BERLIN / LONDON (IT BOLTWISE) – Die Girocard soll ab dem Frühjahr 2027 auch in Händler-Apps nutzbar sein, wodurch mobile Zahlungen ohne Kreditkarte noch einfacher werden. Euro Kartensysteme nennt dafür konkrete Schritte wie ein Händler-Whitelisting, bei dem Stammkunden nicht bei jeder Transaktion erneut authentifizieren müssen. Parallel plant das Unternehmen neue Einsatzfälle rund um Mietwagen, Hotelbuchungen und eine elektronische Alterskontrolle an Automaten. Damit verfolgt die meistgenutzte deutsche Bezahlkarte einen klaren Weg von der Laden-Kasse in die App-Landschaft.

Die Girocard bleibt in Deutschland das Rückgrat des Kartenzahlens, aber sie bleibt nicht stehen. Euro Kartensysteme treibt die nächste Entwicklungsstufe voran: In-App-Zahlungen sollen voraussichtlich ab dem Frühjahr 2027 möglich werden. Damit rückt eine Kartenfamilie, die bisher stark auf den klassischen Kartenterminal-Prozess fokussiert war, näher an die Nutzergewohnheiten moderner Handels- und Mobil-Apps. Auf der Branchenveranstaltung „DK Info“ in Berlin betonte Girocard-Produktentwickler Christopher Kirsch, dass man in Gesprächen mit großen Lebensmittelhändlern steckt, um die Integration in deren Apps zu ermöglichen.
Technisch steht dabei weniger ein komplettes Neudenken der Karte im Vordergrund, sondern die Erweiterung der Girocard-Fähigkeiten in Richtung App-gestützter Zahlungsketten. Kirsch beschreibt als Kernelement ein Händler-Whitelisting: Nutzer können bestimmte Händler, bei denen sie häufig einkaufen, auf eine Liste setzen. In der Praxis bedeutet das einen Vertrauensanker in der Zahlungslogik, sodass nicht jede einzelne Transaktion zusätzlich authentifiziert werden muss. Aus Sicherheitssicht ist das eine interessante Balance zwischen Reibungsvermeidung und Schutzbedarf, vor allem, wenn die Authentisierung sonst in jedem Schritt neu ansetzt und dadurch die Conversion senkt.
Ein weiterer Aspekt ist die geplante Verzahnung mit dem Payback-Ökosystem. Girocard soll langfristig auch als Träger für Bonusvorteile funktionieren, die heute typischerweise über andere Zahlungsarten angesteuert werden. Kirsch kündigte an, man wolle Payback Pay für die Girocard nutzbar machen; Payback setze bislang noch auf Lastschrift und Kreditkarte. Als Beispiele für große Payback-Partner nannte er unter anderem Aral, dm, Edeka und Thalia, wo mobile Zahlungen bereits mit Payback Pay möglich sind. Damit konkurriert die Girocard nicht nur mit „digital-only“-Zahlwegen, sondern auch mit dem Komfort, den Kreditkarten im Mobile Commerce oft bieten.
Im Marktkontext ist das timing-technisch bemerkenswert: Während Wallet-Lösungen wie Apple Pay oder Google Pay in vielen Nutzungsszenarien bereits den Standard setzen, bleibt die Girocard in klassischen „Merchant-at-Point“-Flows stark. Die angekündigten In-App-Zahlungen zielen darauf, diese Lücke zu schließen, ohne dass Händler zwangsweise komplett auf kreditkartenbasierte Modelle wechseln müssen. Experten aus der Zahlungsbranche berichten üblicherweise, dass Händler vor allem dann umsteigen, wenn Gebühren, Backend-Integration und Nutzerführung gemeinsam stimmen. Gerade deshalb hebt Kirsch die erwartete Kostenlage hervor: Für Händler sei das Konzept „definitiv günstiger als eine Kreditkartenlösung“.
Historisch betrachtet ist die Girocard zwar nicht neu, aber ihr Rollenbild hat sich verändert. Von der klassischen EC-Karte entwickelte sich die Girocard über Jahre zu einer der etablierten Infrastrukturen für das bargeldnahe Zahlen in Deutschland. Gleichzeitig hat die Digitalisierung den Zahlungsalltag verlagert: Apps, Kundenprofile und digitale Treueprogramme verlangen nach Schnittstellen, die nicht nur an der Kasse, sondern auch im mobilen Checkout sauber funktionieren. Euro Kartensysteme versucht nun, diese Erwartungshaltung aufzunehmen, indem es zusätzliche Use Cases anschließt: Mietwagenbuchungen und Hotelreservierungen sollen voraussichtlich Anfang des nächsten Jahres möglich sein, weil die kartenseitigen Umsetzungen bei Kartenherausgebern (Sparkassen und Volksbanken) bereits realisiert seien.
Auch beim Thema Compliance und Risiko-Management ist die Initiative mehr als nur Komfort. Euro Kartensysteme will die elektronische Alterskontrolle ausbauen, die seit Mitte 2023 an Zigarettenautomaten genutzt wird. Wird dort mit der digitalen Girocard über Smartphone oder Smartwatch bezahlt, soll automatisch geprüft werden, ob der Käufer volljährig ist. Die gleiche Logik könnte künftig an SB-Kassen im Supermarkt oder an Verkaufsautomaten für Alkohol eingesetzt werden. Aus Regulatorik- und Datenschutzsicht ist das relevant: Altersverifikation braucht klare Prozesse, robuste Identitätsprüfung und eine datensparsame Umsetzung, damit Nutzerrechte und Haftungsfragen im Handel nicht zu einem Blocker werden.
Interessant ist außerdem, dass die Karte trotz Digitalisierung nicht „verschwindet“. Kirsch stellt klar, dass die physische Girocard vorerst bleibt; es gebe lediglich theoretische Optionen, rein digital zu gehen, sofern Karteninhaber das wollen. Gleichzeitig soll die Girocard nicht teurer werden: Euro Kartensysteme will die Kosteneffizienz auch mit den neuen Funktionen beibehalten. Das adressiert ein häufiges Dilemma in Zahlungsprogrammen: Neue Wege erhöhen typischerweise entweder Gebührenlast, Komplexität im Handling oder beides. Indem man Stabilität bei den Kosten verspricht, versucht man sowohl Händler als auch Banken als Multiplikatoren im Boot zu halten.
Für Unternehmen und Entwickler zeichnet sich damit ein praxisnaher Roadmap-Schritt ab: Bereits heute sind viele Handels-Apps auf Checkout-Workflows ausgelegt, die mobile Wallets und Kreditkarten bevorzugen. Mit Girocard-In-App-Zahlungen eröffnet sich eine zusätzliche Variante, die gerade bei stationär geprägten Märkten attraktiv werden kann. Der nächste entscheidende Punkt wird sein, wie reibungslos sich das Händler-Whitelisting in bestehende App-Identitäten integrieren lässt und wie gut das Zusammenspiel mit Treueprogrammen wie Payback Pay funktioniert. Wenn die Umsetzung tatsächlich zum genannten Zeitfenster startet, dürfte der Wettbewerb im deutschen „Mobile Commerce“-Segment spürbar intensiver werden – nicht unbedingt durch neue Kartenmarken, sondern durch bessere Zahlungsflüsse und weniger Reibung im Checkout.
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