FRANKFURT / LONDON (IT BOLTWISE) – Nach Vortagesverlusten dreht der DAX zum Handelsstart moderat ins Plus und orientiert sich dabei an der 21-Tage-Linie. Der KI-Boom zeigt Wirkung: Micron schießt nach starken Quartalszahlen fast zweistellig nach oben und zieht Infineon, Aixtron und Süss Microtec deutlich mit. Gleichzeitig bleibt das Sentiment bei Rheinmetall nach dem gestrichenen Fregattenkauf angespannt, während Volkswagen durch den Verkauf von 51 Prozent an Everllence frisches Kapital einsammelt.

DAX legt zu: Micron treibt Halbleiter, Rheinmetall korrigiert und VW kassiert 7,4 Milliarden Euro
DAX legt zu: Micron treibt Halbleiter, Rheinmetall korrigiert und VW kassiert 7,4 Milliarden Euro (Foto: IT BOLTWISE)
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Nach den Vortagesverlusten hat der deutsche Aktienmarkt am Donnerstag mit einer vorsichtigen Erholung begonnen. Der DAX stieg im frühen Handel um 0,4 Prozent auf 24.842 Punkte und kämpfte sich damit über die 21-Tage-Linie als kurzfristigen Trendindikator, die bei 24.823 Zählern verläuft. Der MDAX legte zur gleichen Zeit um 0,2 Prozent auf 31.979 Punkte zu. Marktanalyst Timo Emden ordnete das Tagesbild als „lethargische Schaukelbörse“ ein: Die Anleger würden zwischen Zinssorgen und hohen Erwartungen an den KI-Sektor pendeln – und damit erst einmal Tempo aus dem Markt nehmen.

Technisch betrachtet ist das Zusammenspiel aus Trendindikator und Sektorrotation typisch für Phasen, in denen Makro-Impulse dominieren, aber einzelne Unternehmensnachrichten die Richtung für Teilsegmente vorgeben. Besonders sichtbar wurde das bei den Halbleitern: Das Kursfeuerwerk bei Micron nach den Quartalszahlen des Chipkonzerns sorgte dafür, dass deutsche Produzenten aus dem Speicher- und Equipment-Umfeld wieder Käufer fanden. Micron zog im außerbörslichen Handel um fast 20 Prozent an und steuert laut Marktbeobachtern auf ein mögliches Rekordniveau zu. Der Hintergrund: Die Nachfrage nach KI-Infrastruktur treibt den Bedarf an schnelleren und größeren Speicherlösungen in Rechenzentren, während Hersteller und Ausrüster ihre Kapazitäten in Erwartung weiterer Bestellungen planen.

Mit dieser Dynamik rückten die heimischen Gewinnerwerte in den Fokus. Infineon, Aixtron und Süss Microtec verbuchten Kursaufschläge von bis zu 8 Prozent. Für die Musterdeutung ist dabei relevant, dass Micron seine Stärke nicht nur über die Geschäftszahlen, sondern auch über den Ausblick transportierte. Marktexperte Andreas Lipkow vom Handelshaus CMC Markets brachte es auf den Punkt: Die Zahlen hätten selbst ambitionierte Erwartungen übertroffen und im Technologiesektor „Begeisterung“ ausgelöst. Wettbewerbsseitig lässt sich das auch als Hinweis auf den breiteren KI-Speicherwettbewerb lesen: Während NVIDIA als Plattformtreiber Rechenleistung liefert, entscheiden bei der KI-Ökonomie oft die Speicher- und Lieferkettenparameter darüber, wie schnell Modelle trainiert und inferiert werden können.

Nicht alle DAX-nahe Themen profitierten vom KI-Narrativ. Rheinmetall gab nach seinem starken Rücksetzer vom Mittwoch um weitere 0,6 Prozent nach. Hintergrund war ein Kursrutsch von fast 19 Prozent auf den tiefsten Stand seit Februar 2025, nachdem die Bundesregierung einen Fregattenkauf im Milliardenvolumen gestrichen hatte. Analyst Charles Armitage von der US-Bank Citigroup sprach dabei von einer Überreaktion: Der Marktwertverlust liege über dem, was die Bank mit dem entgangenen Deal rechnerisch begründet. In solchen Situationen reagieren Kapitalmärkte häufig doppelt: Sie bewerten nicht nur den unmittelbaren Verlust, sondern auch die kurzfristige Planbarkeit künftiger Aufträge. Genau hier bleibt das Sentiment volatil.

Auch auf der Einzeltitel-Ebene zeigte sich, wie stark Newsflow den Tag strukturiert. Volkswagen-Vorzugsaktien stiegen um 1,7 Prozent: Die Wolfsburger haben sich mit Bain Capital auf den Verkauf von 51 Prozent an ihrer Großmotorentochter Everllence verständigt und erhalten dafür 7,4 Milliarden Euro. Laut erster Einschätzung eines Händlers ist das zwar ein „schöner einmaliger Mittelzufluss“, allerdings unter der erhofften Bewertung von 8 bis 9 Milliarden Euro. Adidas gewann 1,8 Prozent, gestützt durch starke Verkäufe der WM-Trikots: Vorstandschef Björn Gulden nannte einen Rekord, man verkaufe dreimal so viele DFB-Trikots wie bei der WM in Katar vor vier Jahren.

Am Immobilienrand setzte sich die Logik aus Analyse und Kapitalflüssen ebenfalls fort: Vonovia legte um 1,6 Prozent zu, nachdem die Deutsche Bank eine Kaufempfehlung ausgesprochen hatte und Vonovia zu den bevorzugten Werten zählte. Thomas Rothäusler zeigte sich optimistisch für Wohnimmobilien-Unternehmen – eine Bewertungserzählung, die in Zeiten steigender Zinsunsicherheit besonders auf die erwartete Stabilisierung der Cashflows schaut. Für Grand City Properties und Aroundtown sowie Eckert & Ziegler lag der Fokus dagegen weniger auf Fundamentaldaten, sondern auf dem Dividendenabschlag, wodurch die Kurse am Donnerstag „rein optisch“ im Minus standen. Regulatorisch bleibt in derartigen Phasen vor allem die Qualität der Unternehmenskommunikation entscheidend: belastbare Prognosen, präzise Offenlegungen und saubere Risikohinweise wirken direkt auf die Marktreaktion. Für den weiteren Verlauf dürfte die Mischung aus Zinserwartungen und KI-getriebener Chipnachfrage den Takt angeben, während Einzeltitel-Nachrichten die Branchencluster weiterhin kurzfristig auseinanderziehen können.


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