GÖTEBORG / LONDON (IT BOLTWISE) – SKF startet mit einer strategischen Beteiligung an Anferra, um gefährlichen Schleifschlamm aus der Stahl- und Lagerindustrie in Sekundärrohstoffe zu verwandeln. Laut Ankündigung sind bis zu 470 kg CO₂-Äquivalente pro Tonne weniger Emissionen gegenüber konventioneller Entsorgung möglich. Der Prozess zielt auf bis zu 90% Eisenrückgewinnung und erzeugt zusätzlich Wasserstoff als potenziellen Energieträger. Damit rückt ein zentraler Problemstoff der Kreislaufwirtschaft in den Fokus – mit direktem Bezug zu EU-Regulierung und Carbon-Reporting.

SKF investiert in Anferra: Recycling von Schleifschlamm als Sekundärrohstoff
SKF investiert in Anferra: Recycling von Schleifschlamm als Sekundärrohstoff (Foto: IT BOLTWISE)
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SKF setzt mit einer strategischen Investition in die schwedische Startup Anferra auf einen Stoffstrom, der in der Stahl- und Lagerfertigung bisher vor allem als Entsorgungsproblem behandelt wird: gefährlicher Schleifschlamm. Solche Schlämme entstehen beim Metall- und Oberflächenschleifen, bestehen aus fein verteilten Metallpartikeln und Abrasivstoffen und enthalten zudem kontaminiertes Schleifmedium. In der Quelle heißt es, dass weltweit jährlich rund 12 Millionen Tonnen anfallen und ein Großteil bisher per Verbrennung oder Deponierung endet. SKF macht daraus ein Kreislauf- und Dekarbonisierungsprojekt und speist damit die Erwartungen der Industrie an verwertbare Sekundärrohstoffe statt gefährlicher Abfälle.

Technisch beschreibt Anferra einen Prozess, der den Schlamm nicht nur konditioniert, sondern chemisch in Nutzprodukte überführt. Kernidee ist die Umwandlung von Schleifschlamm in Ferrichlorid, ein gängiges Chemikalienprodukt für die Wasser- und Abwasserbehandlung. Als zweiter Nebenstrom wird Wasserstoff erzeugt, der als Energieträger weiterverwendbar sein soll. Besonders relevant für die Industrie ist die Rekuperation von Eisen: Laut Ankündigung erreicht das Verfahren bis zu 90% Eisenrückgewinnung bei deutlich geringerem Energiebedarf als übliche Entsorgungs- oder Recyclingpfade. Damit adressiert das Startup zugleich ein zweites Problem: die Zusammensetzungsstreuung im Schlamm, die Standardisierung bisher erschwerte.

Die potenziellen Effekte werden in der Meldung über eine CO₂-Bilanz quantifiziert: pro Tonne Schlamm nennt Anferra einen möglichen Netto-Nutzen von -470 kg CO₂-Äquivalente gegenüber konventioneller Entsorgung. Das wird mit der Größenordnung eines rein elektrisch gefahrenen Autos über 7.500 km übersetzt. In der Praxis dürfte jedoch die genaue Bilanz stark von lokalen Rahmenbedingungen abhängen – etwa davon, wie viel Energie für die Aufbereitung tatsächlich benötigt wird und wie stark der Strommix in der jeweiligen Region ist. Vergleichbar arbeiten in der Branche mehrere Akteure entlang von Hydrometallurgie-Ansätzen, bei denen chemische Umsetzungen Metalle aus komplexen Abfallströmen zurückgewinnen. SKF stellt hier explizit eine industrielle Anwendungsperspektive in Aussicht, statt nur Laborresultate zu promoten.

Marktseitig fügt sich die Investition in eine breitere Bewegung ein: Das europäische Ziel, Abfallströme stärker zu harmonisieren und Sekundärrohstoffe aufzuwerten, macht gefährliche Reststoffe zu einem strategischen Engpass. Die Meldung verknüpft den Schritt daher mit EU-Bemühungen zur Harmonisierung von Abfallregeln und einem funktionsfähigen Markt für Sekundärrohstoffe. Für Entsorgungs- und Recyclingunternehmen ist das attraktiv, weil sich mit neuen Rohstoffqualitäten zusätzliche Erlösmodelle ergeben könnten. Für SKF wiederum geht es um Glaubwürdigkeit im Carbon-Reporting und um Lieferkettenresilienz: Wenn Schleifschlamm nicht mehr als Abfall behandelt werden muss, verändert sich die Planbarkeit von Kosten, Genehmigungen und Rohstoffverfügbarkeit. Branchenexperten berichten zudem, dass Regulatorik und Nachweisführung (Stichwort: Abfallstatus, Schadstoffgrenzen, Auditierbarkeit) oft die größten Skalierungsbremsen sind.

Aus Unternehmenssicht ist auch die Investorenkonstellation auffällig, weil sie verschiedene Risiko-Komponenten adressiert. Stephen Industries soll dabei die Skalierung für Deeptech- und Greentech-Initiativen übernehmen, während SKF vor allem industrienahe Anwendungserfahrung, Kenntnisse über Volumina in den Stoffströmen und Nachhaltigkeitsexpertise einbringt. Chalmers Ventures ergänzt das Setup mit Venture-Building-Fähigkeiten und Verbindungen zur Forschungslandschaft. SKF argumentiert, dass das bereits intern verankerte Kreislaufprinzipien bündelt – darunter Remanufacturing von Lagern und die Nutzung von zirkulärem Öl über RecondOil. Gleichzeitig signalisiert die Meldung, dass weitere Themen parallel laufen, etwa Konzepte für recycelten Stahl mit sehr niedrigen Emissionen und Untersuchungen hydrometallurgischer Methoden. Diese Parallelität reduziert das Risiko, dass ein einzelner Pfad allein scheitert.

Der wahrscheinlich wichtigste Ausblick liegt in der praktischen Implementierung: Anferra will laut Aussage die industrielle Umsetzung weltweit beschleunigen und das Deponieren von Schleifschlamm signifikant reduzieren. Für die nächsten Schritte werden vermutlich zwei Fragen entscheidend: Erstens, wie robust die Anlagenkonfiguration mit wechselnder Schlammzusammensetzung arbeitet, ohne die Produktqualität von Ferrichlorid und die Nebenstromnutzung zu kompromittieren. Zweitens, wie das Genehmigungs- und Compliance-Setup für gefährliche Ausgangsstoffe in eine wiederkehrende Produktion überführt wird, ohne dass Auditaufwand oder Grenzwertfragen den Rollout verzögern. Wenn das gelingt, entstehen für Unternehmen neue Chancen in der KI-gestützten Prozessüberwachung, im Material-Tracking entlang der Produktion und in der automatisierten Erfüllung von ESG- und Umweltnachweisen – nicht als Selbstzweck, sondern als Voraussetzung für skalierende Kreislaufmärkte.


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