Kursen, die laut Berichten in wenigen Terminslots ausgebucht waren.

Im Leistungssport wird der mentale Anteil zunehmend wie ein Trainingsfeld behandelt. Für die Weltmeisterschaften der jungen Dressurpferde in Verden (5. bis 9. August 2026) läuft die Vorbereitung bereits auf Hochtouren: Am 22. Juni fand in Grüneingen ein spezielles Training mit dem Nationaltrainer Oliver Oelrich statt, das als Grundlage für die obligatorische Sichtung der fünf- bis siebenjährigen Pferde am Folgetag diente. Solche Trainingsblöcke dienen nicht nur der reiterlichen Technik, sondern sollen Leistungskonstanz unter Wettbewerbsdruck absichern. Der technische Kern liegt dabei weniger in „Geheimrezepten“, sondern in wiederholbaren Prozessen: definierte Abläufe vor dem Start, klare Kriterien und ein kontrolliertes Erwartungsmanagement.

Auch national wird der Zusammenhang zwischen Routine und psychischer Steuerung sichtbar. So sicherte sich Katharina Rhomberg bei den österreichischen Staatsmeisterschaften im Springreiten in Ebreichsdorf (20. bis 22. Juni) ihren ersten Titel auf Cassina 95 – trotz eines Abwurfs in der ersten Runde. Der konkrete Nutzen liegt auf der Hand: Nach Fehlern zählt die Fähigkeit, den Fokus schnell zurückzuholen, ohne in Selbstzweifel zu kippen. In einem anderen Kontext unterstrich Astrid Neumayer mit einem Sieg beim CDI3* in Pilisjászfalu (19. bis 21. Juni) die Bedeutung sportlicher Routinen, auch wenn eine WM-Teilnahme für ihr Pferd Pramwaldhof’s Bamboo derzeit nicht geplant ist. Für Teams ist das relevant, weil Routine nicht nur die Leistung, sondern auch die Teamkommunikation stabilisiert.

Die spannendste Entwicklung spielt jedoch jenseits des Turnkalenders: Pferde werden hier als „Therapeuten“ im erweiterten Sinne eingesetzt, um mentale Gesundheit zu unterstützen. Ein Beispiel ist das Projekt „Horsing Around“ in Carmarthenshire, das der Lluest Horse and Pony Trust in Kooperation mit West Wales Action for Mental Health umsetzt und über den Big Lottery Fund finanziert. Die Kurse sind kostenlos und richten sich an Menschen mit psychischen Problemen. Wichtig ist die Ausrichtung: Reiten steht nicht im Mittelpunkt. Stattdessen geht es um Bodenarbeit, Pferdepflege und den Aufbau einer Beziehung zum Tier – also um sichere, wiederholbare Interaktionen, die Orientierung geben, ohne dass Höchstleistung abgerufen werden muss. Hier liegt die kreative Ergänzung zum klassischen Therapie-Setup: weniger „Behandlungsdramaturgie“, mehr Alltagshandwerk.

Aus technischer Sicht lässt sich das als eine Form von strukturierter Verhaltens- und Kontextarbeit erklären – mit konkreten, physischen Rückmeldeschleifen. Während kognitive Ansätze oft auf abstrakten Modellen beruhen, liefert der Umgang mit einem Pferd kontinuierliches Feedback: Körpersprache, Tempo, Beruhigung durch ruhige Handgriffe oder das sichere Bewegen im Raum. Genau dadurch können auch Muster wie Prokrastination und Vermeidung adressiert werden: Wer Aufgaben aufschiebt, erlebt häufig einen Mix aus Überforderung, Angst vor Kontrollverlust und dem Wunsch nach „erst, wenn es perfekt ist“. Bodenarbeit und Pflege brechen diese Hürde in kleine, überprüfbare Schritte herunter. Im Vergleich zu reinen „Therapiegesprächen“ entsteht dadurch eine zusätzliche Ebene der Selbstwirksamkeit, die sich in Handlungsfortschritt übersetzen lässt.

Als Marktvergleich lohnt der Blick auf etabliertere Alternativen wie Hippotherapie oder therapeutisches Reiten, die in vielen Regionen als formalisierte Angebote existieren. Der Unterschied bei Programmen wie „Horsing Around“ liegt meist in der Zielgruppe und im Setting: Nicht jede Person kann (oder muss) in erster Linie reiten, um profitieren zu können. Das senkt Einstiegshürden und macht die Programme potenziell skalierbarer, weil weniger Trainingsausrüstung und häufig auch weniger spezifische Reitkompetenz erforderlich sind. In der Praxis konkurrieren diese Ansätze außerdem mit traditionellen Beratungs- und Trainingsangeboten, die Resilienz über Coaching und gruppenbasierte Workshops fördern. Entscheidend wird sein, wie gut sich Wirkung und Qualität über klare Standards dokumentieren lassen – etwa über Beobachtungsbögen, nachvollziehbare Ablaufpläne und qualifiziertes Personal.

Dass Resilienz im Sport auch operativ „organisiert“ werden muss, zeigt die parallele Lage im Leistungssystem. Der deutsche Vielseitigkeits-Bundestrainer Peter Thomsen liegt nach einem Reitunfall im Krankenhaus und kann die finale Sichtung für die im August 2026 beginnende Weltmeisterschaft in Aachen vorerst nicht persönlich leiten. Die personelle Lücke wird über Rodolphe Scherer als Übergangslösung geschlossen; die finale Nominierung und Sichtung der Kandidaten ist Mitte Juli im schweizerischen Avenches geplant. Für die Teams ist das eine harte Probe: mentale Belastbarkeit hängt hier direkt von organisatorischer Stabilität ab, weil Trainingspläne und Teamrollen sonst kurzfristig ins Wanken geraten. Exakt solche Wechsel zeigen, warum mentale Trainings inzwischen nicht mehr nur „nice for motivation“, sondern ein Teil von Risikomanagement sind.

Für die weitere Entwicklung zeichnen sich drei Linien ab. Erstens werden die Programme voraussichtlich stärker professionalisiert: mehr standardisierte Kursmodule, klarere Qualitätsindikatoren und eine bessere Abstimmung zwischen psychosozialem Know-how und animal assisted intervention. Zweitens dürfte der Wissenstransfer in andere Sportarten zunehmen; Berichten zufolge wurden 2026 im Turnsport Methoden zur Überwindung mentaler Blockaden und Ängste ausgezeichnet, wobei Visualisierung und emotionale Regulation eine zentrale Rolle spielen. Drittens steigt der Druck auf Datenschutz und Compliance: Sobald psychische Themen dokumentiert oder Teilnehmerdaten in Kursorganisationen verarbeitet werden, müssen Träger in der Praxis besonders sorgfältig mit Einwilligungen, Datenminimierung und Aufbewahrungsfristen umgehen. Genau diese „harten“ Anforderungen entscheiden häufig darüber, ob Angebote langfristig skalieren können – oder nur als Einzelprojekt bestehen.


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